Newtopia - Mechelen

Schöne neue Welt

Kunst, die Menschenrechtsverletzungen und Verbesserungsvorschläge aufzeigt

Kann eine Kunstausstellung über Entwicklung und Stand der Menschenrechte, noch dazu in der tiefsten belgischen Provinz, das rein Dokumentarische und Anklagende hinter sich lassen?

Die in Brüssel lebende griechische Ausstellungsmacherin Katarina Gregos hat Risiken dieser Art souverän umschifft. Und Mechelen als Standort ihrer Schau kommt nicht von ungefähr: Ende 2012 soll in der dortigen Kaserne Dossin, die im Zweiten Weltkrieg eine Sammelstelle der Nationalsozialisten war, von der aus 25 835 Juden sowie Sinti und Roma nach Auschwitz deportiert wurden, ein Holocaustzentrum eröffnen.

Auch den meisten der rund 70 teilnehmenden Künstler ist es gelungen, das beladene Thema mit eigenwilligen Interpretationen so zu verfremden, dass neue, überraschende Wirklichkeiten entstehen. Die Installationen, Gemälde, Video- und Fotoarbeiten berühren den Betrachter, ohne in einer reinen Ästhetik des Protests hängen zu bleiben: Die Porzellanteller des ukrainischen Künstlers Nikita Kadan sind von fast kitschiger Unschuld – bis der Betrachter entdeckt, dass Folterszenen darauf abgebildet sind. Der kafkaeske Film des Tschechen Jan Švankmajer über einen Gefangenen, der aus seiner Wohnung ausbrechen will, in der sich alle Gegenstände gegen ihn verschworen haben, jagt einem Schauer über den Rücken. Und die Glaspuppen, mit denen die Belgierin Lieve van Stappen den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche anprangern will, lassen uns frösteln: Eindringlicher können Schutzlosigkeit und Verletzbarkeit der Opfer kaum zum Ausdruck gebracht werden.

In der letzten Etappe dieser über acht Ausstellungsstätten verteilten Schau landet der Besucher in jenem Zeitalter, das der Ausstellung ihren Namen gegeben hat und in dem sämtliche Menschenrechte respektiert werden. In diesem "Newtopia" ist Palästina ein international anerkannter Staat geworden, und auf Lampedusa lässt ein Leuchtturm Flüchtlinge sicher landen. Wasserwerfer sind so überflüssig geworden, dass sie im Rotterdamer Hafen einen Tanz aufführen können, bei dem sie sich umgarnen und in die Arme fallen – bizarr, zärtlich und herrlich ironisch. "Pegasus Dance", wie diese Videoarbeit des Spaniers Fernando Sánchez Castillo heißt, ist das beste Beispiel dafür, dass selbst ein Symbol für Gewalt und Unterdrückung schlechthin zu Kunst verfremdet werden kann.

Newtopia. Der Stand der Menschenrechte

Der Katalog ist im Verlag Ludion erschienen und kostet 27,90 Euro
Mechelen, Cultuurcentrum, Academie voor Beeldende Kunsten u.a.
bis 10.12.
http://www.newtopia.be/en/#slide_0