Benedict Silverman - Interview

Wer will schon einen Heuhaufen haben?

Der New Yorker Sammler Benedict Silverman umgab sich mit besonderen Werken der Moderne. Im art-Gespräch verrät er, was ihn an der Kunst vom Anfang des 20. Jahrhunderts fasziniert hat.

Sie ist klein, aber exquisit: Gerade mal 25 Werke umfasst die Sammlung zur Klassischen Moderne, die der New Yorker Sammler Benedict Silverman in 40 Jahren zusammengetragen hat.

Sie verraten allesamt einen eigenwilligen Blick, der kaum durch kunstgeschichtliche Gewohnheiten gelenkt ist, sondern ganz auf der existenziellen Intensität des einzelnen Werks liegt. Der Schwerpunkt ist bei Egon Schiele gesetzt, von dem sich Hauptwerke wie das Aquarell "Frau mit Homunculus" von 1910 und das großformatige Gemälde "Die Tafelrunde" von 1917/18 in der Sammlung befinden. Die im Format winzige "Venus mit Handschuhen" von Otto Dix antwortet aus den aufgekratzten Vorkriegsjahren auf Lucas Cranachs Venus-Gemälde im Frankfurter Städel. Die Sammlung befand sich auf drei Etagen der legendären Wohnung des Zeitungstycoons William Randolph Hearst, die Benedict Silverman für sich umgebaut hat. Der 83-Jährige Immobilieninvestor verkauft nun Wohnung und Sammlung. Der Erlös geht in eine wohltätige Stiftung.

Herr Silverman, Sie haben eine kleine, aber sehr dichte Sammlung mit Werken der Klassischen Moderne zusammengetragen. Sind Sie mit dieser Kunst aufgewachsen?


Benedict Silverman: Nein. In meiner Familie hat sich niemand für Kunst interessiert. Das muss ich in meinen Genen gehabt haben. Anschauung gab es für mich keine.


Wie sind Sie dann zum Sammeln gekommen?


Meine erste Frau, die 1985 gestorben ist, und ich hatten ein Haus in Miami Beach gekauft. Das wollte ich mit Bildern dekorieren. Wir hatten es zuvor schon mit Möbel ausgestattet. Dabei wollte ich lieber historische Stücke, weil die ihren Wert nicht verlieren, wenn man sie wieder weggeben muss. Außerdem macht es Spaß, danach zu suchen. Wir kauften Art déco und Art nouveau, die wir dort lokal fanden. Dazu sollten Bilder passen. Wir haben welche gekauft und wieder verkauft, weil sie mir nicht gefielen. Ich fing an, in New York Auktionen und Galerien zu besuchen. So sah ich das Bild "Begebenheit in der Vorstadt" von Ludwig Meidner und war sofort davon gepackt.


Was hat Sie daran so fasziniert?


Auf dem Bild kämpfen zwei Männer. Ich dachte, der, der steht, das bin ich. Ich hatte damals gerade angefangen, im Immobiliengeschäft zu arbeiten. Ich entwickelte und finanzierte Einkaufszentren. Vorher war ich Anwalt. Das Bild traf meine Situation: Jedes Geschäft war schwierig. Ich kämpfte darum, mich gegen Wettbewerber durchzusetzen und vorwärts zu kommen. Auf dem Bild sind die Gebäude hinter mir am Zusammenbrechen, ich kann meine Arme nicht um den anderen herumkriegen. Ich leide. Ich kaufte das Bild, ohne etwas über den Künstler oder den Expressionismus zu wissen.


Haben Sie immer aus dem Bauch heraus gekauft?


Immer. Kunsthistorische Überlegungen, welche Richtung das war, woher ein Künstler kommt, wie wichtig er ist, ob ein Werk ein guter Deal sein könnte, alles das war mir nie wichtig. Mich interessierten nur Bilder, die eine emotionale Kraft hatten und zu denen ich mich ganz direkt in Bezug setzen konnte.


Welche Art von Kunst war das?


Sie war dunkel. Ich habe noch nie ein Bild gekauft, das schön im üblichen Sinn war. Landschaften á la Corot sind nichts für mich. Mir hat ein Händler einmal einen der berühmten Heuhaufen von Claude Monet angeboten. Er erklärte mir sehr detailliert, warum es ein so herausragendes Gemälde war. Und er hatte Recht. Es war wirklich ein sehr gutes Bild. Aber es blieb trotz allem ein Heuhaufen. Wer will in seinem Wohnzimmer schon einen Heuhaufen haben!


Warum ist Ihnen dieses Dunkle so wichtig gewesen? Haben Sie das mit dem 20. Jahrhundert verbunden?


Viel kommt davon, dass ich als Teenager die Krise mit Nazi-Deutschland sehr bewusst wahrgenommen habe. Ich habe, soweit ich weiß, keine Verwandten im Holocaust verloren, aber ich bin Jude. Die Vernichtung der Juden hat mich sehr getroffen. Das war sehr schwierig.


Haben Sie sich deshalb auf deutsche und österreichische Künstler der Moderne konzentriert?


Ich dachte immer, dass das, was in den frühen Jahren in Deutschland und in Österreich passierte, entscheidender für das 20. Jahrhundert war als das, was in Paris stattfand. In der Kunst wie in der Literatur und Wissenschaft. Denken Sie an Dada, Bertolt Brecht und Kurt Weill, an Sigmund Freud und die Psychoanalyse. Niemand hat eine vergleichbare Wirkung auf unsere westliche Gesellschaft wie diese Leute. Egon Schiele lernte von Freud. Ich war von dieser Kunst sehr berührt. Auch in der Musik. Die "Dreigroschenoper" von Weill ist ein zentrales Werk für mich, Brecht ist mein Held. Der einzige, der da mithalten kann, ist Samuel Beckett. Er ging nach Paris. Die meisten, die dort eine Rolle spielten, kamen von woanders her in die Stadt. Brancusi, Chagall, Modigliani, Picasso. Paris war einfach ein guter Ort zum leben.


Dennoch hat die Kunst aus Berlin und Wien Sie mehr interessiert?


Unbedingt! In Paris arbeiteten große Künstler, aber sie trafen nicht die Essenz dieser Zeit. Das intellektuelle und kulturelle Ferment, das das Jahrhundert definierte, war in Berlin und Wien. Dort behandelten Künstler die Realität, so wie sie war. In ihrer ganzen Härte.


Egon Schiele nimmt in Ihrer Sammlung eine zentrale Position ein. Wie kamen Sie zu ihm?


Ich sah ein Werk in der Galerie, bei der ich den Meidner gekauft habe. Dann reisten meine Frau und ich nach London. Dort wurden zwei Aquarelle für insgesamt 50 000 Dollar angeboten. Ich hätte sie sehr gerne gekauft, aber ich bekam das Geld nicht zusammen. Meine Bank wollte mir kein Darlehen geben für Kunst. Die kämpfenden Männer von Meidner hatten 15 000 Dollar gekostet. Die musste ich in Raten abstottern. Ich konnte dann 1972 eine Reihe von Kubin-Zeichnungen erwerben, das Stück für 1000 Dollar. Dieses Geld hatte ich. Den ersten Schiele habe ich kurz darauf für 10 000 Dollar bei einer Auktion gekauft. Es ist das Aquarell "Stehender Knabe" von 1910. Das ist für mich Schiele selbst.


Von Schiele ist auch ihr Lieblingswerk in der Sammlung.


Das ist die junge "Frau mit Homunculus". Schiele brauchte meistens kaum mehr als 15 Minuten für ein Werk. An diesem Aquarell arbeitete er jedoch ein Jahr. Es zeigt sein Modell und seine Geliebte, die von ihm schwanger wurde. Den Homunculus hat er später hinzugefügt. Das Bild erzählt eine Geschichte über ein einschneidendes Ereignis seines Lebens. Es gibt kein anderes Werk von 1910, in dem man so intensiv erfährt, wer Schiele damals war.


Sie haben auch das Bildnis der toten Ria Munk von Gustav Klimt in Ihrer Sammlung. Er hat die Tochter eines reichen Wiener Industriellen 1912 auf dem Totenbett gemalt als eine Art Shakespearescher Ophelia. Sie hatte sich aus Liebeskummer erschossen. Waren Sie auch an anderen Bildern Klimts interessiert?


Nein. Klimt ist ein großartiger Künstler, der beeindruckende Gemälde geschaffen hat. Aber sie sind mir zu dekorativ. Klimt ist nicht Schiele. Aber das Bild der toten Ria Munk ist sehr intensiv. Es zeigt eine junge Frau, die sagt: Das Leben ist nichts wert. Es gibt nicht viele solche Bilder von Klimt. Vielleicht noch sein "Judas".


In ihrer Sammlung befinden sich intensive Bilder von Otto Dix, George Grosz und Max Beckmann, aber kein Werk von Ernst Ludwig Kirchner. Der wäre für die Kunst in Berlin eigentlich doch zentral.


Vielleicht hätte ich eines der Straßenbilder gekauft, wenn es auf den Markt gekommen wäre. Das geschieht aber sehr selten. Das Einzige, das zum Verkauf kam, war die Straßenszene am Potsdamer Platz von 1913 aus dem Brücke-Museum in Berlin. Die hat Ronald Lauder zu einem sehr hohen Preis erworben.


Und die anderen Künstler der "Brücke"?


Der deutsche Expressionismus der Frühzeit hat eine außerordentliche Qualität, aber die einzelnen Bilder sprechen nicht zu mir. Vielleicht sind sie zu idealistisch und zeigen eher Hoffnungen der Künstler als die Realität. Für mich war immer die emotionale Wirkung entscheidend: Das ist, wer ich bin.


Und wieso verkaufen Sie diese Werke jetzt?


Es gibt in meiner Familie niemanden, der daran Interesse hat. Und ich muss mein Leben neu ordnen. Seit Anfang der siebziger Jahre habe ich versucht, eine konsistente Sammlung aufzubauen, so gut ich konnte. Wenn sie jetzt bei Richard Nagy in London gezeigt und mit einer Publikation begleitet wird, ist das ein Abschluss, der dieser Anstrengung entspricht.

Dieses Interview ist im art-Sonderheft mit der großen Jubiläumsserie zur Moderne erschienen. Das Heft erhalten Sie hier