Lou Scheper-Berkenkamp - Berlin

Auf Luftlinien balancieren

Eine Entdeckung: die wenig bekannte Bauhäuslerin Lou Scheper-Berkenkamp. Das Bauhaus Archiv widmet ihr jetzt eine erste Retrospektive.

Nein, die Doktrin des rechten Winkels und die Konfession zum Funktionalismus waren nicht unbedingt ihre Sache.

All jene strikten Leitsätze, die man klassischerweise dem Bauhaus zuschreibt, stießen bei der jungen Bauhäuslerin Lou Scheper-Berkenkamp auf verhaltene Gegenliebe. Dass die legendäre Kunsthochschule überhaupt weit weniger puristisch war, als man es gemeinhin in der Nachkriegsrezeption wahrnehmen wollte, wurde spätestens mit dem 90. Geburtstag des Bauhauses vor drei Jahren offensichtlich. An der als ausgesprochen fortschrittsoptimistisch erachteten deutschen Hochschule für Kunst und Design waren auch expressive, flamboyante, verspielte und komödiantische Strömungen auszumachen.

Lou Scheper liefert dafür ein schönes Beispiel, obwohl sie als Studierende die für das Bauhaus durchaus üblichen interdisziplinären Stationen durchlief: Vorkurs, Farb- und Formunterricht, Wandmalerei, Bühnenwerkstatt. Dennoch war sie mit ihren märchenhaft versponnenen Illustrationen und Zeichnungen eher Lichtjahre von Walter Gropius Devise "Kunst und Technik – eine neue Einheit" entfernt. Rückblickend auf ihre Dessauer Bauhausjahre merkte Lou Scheper 1930 durchaus süffisant an: "Ich finde labiles Gleichgewicht reizvoller als stabiles. Es ist verlockender auf Luftlinien zu balancieren als fest auf dem Dogma zu sitzen." Die Frau des Bauhausmeisters Hinnerk Scheper stellte sich bereitwillig künstlerisch in den Schatten ihres Gatten. Auch weil sich die Mutter dreier Kinder mehrheitlich familiären Dingen widmete, nicht zuletzt von 1925 an etwa zauberhafte Kinderbücher für den Privatgebrauch schuf.

Das Bauhaus-Archiv in Berlin widmet der nie mit einer wirklichen Übersichtsschau bedachten Künstlerin nun eine kleine, aber delikate Retrospektive. Und man reibt sich die Augen über die vor zeichnerischer Erfindungsgabe, Phantastereien, Humor und Melancholie nur so sprühenden Bauhausunbekannten Lou Scheper-Berkenkamp (1901 bis 1976). In den frühen Zeichnungen respektive Aquarellen lassen sich noch visuelle verträumte Spurenelemente von ihren Lehrern Johannes Itten, Lyonel Feininger und Paul Klee ausmachen. Doch bereits mit dem kolorierten Blatt "L'esprit de Weimar" von 1923 beweist sie eine souveräne Fabulierkunst voller kurioser Assoziationen. Hier kartografierte Lou Scheper mit illustrativen Architektureinsprengseln die nur für Bauhaus-Insider richtig entschlüsselbaren Topografie von Weimars Kulturstätten zwischen dem Kaiser-Kaffee und Georg Muches Haus am Horn, das sie als "l'oeuvre d'un archipeintre" bezeichnet.

Anlässlich seines 43. Geburtstags überreichte sie Bauhausdirektor Walter Gropius 1926 eine Papierarbeit, auf dem untypisch für Lou Schepers sonst miniaturhaften Stil das Aquarellbildnis einer mondän stilisierten Frau mit Schleier und Perlenkette auftauchte. Bis heute ließ sich die mysteriös aus leeren, gelben Augenhöhlen hervorstarrende Schönheit weder identifizieren noch deuten. Und die Skizzen, die im Kontext von Lou Schepers Tätigkeit für Oskar Schlemmers Bauhausbühne entstanden sind, transportieren in ihrer Zirkus-, Varieté- und Marionettenthematik viel von dem damals herrschenden burlesken Geist der Dessauer (Bühnen-)Feste. Wenig überzeugend sind hingegen die um 1930 während eines Aufenthalts mit Hinnerk Scheper in Moskau entstandenen, düsteren Straßenansichten – ihr kritisch erwachtes Sozialbewusstsein gerinnt plötzlich zu einem dumpf vermalten und konventionellen Realismus.

Lou Schepers "Phantastiken" speisen sich aus einer blühenden Poesiealben-Mentalität, die von Volkskundlichem und Karikierendem unterwandert ist. Und sie pfefferte ihre Zeichnungen gerne mit gewitzten, oft auch sarkastischen Bemerkungen zum Zeitgeschehen. Highlights sind ihre Bilderbriefe aus der Bauhauszeit, so etwa jenes nach einer Finanzamtforderung an ihren Mann Hinnerk Scheper verfasste ironische Lamento. Gestalterisch in die Komposition eingeflochten, beschwert sich Lou Scheper: "Wir dürfen nie mehr Schlagsahne essen – denn wenn Du ein Bild verkaufst, wird es mit Luxussteuer bemessen – und der Gewinnst [sic!] ist fort – indessen – wird Dich die Nachwelt nicht vergessen."

Auch nach dem Krieg setzte sie in Berlin ihre zeichnerischen Seiltänze fort, schloss etwa mit dem Ernst Wunderlich Verlag einen Vertrag zu neuen, kleinen Kinderbüchern ab. Die von ihr seinerzeit erfundene Odyssee von "Puppe Lenchen" ist nun in einem Reprint des 1948 erschienenen Büchleins wieder zu erwerben. Und sie arbeitete in Fortsetzung von Hinnerk Schepers am Bauhaus ertüftelten Prinzipien an Farbgestaltungen für öffentliche Gebäude in Westdeutschland, nicht zuletzt bezog Hans Scharoun sie in seine berühmtesten Architekturen ein. So zeichnete Lou Scheper für das unterdessen zerstörte Farbkonzept von Scharouns Berliner Philharmonie verantwortlich. Ihr dezidiertes Bekenntnis: "Farben dürfen nicht 'auf Socken laufen', sie müssen klare, eindeutige Elemente der architektonischen Gestaltung sein."

Lou Scheper-Berkenkamp

Bauhaus-Archiv Museum für Gestaltung
bis 14. Januar 2013
http://www.bauhaus.de/aktuelles/sonderausstellungen.html

Mehr zum Thema auf art-magazin.de

Mehr zum Thema im Internet