Russen & Deutsche - Berlin

Eine muffige Angelegenheit

Vom Mittelalter bis zum Bauhaus: Das Neue Museum versucht, 1000 Jahre deutsch-russische Kunst plus Geschichte plus Kultur zu zeigen. Unsere Berliner art-Korrespondentin Birgit Sonna hat sich das Mammutprojekt angesehen.

"Dies alles wird nur von den Mäusen und mir geliebt." Katharina die Große war offenbar wenig zuversichtlich, was die Resonanz auf die von ihr zusammengetragenen, Kunstschätze betraf.

Die aus dem deutschen Hause Anhalt-Zerbst stammende mächtige Zarin hatte für die Petersburger Eremitage unter anderen deutsche Großsammlungen aufkaufen lassen. Katharina II. täuschte sich grundlegend in der Wertschätzung ihrer Kollektion. Die Eremitage-Gemälde der Zarin bilden nun das Herzstück der Ausstellung "Russen & Deutsche: 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur". Mit veränderter Akzentsetzung ist die Schau aus Moskau vom Staatlichen Historischen Museum
ins Neue Museum übernommen worden.

Natürlich ist es legitim, jenseits politischer oder kriegerischer Animositäten auch einmal die immer wieder fruchtbaren Beziehungen der beiden Länder zu thematisieren. Leider gelingt dieser Ausstellung kein erzählerischer Spannungsbogen, vielmehr reiht sich ödes Referenzstück an Referenzstück. Es reicht einfach nicht, ein paar mittelalterliche Schachfiguren in eine Vitrine purzeln zu lassen, um an den in Nowgorod ausgegrabenen Spielsteinen aus Deutschland den intensiven wechselseitigen Handel zwischen 1200 und 1400 zu verdeutlichen.

Mit dem Versuch, 1000 Jahre deutsch-russische Kunst plus Geschichte plus Kultur abzugrasen, hat man sich übernommen. Da werden halbe Jahrhunderte mit wenigen Exponaten abgehakt, ohne dass sich wirklich kulturhistorische Konstellationen erschließen. Auch die Wechselbeziehungen zwischen
der russischen und deutschen Kunstavantgarde nach dem Ersten Weltkrieg kommen viel zu kurz, so etwa der starke Einfluss von konstruktivistischen Künstlern auf das Bauhaus in Dessau. Dafür wird Heinrich Vogeler, ein aus kommunistischer Überzeugung 1931 nach Russland emigrierten Jugendstilmaler, breiter Raum für seine sozialutopischen Illustrationen gewährt. Zwischen kunsthistorisch aufbereiteter Schmonzette und archäologischer Pedanterie schwanken die Kuratoren hin und her. Diese Ausstellung ist eine durch und durch muffige Angelegenheit. Auch Inkunabeln wie der ottonische Egbert-Psalter oder das einzig erhaltene Mosaik des Bernsteinzimmers können nicht verhindern, dass man am Ende mehr als verstimmt das Museum verlässt.

Russen & Deutsche: 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur

Berlin, Neues Museum
bis 13.1.

Ein Katalog und ein Essayband sind im Imhof Verlag erschienen und kosten 29,95 Euro und 39,95 Euro
http://www.smb.museum/smb/kalender/details.php?objID=25017

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