Antony Gormley - London

Die Architektur des menschlichen Körpers

Das White Cube in London zeigt Antony Gormleys neue Arbeit "Model" – eine 30 Meter lange und fünf Meter hohe liegende Figur, die dem Besucher ermöglichen soll, den eigenen Körper zu entdecken und zu verstehen.

Der Eingang befindet sich im linken Fuß (einen rechten gibt es nicht). Es ist dunkel im Inneren, je weiter man vordringt, desto dichter und unheimlicher wird die Dunkelheit.

Nichts ist, was es scheint: Eine sich auftürmende Wand entpuppt sich als Schatten, der sich vor der tastenden Hand auflöst; schattenhafte Tiefen verdichten sich zu stählernen Wänden. Vorsicht Kopf: Die Decke wird niedriger, schließlich muss man gar auf den Knien rutschen. Klaustrophobie setzt ein, doch dann von oben ein Lichtstrahl. Nur kurz wird es hell, dann umschlingt einen wieder die Dunkelheit.

Antony Gormley nennt seine neue Arbeit "Model" (2012) ein "reflektives Instrument", das es dem Besucher ermöglichen soll, den eigenen Körper zu entdecken und zu verstehen. Eine liegende Figur, Gormleys eigener Körper, aus verschieden großen Quadern zusammengesetzt, 24 an der Zahl, 100 Tonnen Cor-Ten Stahl, verschweißt und vernietet. Für ihn ist "Model" die Kulmination sich über mehrere Jahrzehnte erstreckender Arbeit: seine erste begehbare Skulptur, Plastik als Architektur.

Die Suche begann für ihn vor mehr als 30 Jahren in Indien, wo er auf den Straßen schlafende Bettler modellierte. In Tücher gehüllte Körper, die ihm schon damals wie Architektur vorkamen, die aber auch die Verletzlichkeit des Menschen zeigten. Seine Eisenplastiken, vom eigenen Körper abgenommen, wurden im Lauf der Zeit immer abstrakter, immer architektonischer. Er baute sie aus Quadern und aus Gestängen, sie standen, lagen, kauerten.

Gormley wehrt sich dagegen, die mehr als 30 Meter lange und fünf Meter hohe liegende Figur "Model" als Jahrmarkt-Spektakel einzustufen und damit als oberflächlich abzutun. Er ergeht sich in vielleicht etwas hoch gegriffenen philosophischen Erläuterungen, spricht vom "Austesten der menschlichen Natur" und von der Kunst als "Schleifstein für unsere eigene Vitalität". Dann wird er ganz prosaisch und möchte, dass der Besucher im Bauch seiner Figur "ein Schläfchen hält oder picknickt".

Auf dem Weg zur gewaltigen Südgalerie, die gänzlich von "Model" ausgefüllt ist, hat Gormley andere neue Arbeiten plaziert. Eine der gusseisernen Figuren lehnt sich an die Wand an, ohne deren Hilfe sie umfallen würde. Andere liegen auf dem Boden oder füllen eine Ecke aus. In einem weiteren Raum zeigt er Vorzeichnungen und Maquetten für "Model" und andere neue Arbeiten. Ein aufschlussreicher Einblick in die Arbeitsweise eines Künstlers, dessen Interesse an der Architektur des menschlichen Körpers ihn in immer neue Gefilde führt. "Mich interessiert die Kunst als transformativer Katalysator für das Leben", sagt er, und da kann der nächste künstlerische Schritt eigentlich nur der Entwurf eines Hauses sein. Gormley hat sich auch schon mit David Chipperfield, dem Architekten der Berliner Museumsinsel, zusammengetan. Casa Gormley ist da nur noch eine Frage der Zeit.

Antony Gormley. Model

Bis 10. Februar 2013
White Cube Bermondsay, London
http://whitecube.com/