Itten - Klee - Bern

Exzentriker vs. Analytiker

Ihre Lebenswege kreuzten sich oft, doch erst jetzt zeigt eine Ausstellung erstmals Werke der Maler Johannes Itten und Paul Klee nebeneinander.

Vielleicht standen sie sich zu nahe, um das Naheliegende zu bewirken.

Die Lebenswege von Paul Klee und Johannes Itten haben sich mehrmals gekreuzt, ihre Werke waren in der endlos abgenudelten Ausstellungsrevue von Klassikern der Moderne bisher jedoch noch nicht zum Dialog arrangiert worden. Itten wurde in einem kleinen Dorf im Berner Oberland geboren und erhielt durch den Musiklehrer Hans Klee in Bern Zugang zur Welt der Moderne. Dessen Sohn Paul machte sich in Zeichnungen über den Vater gerne lustig und suchte gleichwohl in seiner Malerei immer wieder die Nähe zur Musik. Begegnet sind sich die beiden Schweizer Künstler der Klassischen Moderne allerdings erst später. Itten besuchte den um zehn Jahre älteren Klee 1916 in München. Seit damals standen beide Künstler in intensivem Austausch. Und Itten engagierte sich dafür, dass Klee 1920 als Lehrer ans Bauhaus nach Weimar kam, an dem er selbst seit 1919 tätig war.

Der Dialog zwischen dem bisweilen esoterischen Exzentriker Johannes Itten und dem verspielten Analytiker Paul Klee wird im Kunstmuseum Bern erstmals im Hinblick auf ihren Umgang mit Farbe ausgeleuchtet. Christoph Wagner, Kunsthistoriker an der Universität Regensburg, führt die beiden Künstler zu einem Paarlauf zusammen. Das Haus bietet dafür beste Voraussetzungen. Hier ist die Johannes-Itten-Stiftung ansässig, und die Sammlung beheimatet Paul Klees kapitales Gemälde "Ad Parnassum", in dem der Maler nicht nur seine geistige Haltung, sondern auch seinen Umgang mit Farbe zum Ausdruck bringt. Farbtheorien waren zu Beginn des Jahrhunderts en vogue. Die Künstler der deutschen Romantik wurden wiederentdeckt, die pragmatischen Farblehren der Kunst-gewerbeschulen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts gesichtet. Farbe steht im kreativen Zentrum beider Künstler. "Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiß das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: Ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler", notierte Paul Klee im April 1914 während seiner Tunisreise beglückt ins Tagebuch. Johannes Itten steigert sogar noch diese existenzielle Dringlichkeit: "Farbe ist das Leben, denn eine Welt ohne Farben erscheint wie tot." Sowohl Klee wie auch Itten entwickeln eigene Farbenlehren, in welchen sie die Wahrnehmung und das Empfinden von Tönen und Kontrasten untersuchen. Farbe entfaltet für beide einen Kosmos mit eigenständiger Ordnung zwischen den Polen Schwarz und Weiß, und sie ist von der Aufgabe der Abbildlichkeit befreit. Itten zielt dabei eher auf Totalität, Klee bewahrt sich reflektierende Distanz.

In der Ausstellung wird die Auseinandersetzung mit Farbe chronologisch in fünf Etappen aufgefächert. Das Verhältnis zu Esoterik, Abstraktion und Natur liefert Stichworte. Neue Quellenfunde lassen die Beziehungen zu den Farbenlehren Goethes und Runges ebenso hervortreten wie die Auseinandersetzung mit den Farbscheiben Robert Delaunays. Und kapitale Werke von ungewöhnlicher Leuchtkraft garantieren ein sinnliches Erlebnis.

Itten – Klee. Kosmos Farbe

Bern, Kunstmuseum
bis 31.3.

Weitere Station: Berlin, Martin-Gropius-Bau, 25. April bis 29.Juli 2013

Der Katalog ist im Verlag Schnell & Steiner erschienen und kostet 34,95 Euro.
http://www.kunstmuseumbern.ch/de/sehen/heute/124-itten-n-klee--120.html

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