Rosa von Praunheim - Berlin

Der produktivste Schwulenfilmer der Welt

Der Filmregisseur Rosa von Praunheim ist 70 geworden. Eine Ausstellung im Haus am Lützowplatz in Berlin würdigt das bisherige Werk des Ausnahmekünstlers und zeigt in sieben thematisch gestalteten Räumen Filmausschnitte, Fotografien, Zeichnungen und Installationen.

Vor 40 Jahren nahm er mit dem Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" an der documenta 5 in Kassel teil, letztes Jahr erhielt er für seine Dokumentation "Die Jungs vom Bahnhof Zoo" den Grimme-Preis, und vor einem Monat wurden ihm 700 Minuten Sendezeit im deutschen Fernsehen zur Verfügung gestellt.

Holger Bernhard Bruno Mischwitzky alias Rosa von Praunheim ist einer der wenigen Dokumentarfilmer, die es in Deutschland zu einem großen Bekanntheitsgrad geschafft haben. Anlässlich seines 70. Geburtstages am 24.11.2012 bekam er die Gelegenheit, 70 neue Kurzfilme zu drehen. 39 davon wurden im rbb und sieben auf arte gezeigt. Außerdem sind die Filme mit einer Länge von insgesamt 20 Stunden unter dem Titel "Rosas Welt" deutschlandweit im Kino zu sehen. Auch in der Ausstellung "Rosen haben Dornen" in Berlin werden sie in einem kleinen Kino vorgeführt. Sie setzen sich aus Porträts, Lebens- und Sittenbildern, Interviews und kurzen Spielfilmen zusammen und ermöglichen dem Zuschauer intensive Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen. "Starke Frauen" wie die Schauspielerin Eva Mattes, "starke Schwule" wie der Regisseur Werner Schröter, aber auch "sensible Heteros" wie der Medienanwalt und Kunstsammler Peter Raue sind gemeinsam mit weiteren bekannten und unbekannten Protagonisten Teil von "Rosas Welt". Neben dieser Filmvielfalt sind in den Ausstellungsräumen am Lützowplatz die Höhepunkte von Praunheims bisherigem künstlerischen Schaffen zu sehen. Großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien der Stars aus seinen Filmen, Installationen von Männerakten, Filmauschnitte aus seinem legendären Werk "Die Bettwurst" oder Demo-Pappschilder für die Schwulenbewegung geben einen fundierten Einblick in die verschiedensten künstlerischen Projekte des schwulen Filmregisseurs. Eine Überraschung ist nicht nur die ausgestellte Skulptur von Rosa von Praunheim als Leiche, sondern auch seine bisher weniger bekannte Malerei.

Nach einem nicht abgeschlossenen Studium der freien Malerei an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin fing Holger Mischwitzky in den 1960er Jahren an, Experimental- und Kurzfilme zu drehen. Zur selben Zeit nahm er den Künstlernamen "Rosa von Praunheim" an, der einerseits an den Frankfurter Stadtteil Praunheim, in dem er aufwuchs, erinnern soll und andererseits eine Anspielung auf den Rosa Winkel ist, den die Nationalsozialisten zur Brandmarkung von Homosexuellen verwendeten. Mit der Aufführung seines 1970 gedrehten Films "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" sorgte er für einen Skandal im deutschen Fernsehen. Der WDR strahlte den Film zwar aus, doch wurde die vorgesehene parallele Aufführung der ARD kurzfristig abgesagt. Ein Jahr später zeigte die ARD den Film doch noch, woraufhin Bayern sich aus dem Programm ausschaltete. Dabei fängt er recht harmlos an: mit dem Versuch eines jungen, schwulen Paares, die bürgerliche Ehe zu kopieren.

Um die Auseinandersetzung mit den gutbürgerlichen Ritualen geht es auch in Praunheims 1971 ohne Drehbuch in zehn Tagen aufgenommenem und mittlerweile zum Kultfilm avancierten Spielfilm "Die Bettwurst". Mit einer gelungenen Mischung aus Sozialkritik und Humor erzählt der Film eine groteske und gleichzeitig triviale Handlung, in die sich die von Kleinbürgerlichkeit und Kleinkriminalität gezeichneten Hauptdarsteller Luzi und Dietmar verstricken. Praunheims Filme über Homosexualität, Aids, deutsche Bürgerlichkeit oder ungewöhnliche, ältere Frauen brachten stets intensive Diskussionen in der Gesellschaft mit sich und führten in Deutschland beispielsweise zur Gründung von über 50 Schwulengruppen. "Es macht Spaß, schwul zu sein, und es macht Spaß, Filme zu drehen" lautet ein heiteres Zitat Praunheims. Seine Filme wurden auf vielen Festivals gezeigt und haben mittlerweile auch international einen Kultstatus erreicht. Sein unkonventionell bis perverses Kino stellt mittlerweile keine Revolte gegen den guten Geschmack mehr dar.

Rosen haben Dornen

Bis 17.2.2013

Das Haus am Lützowplatz, Berlin
(jeden Samstag gibt es eine kostenlose Führung, unter anderen mit Rosa von Praunheim)

Rosa von Praunheims Gedichtband "Ein Penis stirbt immer zuletzt" ist im November 2012 im Martin Schmitz Verlag erschienen. Am 29.12. lesen die Schauspielerin Eva Mattes und Rosa von Praunheim im Haus am Lützowplatz daraus vor.

http://www.hausamluetzowplatz-berlin.de/index.htm