18 / 11 / 2008
Albert Oehlen
Interview
"ICH MAG DIE VORSTELLUNG VOM MALERFÜRSTEN"
Albert Oehlen, Ihre neuen großformatigen Arbeiten bestehen aus übermalten spanischen Werbeplakaten. Was will uns der Künstler damit sagen?
Albert Oehlen: Ich wollte Emotionen! Ich musste mir irgendwann eingestehen, dass mein Denken in Bezug auf Kunst ziemlich nüchtern ist. Ich analysiere vor mir selbst sehr genau, was ich tue. Was ich nicht brauche, lasse ich außen vor. Ich plane meine Schritte. Ich bin, was die Kunst anbetrifft, sehr unemotional.
Aber irgendwann faszinierten mich diese Aktbilder von Francis Picabia: Mir hat jemand erzählt, dass es ihm einfach große Freude bereitet habe, diese Frauen zu malen. Ich dachte: "Schade, so habe ich nie gearbeitet. Etwas, das ich ganz ernsthaft toll finde, einfach abzubilden." Gleichzeitig wollte ich immer Popkunst machen, große, farbige Sachen, die einen unmittelbar ansprechen. Über Jahre habe ich mich dann in Schritten dem Pop zu nähern versucht – in dem Sinne, dass ich Eigenschaften wie Farbigkeit, Direktheit und Heiterkeit anstrebte, die man gemeinhin dem Pop zumisst. Ich bin bei diesen Annäherungsversuchen mit einer ganzen Menge Bilder gegen die Wand gelaufen. Diese Arbeiten habe ich anschließend vernichtet. Aber dann habe ich doch noch einen Zugang gefunden. Der Schlüssel hierfür war eine Erinnerung aus meiner Jugend, also jener Zeit, in der man noch so ganz frisch und unbedarft den Konsumterror kritisiert hat. In meinen neuen Arbeiten klebte ich also Plakate auf Leinwand und schmierte dann Farbe darauf. Das klingt ganz einfach, aber als malerisches Projekt entpuppte es sich als ziemlich schwierig. Mein Anliegen war eine abstrakte Malerei, die durch penetrante Werbeelemente eine genervte Stimmung hat. Ich wollte die Bilder unbedingt als Malerei deklarieren können – im Unterschied zur Collage. Es ergeben sich gelegentlich Witze aus dem Zusammenspiel zweier Plakate. Aber da ist keine inhaltliche Aussage zu suchen, der Inhalt implodiert.
Die neuen Bilder sind der zweite Teil einer größer angelegten Serie.
Einen ersten Schub Bilder malte ich 2007 für eine Ausstellung in London. Die allerersten Versuche bestanden darin, Werbeanzeigen von Schlecker abzumalen, also niedrigstes Niveau – Werbung für Bau- oder Drogeriemärkte. Das ist aber nichts geworden.
Was spezifisch hat Sie an dieser Werbung fasziniert?
Es gibt neuerdings wieder Werbung, die alles andere als "sophisticated" ist: Werbung, die einen nur anschreit; Werbung, die üble Gelb-Rot-Kontraste nach vorne holt und bei der weiße Blockschrift mit schwarzen Schlagschatten versehen wird. Marktschreierische Anhäufungen von irgendwelchen Konsumartikeln. Ich habe also angefangen Werbematerialien dieser Art zu collagieren, sie zu übermalen, mit ihnen zu experimentieren. Indem ich die Aufteilung dieser Anzeigen übernahm, schuf ich mir die Möglichkeit, auf meinen Bildern mehrere Motive nebeneinander abbilden zu können, ohne notwendigerweise einen Sinnzusammenhang herstellen zu müssen. So gab es in der Londoner Ausstellung Bilder, in denen Waschmittelwerbung oder Werbung für Bratwürstchen und Deutschlandfahnen bezugslos nebeneinander standen. Irgendwie war diese erste Serie perverser konstruiert als die Arbeiten heute. Entsprechend war der Tenor in der Londoner Presse: Man wisse zwar nicht, ob man das jetzt gut finden solle, aber definitiv sei es eindringlich und verunsichernd gewesen.
Warum die Deutschlandfahnen?
Mit ihnen wirkte die Werbung noch schrottiger. Tatsächlich war mir in einer Anzeige für Campingstühle eine Deutschlandfahne aufgefallen. "Wie sind Phänomene wie diese übersetzbar in Kunst?", fragte ich mich. Um das zu steigern, habe ich über diese Bilder Textfetzen der Band Scooter drübergemalt. Von Scooter war ich schon seit langem fasziniert.
Was fasziniert Sie an Scooter?
Dass es bei denen nur um eine Stimmung geht, und kein Inhalt mehr zu finden ist. Scooter sind nur noch Form.
Ihren neuen Bildern haben Sie abstrakte Arbeiten von 1991 gegenübergestellt. In welchem Zusammenhang stehen die beiden Zyklen?
Es gibt keinen Sinnzusammenhang. Was soll ich also dazu sagen? Es ist zugleich kein Zufall, dass es keinen Zusammenhang gibt. Die Gegenüberstellung der Arbeiten war von mir so gewollt.
Warum so ausweichend? Möchten Sie Ihr Konzept nicht demystifizieren?
Es gibt kein Konzept, das demystifiziert werden könnte. Für mich hat die Gegenüberstellung ihren eigenen Reiz. Die Arbeiten von 1991 sind damals im vierten Jahr meiner abstrakten Malerei entstanden. Ich halte das für ein besonders gutes Jahr. Übrigens sind die Arbeiten von 1991 in Spanien entstanden.
Wie die neuen Bilder also …
Genau, die sind im Baskenland entstanden.
Wenn man so will, hätte man also eine Verbindung zwischen den Zyklen.
Man muss nur lange genug suchen, schon stellt sich ein Kontext ein.
18 / 11 / 2008
