Tizian - London

Am Pelz erkannt

Die Kunsthistoriker sind sich sicher: Das Porträt des Arztes Girolamo Fracastoro stammt nicht von einem unbekannten Renaissancemaler, sondern von Tizian. Die National Gallery stellt das Bild nun in der Hauptsammlung neben anderen Meisterwerken des Malers aus.
Wiederentdeckung im Keller:Die National Gallery findet einen Tizian im Depot

Noch lautet die offizielle Bildunterschrift: Tizian zugeschrieben: "Porträt eines Mannes (Girolamo Fracastoro?)", circa 1528

"Wie ist es möglich, dass sich tief in den Eingeweiden der National Gallery jahrelang ein Tizian verbirgt?", fragte Direktor Nicholas Penny den Journalisten des "Guardian", als er ihm das restaurierte Porträt eines bärtigen Mannes zeigte. Die Antwort blieb er schuldig. 1924 war das Gemälde mit 41 anderen aus der Sammlung des in Deutschland geborenen Industriellen Ludwig Mond in den Besitz des Museums übergegangen und fristete seither als Werk eines anonymen Renaissancemalers ein trauriges Dasein in der Reservekollektion im Keller. Bis das scharfe Auge und die Kennerschaft des Kunsthistorikers Paul Joannides den Stein ins Rollen brachten und es nun Tizian zugeschrieben werden kann.

Dass es sich bei dem Porträtierten um Girolamo Fracastoro handeln könnte, erklärt das Museum mit einem einst links unten an die Leinwand gehefteten Stück Papier, auf dem 'Dottore Fracastoro' zu lesen war. Fracastoro war ein 1478 geborener Arzt und Dichter aus Padua, das damals zu Venedig gehörte. Sein berühmtestes Werk ist ein Gedicht über eine aus der kurz zuvor entdeckten Neuen Welt eingeschleppten Geschlechtskrankheit, der er den Namen 'Syphilis' gab.

Die Entdeckung erfolgte keineswegs erst gestern. Schon im Januar vergangenen Jahres war dem Stiftungsrat des Institus auf einer routinemäßigen Sitzung das neu gereinigte Gemälde vorgeführt worden, und die versammelten Räte stimmten der neuen Zuordnung zu. Danach hing es als "Tizian zugeschrieben" in Saal 12. Das Museum machte keine große Geschichte aus der Entdeckung, auch auf der Webseite fanden sich lange keine Hinweise, und so reagierte die Presse überhaupt nicht. Lediglich die Webseite "Art History News" griff im April 2012 die Story auf und unterstützte die Zuschreibung, allerdings mit dem Vorbehalt, dass sich das Gemälde nun in schlechterem Zustand als zuvor befinde. An vielen Stellen sei die Leinwand sichtbar geworden, weil Lösungsmittel die Farbe entfernt hätten.

Dass der neue Tizian dann doch noch ins Rampenlicht rückte, liegt an einem ausführlichen Artikel, den die drei an der Zuschreibung beteiligten Kunsthistoriker in der Januarausgabe der Zeitschrift "The Burlington Magazine" vorlegten, neben Joannides auch die Konservatorin Jill Dunkerton. Was die Forscher schließlich von der Echtheit des Werks überzeugte, war nicht etwa das markante Gesicht des Porträtierten, sondern die Behandlung seiner luxuriösen Pelzstola aus Luchsfell. Noch kann sich das Museum nicht dazu entschließen, das Etikett "Tizian zugeschrieben" durch "Von Tizian" zu ersetzen. Aber das dürfe nur eine Frage der Zeit sein.

Mit dem Porträt von Girolamo Fracastoro besitzt die National Gallery nun insgesamt 16 Werke des Venezianers, die mit größter Wahrscheinlichkeit zumindest teilweise von seiner Hand stammen, unter ihnen so bedeutende Arbeiten wie "Bacchus und Ariadne" (1520/23) sowie das kürzlich gemeinsam mit der National Gallery of Scotland erworbene Paar "Diana und Acteon" und "Diana und Callisto" (1556/59). Damit könnte sich das Institut mit der wohl bedeutendsten Tizian-Sammlung der Welt brüsten, doch Direktor Penny räumt bescheiden ein, dass ja auch der Madrider Prado einige wichtige Werke besitze.

Von Doktor Girolamo Fracastoro erzählt man sich auch, dass er sich von bekannten Malern für medizinische Dienste mit Gemälden bezahlen ließ. Könnte es sein, dass der als Frauenheld verschriene Tizian womöglich an Syphilis erkrankt war und als Entgelt für seine Behandlung den Gelehrten porträtierte?