Bibliotheca Hertziana - Rom

Der schwebende Bau

Die Bibliotheca Hertziana in Rom, eine der international angesehensten Forschungseinrichtungen für Kunstgeschichte, ist durch einen spektakulären Neubau erweitert worden, berichtet art-Italien-Korrespondentin Ute Diehl

Es war kein kleiner Umzug: Rechtzeitig zum 100. Geburtstag und der offiziellen Einweihung des Neubaus kehrten vor wenigen Tagen 270 000 Bücher in die Regale der Bibliothek im Herzen Roms zurück.

Die Bibliotheca Hertzina ist eine der angesehensten Forschungseinrichtungen für Kunstgeschichte weltweit. Durchflutet vom mal goldenen, mal blauen und mal düster-grauen Licht des Himmels, bietet ihr Neubau einige Besonderheiten: Er ist von außen nicht zu sehen.

Da die Fassaden der beiden Palazzi, in denen die Bibliotheca untergebracht ist, erhalten werden mussten, kann man den neuen Prestigebau Roms von der Straße aus nicht mal erahnen. Vor 18 Jahren rief die Bibliotheca Hertziana einen Architekturwettbewerb aus. Keine leichte Aufgabe, galt es doch, aus statischen und brandschutztechnischen Gründen einen neuen Bibliothekstrakt in die historische Bausubstanz einzufügen. Die eingereichten Pläne des spanischen Architekten Juan Navarro Baldeweg überzeugten. "Ich konnte mich seitlich nicht ausdehnen und auch nicht in die Höhe gehen", sagt Baldeweg, "also holte ich das Licht vom Himmel her in die Gebäudemitte". Der spanische Architekt entwarf einen trichterförmigen Lichthof, um den sich die galerieartig zurückspringenden Lese-und Büchergeschosse nach oben staffeln. "La luz es materia", sagt er. Das Licht ist formender Teil der Architektur. Es fällt von oben – verstärkt durch eine schräge weiße Wand im Innenhof – hinunter bis in die erste Etage des 20 Meter tiefen fünfstöckigen Gebäudes.

Für die Ausführung und Bauleitung verantwortlich war Baldewegs römischer Kollege Enrico Da Gai. Nicht nur, dass er logistisch herausgefordert war – auf dem Areal der einstigen Gärten des Lukull, nur wenige Schritte von der Spanischen Treppe entfernt, waren zudem detaillierte Auflagen des Denkmalschutzes zu befolgen. 2003 dann wurde schließlich mit den Ausschachtungsarbeiten begonnen, und man stieß auf das Nymphäum des römischen Feldherrn und Feinschmeckers Lucius Licinius Lucullus. Um 60 vor Christus hatte der römische Senator und Feldherr hier, in seiner berühmten Gartenanlage, seinen Reichtum und seine Freizeit genossen und jene ausschweifenden Gastmähler gegeben, für die er bis heute bekannt ist.

Aufgrund des Nymphenheiligtums musste beim Neubau der Bibliotheca Hertziana also auf ein gegossenes Betonfundament verzichtet werden. Das Gebäude ruht heute auf 200 Mikropfählen, die 50 Meter tief in der Erde stecken. Der erdbebensichere Bau hängt mit seinem Kellergeschoss an Stahlseilen festgezurrt an den Pfählen. Dank dieser aufwendigen Konstruktion ist die archäologische Zone im Untergrund weiterhin zugänglich und durch ein Panzerglas hindurch sichtbar. Hydraulik-"Kissen" sorgen zudem dafür, dass sich der Bau unter dem zunehmenden Gewicht der massenhaften Bücher aus der Antike bis aus der Gegenwart selbst ausbalanciert.

Die Bibliotheca Hertziana selbst gehört zum Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte, sie ist aus der Stiftung der jüdischen Mäzenin Henriette Hertz (1846 bis 1913) hervorgegangen. Sie kaufte einen Palazzo, den der Maler und Kunsttheoretiker Federico Zuccari um 1600 für sich erbaut hatte. Als Gartentor entwarf der Manierist ein bizarres Höllenmaul, durch das man hindurchgeht. Es dient heute als Haupteingang. Die Kosten des Neubaus in Höhe von 20 Millionen Euro wurden zu zwei Drittel durch Bund und Länder und zu einem Drittel durch Förderer aus der deutschen Industrie aufgebracht. Ab 1. Februar stehen die Bestände der Bibliothek und Fotothek den Fachwissenschaftlern wieder zur Verfügung.

100 Jahre Bibliotheca Hertziana in Rom

Eine Ausstellung der Bibliotheca Hertziana – Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte
ist zur Zeit auch in der Sächsischen Landesbibliothek Dresden zu sehen.
bis 21. April
http://www.biblhertz.it/aktuelles/veranstaltungen/ausstellung-slub-dresden/