Twisted Entities - Leverkusen

Die Vorzüge der Mangelwirtschaft

Absurdes Theater und rostige Materialien: Im Museum Morsbroich zeigt sich die zeitgenössische polnische Kunst von ihrer besten Seite.

Im ersten Saal des Barockschlösschens lehnen ein Paar Beine an der Wand, als habe sie ihr Besitzer hier vergessen.

Gleich daneben liegt eine alte Euro-Palette auf dem Boden – eine blinkende, unter den Holzleisten versteckte Lichterkette taucht sie in orangefarbenes Licht. Im Leverkusener Museum Morsbroich beginnt der Rundgang durch die zeitgenössische polnische Kunst mit einem ihrer Altmeister: Miroslaw Balka hat sowohl die gipsfarbene Skulptur "Two Legs" gebaut als auch dem gammelnden Holz zu Kunststatus verholfen. Doch was ist daran besonders polnisch? Soll der Gips eine Anspielung auf die lange Leidensgeschichte des polnischen Volkes sein und die Palette ein Hinweis auf den maroden Zustand der europäischen Idee?

In der Kunst sind Etiketten, die man ganzen Nationen aufpappt, nicht weniger heikel als in der Politik. Aber auf dem Kunstmarkt helfen sie dagegen ungemein. Deutsche Maler verkaufen sich besonders gut, wenn sie dem Klischee des Grüblerischen, Romantisch-Zerrissenen oder auch Verstiegenen entsprechen – Anselm Kiefer, Gerhard Richter und Neo Rauch sind der lebende Beweis. Für Polen fallen einem nach der ausgezeichneten Ausstellung "Twisted Entities" vor allem zwei charakteristische Dinge ein: Der im Sozialismus geschärfte Sinn für das Absurde und die Liebe zum Gebrauchten, die auch nach dem Ende der Mangelwirtschaft nachwirkt.

Sehr schön kommen beide Motive in Robert Kusmirowskis "Variation über ein Thema von Andy Warhol" zusammen. Für diese Installation überlegte sich Kusmirowski, wie wohl Warhols berühmte Bilderserie "Campbell‘s Soup Cans" entstanden ist, und baute seine lustvoll verquere Vorstellung von Warhols Atelier nach. An der einen Wand steht das rostige Ungetüm einer Tomatenpresse mit polnischen Bedienhinweisen, in der anderen ein Karton mit Campbell‘s-Dosen. Hübsch aufgereiht sind Drucke mit der Konserven-Banderole aufgehängt, daneben läuft die gerahmte Vorlage geradewegs als Endlospapier in eine von Hand betriebene Druckmaschine. Amtlich wird dieses Arrangement durch einen wie fein säuberlich abgemalt wirkenden Brief, in dem der Marketing Manager von Campbell’s sein Bedauern darüber zum Ausdruck bringt, dass Warhols Werke mittlerweile zu teuer für seine Firma sind.

Potemkinsche Möbel aus den siebziger Jahren hat Jan Mioduszewski nach Leverkusen gebracht. Er verschraubt täuschend echte, aber deutlich windschiefe Bilder von Regal- und Schrankteilen mit echtem Mobiliar – ein tragikomischer Versuch, das eigene Heim nach mehr aussehen zu lassen als es ist. Gleich daneben hat Mioduszewski eine Leinwand in einen Schraubstock gezwängt; der dazugehörige Film zeigt eine Hand, die in eben diesem Schraubstock zu stecken scheint und sich die Zeit mit Fingerübungen vertreibt.

Ein ähnlich überzeugendes Schauspiel des Absurden führt Konrad Smolenski auf. Bei ihm bilden dutzende Mikrofone samt Gestänge einen Wald, dessen leises Gefiepe und Geraune sich zu einem wahren Geräuschorkan zusammenballt. Überhaupt zeigen die Teilnehmer der Ausstellung ein erstaunliches Gefühl fürs Material: Sei es, dass Zuzanna Janin Pflastersteine mit Hilfe von Strümpfen in skulpturale Formen bringt, oder dass Agata Madejska einem Tintenstrahldrucker ungewöhnlich filigrane Effekte abgewinnt. Am wenigsten Rohstoff benötigt Michal Budny für seine Kunst: Er zieht durchsichtiges Klebeband im Tafelbildformat auf die weiße Wand und beschwört mit einem hochkant über den Boden geschlängelten Papierband die Vorstellung der stets gefährdeten und im historischen Maßstab geradezu fließenden polnischen Grenzen herauf.

Die "Twisted Entities"-Ausstellung zeigt beispielhaft eine polnische Kunstszene, die ebenso klug wie überraschend mit Themen und Materialen spielt. Automatengleich produzierte Massenkunst sucht man hier vergeblich. Es sei denn, sie wird wie von Honza Zamojski in ihrem Werk "One Two, One Two" parodiert: Ein Kopiergerät spuckt, sobald jemand den Raum betritt und einen Bewegungsmelder auslöst, eine Kunstkopie zum Mitnehmen aus.

Twisted Entities – Zeitgenössische polnische Kunst

Museum Morsbroich Leverkusen, bis 28. April 2013
Der Katalog kostet im Museum 22 Euro und im Buchhandel 28 Euro.

http://www.museum-morsbroich.de