Astrid Klein - Berlin

Bilder sollen sich im Kopf einbrennen

In der Galerie Sprüth Magers in Berlin stellt die Kölner Foto- und Schriftbildkünstlerin retrospektiv ihre berühmten Collagen aus, kombiniert sie mit Malerei und einer Lichtkaskade aus Neonröhren, Insektenfängern, Transformatoren. Wir unterhielten uns mit der Pionierin der experimentellen Fotografie.

Auf den wandfüllenden Papierbahnen von Astrid Klein zeichnen sich in zergliederten Schwarzweißmotiven gespenstische Szenen ab: Ein Rudel von schemenhaften Wölfen huscht gespenstisch über einen Mauerstreifen, als handle es sich um Wiedergänger von Schäferhunden aus der Nazizeit.

Ansichten von wie nach einem Bombenanschlag, ausgehöhlte Hochhausfassaden wirken wie heutige mediale Projektionen. Man möchte nicht glauben, dass diese wie ganz jetztzeitige Gobelins wirkenden riesigen Fotoarbeiten bereits aus den achtziger Jahren stammen.

art: Frau Klein, Sie gelten als deutsche Grande Dame der Fotocollage. Jetzt, in der Ausstellung bei Sprüth Magers bekommt man einen Eindruck davon, wie viel weiter gefächert Ihre Arbeit von Anfang an war.

Astrid Klein: Schon während meines Studiums entstanden die ersten Schriftbilder und eine Serie von schwarzen Bilder. Ende der siebziger Jahre begann ich auch adaptierte Fotos als Material für Collagen zu verwenden. Anfang der neunziger kamen die Neonskulpturen hinzu. Ohnehin setze ich die großen Fotoarbeiten raum- und architekturbezogen ein. Das war schon etwas anderes, als nur so ein Foto an die Wand zu hängen, die Fotografen haben zu der Zeit wesentlich kleinformatiger gearbeitet.

Sie haben bezeichnenderweise Bildhauerei und Malerei studiert.

Nicht zuletzt habe ich mich für ein Studium an der Kölner Werkkunstschule entschieden, weil es dort die Möglichkeit gab, sich multimedial auszudrücken – wie man vielleicht heute sagen würde. Meine ersten Textarbeiten habe ich mit Bleisatz selber gesetzt, und ich hatte auch einen Porträtmaler als Lehrer. Man war dort nicht dem Stress der Düsseldorfer Akademie mit einem Übervater als Professor ausgesetzt. Es ließ sich wahnsinnig gut in mehreren Werkstätten arbeiten, und man hatte nie das Gefühl, sich auf ein Medium begrenzen zu müssen. Dann bekam ich ein Stipendium des Deutsch-Französischen Jugendwerks und begann in Paris Pressematerialien einzusetzen: Politische Themen und die Darstellung der Frau in den Medien und im Film beschäftigten mich.

Viele ihrer früheren Bilder mit Frauenbildnissen haben eine Anmutung von Nouvelle Vague.

Diese Bewegung hat uns in der Tat damals enorm beeinflusst. Wir haben natürlich Truffaut und all die Filme der Nouvelle Vague gesehen und waren fasziniert davon. Im Unterschied zu Deutschland gab es in Frankreich wie auch in Italien zudem das Genre des Fotoromans, was sich dann in meinen Arbeiten Ende der Siebziger, in den mittlerweile bekannten Fotocollagen spiegelte. Hier habe ich mich auch der Sensationspresse und der Filmstills bedient, die sich mit der Darstellung der Frau und den Machtstrukturen in diesen Gefügen beschäftigt. Ich nannte meine damaligen Collagen ironisch "Sonntagsarbeiten", weil man damals als Künstlerin einen schweren Stand in der Männerwelt hatte.

Hat sich der Status von Frauen innerhalb der Kunstwelt in den letzten 30 Jahren nicht erheblich gewandelt?

Täuschen Sie sich nicht, es hat sich nicht so wahnsinnig viel geändert. Die Welt der Kunst ist nach wie vor die der Männer. Es herrscht vielleicht kein Kampf mehr, dafür hat man heute mehr Frauen als Gegner. Für mich war eine feministische Haltung wichtig. Die Arbeiten sollten radikal sein: Die enorme Größe, die brachialen Schnitte, die immer wieder sich überschneidenden Tapes sind ein Ausdruck dessen. Außerdem sollte sich meine Arbeit mit einer gewissen Entschlossenheit präsentieren. Ich selbst habe versucht, mich immer hinter meiner Arbeit zu verbergen und gesagt: Künstler sind ja keine Rockstars!

Das zumindest hat sich fundamental geändert.

Ja, in dem Punkt bedaure ich auch viele meiner jungen Kollegen. Für mich war es wichtig, beim Arbeiten eine gewisse Stille zu haben und aus der Enklave eine Art Denklabor entwickeln zu können. Wenn ich nur in diesem heutigen Hype gewesen wäre, hätte ich mich dem Kunstbetrieb entzogen. In einer Auktion zu sein, das scheute man in meiner Generation wie der Teufel das Weihwasser. Heute ist es umgekehrt, da ist man quasi als Künstler nicht existent, wenn man nicht mit Arbeiten auf einer Versteigerung vertreten ist.

Was ist das für ein Gefühl für Sie, die eigenen Klassiker nun so installiert zu sehen, als wären es ganz zeitgenössische Arbeiten ?

Erst einmal muss man sich klar machen, wie lange die Entstehung her ist. Und dann habe ich mich gefreut, dass die Arbeiten nichts von ihrer Kraft verloren haben. Ich habe seinerzeit viele meiner Bilder auch vernichtet, weil ich nicht wollte, dass etwas bleibt, was ich nicht legitimieren konnte. Vor der Eröffnung bei Sprüth Magers bekam ich eine gewisse Panik, denn als Künstler beschäftigt man sich nicht gerne mit der Vergangenheit, möchte lieber weiter nach Vorne sehen.

Würden Sie sagen, dass Sie in den Siebzigern politischer waren als heute?

Ich war immer ein politischer Mensch, aber kein politischer Künstler. Ebenso wie ich immer genetisch eine Feministin war, aber keine feministische Künstlerin. Für mich war es selbstverständlich, dass ich als Frau Kunst machte. Und das war nicht von irgendwelchen politischen Ideologien gefärbt. Ich wollte Fragen stellen, aber keine Botschaften senden. Ich wollte, dass sich die Bilder meiner Arbeiten in den Kopf einbrennen und eine Intensität haben, die nachwirkt, auch wenn man den Raum schon lange verlassen hat.

Wie kam es zu der starken Verquickung zwischen Text und Bild in Ihrer Kunst?

Schrift war immer etwas ganz Entscheidendes für mich, dazu gibt es eine schöne Jugendgeschichte. Mit zwölf, 13 Jahren habe ich Prosa geschrieben und dachte naiver Weise, dass ich eine ganz großartige Schriftstellerin werden würde. Mein Großvater, ein sehr belesener Mann, drückte mir eines Tages einige Bücher in die Hand und sagte: Kind lies erst einmal, bevor Du weiter von einer träumst! Da musste ich natürlich feststellen, dass ich im Vergleich mit den großen Schriftstellern nicht mithalten konnte. Das war ein heilsamer Schock. Ich habe dennoch weiter geschrieben und später die Schrift als formales Element in meinen Bildern und Skulpturen benutzt. Und nicht als Botschaft. Manche Texte werden unlesbar und scheinen zu verschwinden. Bis heute kombiniere ich eigene Texte mit die Philosophen- und Schriftstellertexten.

Mittlerweile ist unsere Aufmerksamkeit stark auf das Bildhafte, auf das Icon hin fokussiert. Würden Sie jüngeren Künstlern heute andere Strategien empfehlen?

Ich würde es nicht Strategien nennen! Ich unterrichte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und habe dort Maler, Bildhauer, Filmemacher als Studenten. Es heißt, dass ich eine sehr strenge Auffassung von Lehre habe: Ich verpflichte meine Studenten zum Lesen und zum Studium der Kunstgeschichte. Es ist mir so was von egal, wenn das jemand als altmodisch empfindet. Wie können die Studenten künstlerisch etwas entscheiden, wenn sie die Geschichte nicht kennen? Und ich lasse sie alle ein Semester in verschiedenen künstlerischen Techniken arbeiten um den Blickwinkel zu erweitern. Ich möchte, dass sie etwas Umfassendes lernen und später einen Fächer von verschiedenen Möglichkeiten zur Verfügung haben. Das erst macht einen als Künstler frei. Für mich muss Kunst präzise in der Setzung sein.

Sie haben lange nur analoge Fotografie für Ihre Collagen verwendet. Ist die digitale Fotografie für Sie nun eine notwendiges Übel oder eine befreiende Technik?

Offen gestanden, ich habe nichts mehr gehasst als die Arbeit im Fotolabor. Das ganze Hantieren mit dem Entwickler und Fixierer war mir ein Gräuel. Die Arbeit mit adaptiertem Material stand im Vordergrund. Bis auf wenige Ausnahmen habe ich selbst nie fotografiert.

"La Societé du Spectacle"

Galerie Sprüth Magers, Berlin
bis 23. Februar
http://spruethmagers.com/exhibitions/319