Wunderkammer - Berlin

ungestraft Bauklötze staunen

Der Sammler Thomas Olbricht kombiniert alte Meister mit Sigmar Polke und Schmuckstücken aus seiner Wunderkammer.

Hier dürfen Sie zwar endlich wieder ungestraft Bauklötze staunen, sollten aber dennoch niemals ganz ihren Augen trauen.

Im Berliner "me Collectors Room" ist derzeit alles auf mirakulöse Überwältigung gebürstet. Ein prachtvoller Weihnachtsbaum von Bertozzi & Casoni erweist sich als kunstvoll bemaltes Bronze- und Keramikartefakt. Der elegant rückwärts geschwungene Schwa­nenhals wurde von Kate MccGwire aus Tausenden von schnöden Taubenfedern besetzt. Und die kannibali­schen Szenen auf dem berühmten Humboldt-Pokal (1648/53) sind in eine Kokosnuss geschnitzt. Sigmar Polke liefert quasi das launige Mantra zur Ausstellung: "sogar der Fachmann staunt" ist eingangs auf einem Bild des 2010 gestorbenen Malers vermerkt.

Zum ersten Mal weitet der Sammler Thomas Olbricht den starken Kern seiner vorher nur im Obergeschoss präsentierten Wunderkammerstücke bis in die unteren Ausstellungssäle aus, paart sie dort mit gleichermaßen verblüffungsgewaltigen Werken der Gegenwartskunst sowie wenigen Alten Meistern. Während seine Ausstellungen in der Vergangenheit gerne in Selbstbeweihräucherungsschwaden oder durch teils schwülstige Kunstbeigaben erstickt worden sind, glaubt man jetzt mitten in das ambitionierte Herz des Essener Sammlers blicken zu dürfen. Die Symbiose zwischen zeitgenössischer Kunst und den sogar über einen Schrumpfkopf aus Ecuador verfügenden Wunderkammer-Preziosen ist ausnahmslos gelungen.

"Mirabilia", "Naturalia", "Artificialia", "Scientifica" und "Exotica", also frappierende Dinge, seltene Naturalien und kostbare Kunstwerke, naturwissenschaftliche Instrumente und exotische Objekte, vereinten die in der Renaissance erstmals eingerichteten Wunderkammern. Diese Zurschaustellungen meist höfischen Sammlertums waren nicht zuletzt vorbildlich für die Etablierung von Museen. In Berlin darf man für Olbrichts Engagement um so dankbarer sein, als hier die von Kurfürst Friedrich Wilhelm aufgebaute Wunderkammer nach dem Zweiten Weltkrieg verteilt respektive teil-zerstört worden war. Besonders rare Stücke konnte Olbricht über den Münchner Kunsthändler Georg Laue ergattern, der berichtet, man jage dem minimierten Angebot oft quer über den Erdball hinterher.

Wonderful. Humboldt, Krokodil & Polke

Berlin, me Collectors Room
Bis 28.4.
http://www.me-berlin.com/ausstellungen/

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