George Widener - Berlin

Die Macht der Algorithmen

Er sagt die Verschmelzung von Mensch und Maschine voraus und schrieb eine Art algorithmische Autobiographie. Der Hamburger Bahnhof in Berlin zeigt eine Ausstellung des amerikanischen Ausnahmekünstlers George Widener.

Für die Kunst wie für das Leben gilt: Je mehr man schon weiß, desto mehr hat man noch zu lernen. Jemand, der das ernst nimmt, ist Udo Kittelmann. Für die Reihe "secret universe" hat der Museumsdirektor im Hamburger Bahnhof eine Art Labor installiert: Drei Jahre lang präsentiert es in Einzelschauen Werke von "Outsider-Künstlern", die im Mainstream-Kunstbetrieb nur gelegentlich in Gruppenausstellungen oder spezialisierten Galerien auftauchen.

Für den vierten Teil wurden nun die komplexen Zahlenbilder des für seine Mathematikobsessionen bekannten US-Amerikaners George Widener in die Hauptstadt geholt: Er sammelt nicht nur historische Kalender und Bücher mit mathematischen Formeln und Strukturen, sondern findet treffende Bilder für die unheimliche Tatsache, dass sich ein Großteil der menschlichen Existenz mittlerweile auf Algorithmen stützt. Eigens für die Berliner Ausstellung hat Widener (Jahrgang 1962) einen elfteiligen autobiografischen Zyklus produziert, in dem er in magischen Zahlenquadraten und geschichtlichen Daten seine eigene Lebensgeschichte verarbeitet. Das kann man schräg finden, muss man aber nicht.

Ganz im Gegenteil: An Wideners Werk lässt sich wunderbar die Mehrdeutigkeit des Begriffs der Außenseiterkunst ablesen. Ein kurze Internetsuche zeigt beispielsweise, dass der Künstler mit seiner Faszination für okkulte Technotheorien etwa eines Ray Kurzweil nicht alleine steht: Weil sich die Rechenleistung unserer Computer immer weiter steigert, sagt dieser die Verschmelzung von Mensch und Maschine für das Jahr 2029 vorher. Viele Menschen halten das für realistisch. Außenseiterkunst? Geheimuniversum? Schon morgen könnte Widener klassische Avantgarde sein.

secret universe IV. – George Widener

bis 16. Juni,
Hamburger Bahnhof,
Berlin,
Gegen Vorlage ihrer artcard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt,
es erscheint ein Katalog im Verlag Walther König für 24,80 Euro
http://www.hamburgerbahnhof.de/exhibition.php?id=32941