Liebe und Kapital - Bregenz

Liebe ist kälter als das Kapital

Das Kunsthaus Bregenz zeigt "Eine Ausstellung über den Wert der Gefühle", in der Zusammenhänge und Wechselspiele zwischen Geld und Liebe, zwischen Gefühl und Kapital hinterfragt werden. Mit dabei: Arbeiten von Cindy Sherman bis Hans Haacke.

Die internationale Gruppenausstellung im Kunsthaus Bregenz beginnt mit einem Diebstahl. "Liebe ist kälter als das Kapital", dient den Ausstellungsmachern als Titel und ist dem gleichnamigen Theaterstück aus dem Jahre 2007 von René Pollesch entnommen.

Pollesch verhandelt darin Erklärbarkeit, Auflösung der Krise und Erfolg. "Liebe ist kälter als das Kapital – Eine Ausstellung über den Wert der Gefühle" hingegen versucht künstlerische Positionen zu vereinen, die sich mit dem Wechselverhältnis von Ökonomie und Emotion auseinandersetzen.

Der Kurator der Ausstellung und Direktor des Kunsthauses Bregenz, Yilmaz Dziewior, hat eine über drei Etagen im Zumthor-Bau verteilte Schau konzipiert, die ihre Referenzpunkte in der Verbindung von Liebe und Kapital sucht. Dabei setzt er nicht auf eindeutige Begrifflichkeiten oder klammert sich an diesen fest, sondern verweist auf die Mehrdeutigkeiten von Zuschreibungen. Es werden Fragen aufgeworfen wie: Welche Rolle spielen Emotionen innerhalb einer ökonomischen Struktur? Wie sind Liebe, Werbung und Kapital miteinander verwoben? Oder sind Gefühle eine Art Währung?

Die essayistische Gruppenausstellung vereint sowohl junge Künstler wie Mariechen Danz und Ken Okiishi, als auch etablierte Künstler wie Hans Haacke und Rosemarie Trockel. Da treffen am Rollstuhl platzierte Radkappen von Mercedes Benz von Isa Genzken auf nackte Schaufensterpuppen im Kassenbereich von Cathy Wilkes und ein vermeintlicher Teil der Berliner Mauer auf das überzeichnete Gesicht von Cindy Sherman. Wie geht das alles zusammen unter dem vorgegebenen Titel?

So ganz scheint sich diese Frage nicht zu beantworten, obgleich sich die Stärken der Ausstellung anhand von einzelnen künstlerischen Arbeiten zeigen. Eines der eindringlichsten Werke ist die gesammelte Kollektion der Frontseiten der mexikanischen Zeitung "PM" von Teresa Margolles. Die Künstlerin präsentiert 313 Titelseiten eines Jahres des Boulevardblattes "PM", dort stehen sowohl Fotos von Ermordeten, als auch von leicht bekleideten Damen nebeneinander. Sex und Crime dienen hier als gleichwertige Aufmacher-Themen.

Eine Arbeit die sich dann doch ganz auf die "wahre Liebe" zu stützen scheint, ist die Videoinstallation "One of Us" von Julika Rudelius. In zwei synchronisierten Projektionen zeigt die Künstlerin heterosexuelle Paare, die verschiedene Konzepte von Liebe aufzeigen. Rudelius gibt den Männern und Frauen mittels eines Empfängers im Ohr Anweisungen worüber sie sprechen sollen. Dabei entstehen Liebesgeständnisse und Perspektiven auf die eigene Liebe, die Aspekte einer Inszenierung aufweisen. Diese vermeintlich idyllischen Szenerien werden zusätzlich gebrochen durch das stumme Auftauchen der Künstlerin selbst neben den Paaren im Video – fungiert sie als Beobachterin oder Bewerterin der Situation oder will sie Teil des Ganzen werden?

Andreas Siekmanns Installation, die mit Hilfe des ortsansässigen Modelleisenbahn-Clubs realisiert wurde, hat augenscheinlich wenig mit Liebe zu tun. Hier drehen sich auf einem sechs Meter langen Bühnentisch karikiert "Denkfabriken, Think Thanks und die Privatisierung der Macht". In einer fortwährenden Parade bewegen sich 23 ausgesuchte Themen – darunter Brain, Denkpanzer, Ready-Steady-Go oder Politikertalk – im Kreise. Sie verweisen fast spielerisch auf die Ökonomisierung und Privatisierung des öffentlichen Raums. Siekmann bezieht sich mit seiner Arbeit auf die mechanischen Figurentheater, die noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts auf Jahrmärkten ausgestellt wurden und bedeutende Ereignisse oder Naturkatastrophen für die Öffentlichkeit darstellten.

Viele der Arbeiten sind direkt für die Ausstellung und vor Ort entstanden, so auch "Empty Gift" von Pascale Marthine Tayou – eine drei Meter große Kugel aus zirka 1000 leeren Geschenkpaketen nimmt den zentralen Punkt auf der zweiten Etage des Ausstellungshauses ein. Die von Bregenzer Bürgern liebevoll verpackten Geschenke rotieren unaufhörlich in ihrem dekorativen Antlitz. Passend dazu glänzt das Gesicht der Meisterin der Verwandlung und Inszenierung – Cindy Sherman. In großformatigen Farbfotografien zeichnet sie mittels überspitzter Maskerade die Welt der Reichen und Schönen.

Auch wenn "Liebe ist kälter als das Kapital" der Wertigkeit von Gefühlen nachspürt und konkrete Orientierungspunkte setzt, gelingt es der Ausstellung nicht durch die Diversität der einzelnen Arbeiten das Konzept widerzuspiegeln. Trotz starker künstlerischer Einzelpositionen verhält sich das Zusammenspiel der Arbeiten in seiner Gesamtheit eher vage zueinander, und die Arbeiten schaffen es nicht immer in einen konkreten Dialog miteinander zu treten. Gerade weil Begrifflichkeiten wie Liebe und Kapital ein immens weites Feld eröffnen, wäre eine Konzentration vielleicht sogar wünschenswert gewesen.

Liebe ist kälter als das Kapital – Eine Ausstellung über den Wert der Gefühle

Termin: bis 14. April, Kunsthaus Bregenz

Zur Austellung erscheint ein Katalog: "Liebe ist kälter als das Kapital", Herausgegeben von Yilmaz Dziewior, Deutsch und Englisch, ca. 288 Seiten, 21 x 27 cm, Softcover, Erscheinungstermin: April 2013, 42,– EUR
http://www.kunsthaus-bregenz.at/html/welcome00.htm