James Franco - Berlin

Mr. Multitalent

In der Traumfabrik Hollywood wird man leicht auf eine einzige Rolle festgelegt. Doch statt sich mit dem Image als melancholischer Schönling zu begnügen, kämpft James Franco um die Anerkennung als Bildender Künstler. Die Ausstellung "James Franco – Gay Town" in der Galerie Peres Projects in Berlin beweist, dass auch seine Kunst Aufmerksamkeit verdient.

Er kam aus dem Nichts. Von diesem fremden Stern Hollywood, der gewöhnlich wenig mit hoher Kunst zu tun hat. Plötzlich schien James Franco auf keiner wichtigen Veranstaltung zu fehlen.

Mit MoMA-Kurator Klaus Biesenbach zog der Schauspieler 2009 über die Messe von Miami. Er saß neben Madonna und New Yorks neuem Kunststar Laurel Nakadate bei einem Dinner im Museum o Modern Art. Von Marina Abramovic´ wurde er vor laufender Kamera zum Dessert in ihrem Loft eingeladen. Bei den Rob Pruitt Art Awards des Guggenheim Museum gab er mit Fliege zum ärmellosen Oberhemd neben Performance-Künstler Kalup Linzy eine Showeinlage. Und als der Aprilscherz kursierte, dass Franco die USA bei der Biennale in Venedig vertreten würde, war sich mancher nicht mehr so sicher, ob es sich um einen Witz handelte.

Niemand verkörpert die Liebelei zwischen der Kunst und Hollywood so wie James Franco. Doch wer denkt, dass der Star als Staffage dient, irrt. Der 33-Jährige ist in dermaßen viele Kunstprojekte involviert, dass man Mühe hat, den Überblick zu behalten. Er schrieb sich nebenbei als Student an Universitäten wie Yale oder der Rhode Island School of Design ein, um Literatur und Film zu studieren oder Kurse in digitaler Kunst zu belegen, und absolviert ein größeres Vorlesungspensum als normalsterbliche Studenten. Dass er 2010 ein Buch mit Kurzgeschichten veröffentlichte, an seinen ersten Einzelausstellungen arbeitete, seit Jahren ernsthaft Kunst sammelt, sich als Regisseur versucht und bedeutende Künstler für Kollaboration begeistert, warf die Frage auf, ob der Schauspieler ein hyperaktives Multitalent ist. Oder ob es sich bei dem Projekt Franco vielleicht um die Performance- Aktion einer Kunstfigur handelt.

Die Antwort führte nicht nach Hollywood, sondern in das industrielle Brachland von Detroit. Wo Franco die kommenden Monate damit verbrachte, in der Rolle des jungen Zauberers von Oz einen Blockbuster zu drehen. Der Regisseur Sam Raimi beschloss, die Dreharbeiten nach Detroit zu verlegen, um Geld und Arbeit in die Gegend zu bringen. So quartierte sich Franco in dem einzigen Wohn-Tower in einem verschlafenen Vorort ein, wo er in den Drehpausen an seinem zweiten Kunstprojekt mit dem Regisseur Gus Van Sant arbeitet und plant, Laurel Nakadate für eine gemeinsame Arbeit einzufliegen. Dass er bei der Kunst gern im Team auftritt, schreibt Franco seiner Arbeit beim Film zu. Erst einmal macht er wie viele andere Künstler, die am Beginn ihrer Karriere stehen, einen Zweitjob. Mit dem Unterschied, dass Franco Star von Mainstream- Filmen wie "Spider-Man" ist und eine Oscar-Nominierung und einen Golden Globe vorweisen kann. "Ich muss wieder mal Geld verdienen", sagt er fast ein wenig entschuldigend. "Ich musste bereits Arbeiten aus meiner Sammlung verkaufen."

Regisseur Van Sant hatte Franco in seinem Film über den Aktivisten Harvey Milk in der Rolle von Milks Freund besetzt. Ihren ersten Auftritt in der Welt der Kunst hatten die beiden zu Beginn des Jahres bei der Top- Adresse von L.A.: In Larry Gagosians Galerie in Beverly Hills führte Van Sant gemalte Porträts von jungen Männern vor und Franco einen Film, den er aus Material zusammenschnitt, das der Regisseur in den neunziger Jahren mit dem Schauspieler River Phoenix gedreht hatte und das nicht in das Roadmovie "My Private Idaho" eingeflossen war. R.E.M.-Frontmann Michael Stipe lieferte den Soundtrack. Richard Prince schaute bei der Eröffnung vorbei, Terry Richardson war da. Girls in Outfits von Gucci - die Modefirma hatte Franco als Poster-Boy für einen Männerduft engagiert - sorgten für die Optik. Es war klar, dass der junge Schauspieler den richtigen Mix aus Glamour, Kunst- und Entertainment- Elite anzieht, die ein gelungenes Opening ausmachen.

Zum ersten Mal auffällig wurde der Kalifornier 2009 mit einer bizarren Aktion, die von manchen als Performance-Akt gefeiert wurde. Schließlich handelt es sich bei Franco um einen respektierten Schauspieler, der riskierte, seinen Ruf zu ruinieren, als er als Gaststar in der amerikanischen Seifenoper "General Hospital" auftrat. Er spielte einen mörderischen Künstler - und damit die Karikatur seiner eigenen Person. Es ging ihm darum, die Grenzen zwischen Leben, Popkultur und Kunst, zwischen Selbstdarstellung und Fiktion verschwimmen zu lassen. Jeffrey Deitch in seiner neuen Rolle als Direktor des Museum of Contemporary Art (MOCA) in Los Angeles war von dem Stunt dermaßen beeindruckt, dass er eine Franco- Folge von "General Hospital" im zum Museum gehörigen Pacific Design Center drehen ließ. Alanna Heiss, die Gründerin des P.S.1 in New York, gab Franco in der nichtkommerziellen New Yorker Clocktower Gallery seinen ersten Solo-Auftritt und glaubt, dass in ihm ein "visionärer Künstler seiner Generation" steckt.

Für seine Ausstellung "The Dangerous Book Four Boys", die zu Peres Projects nach Berlin reiste, hatte Franco Holzbauten zusammengezimmert. Eines sah aus wie die Rakete aus einem Kinderbuch, in der man sich in seinen Träumen in ein fremdes Universum schießt. Ein Plastikspielhaus, wie es sich in amerikanischen Vororten findet, war als Symbol für Heimat in sich zusammengeschmolzen. Ein Sammelsurium aus Francos Jugendzimmer wirkte, als ob er mit Dingen aus einer alltäglichen Kindheit die Tatsache abstreifen wollte, dass er ein Weltstar ist. Franco präsentierte Zeichnungen, Fotos und Filme, in denen er sich mit den Themen Männlichkeit, Sexualität und dem Erwachsenwerden auseinandersetzte. Seine Verehrung für Künstler wie Chris Burden, den Avantgarde-Filmemacher Kenneth Anger und Paul McCarthy war offensichtlich. Ebenso wie die Anspielungen auf schwule Ikonen. Sei es die Figur des Heiligen Sebastian, den Franco von brennenden Pfeilen durchlöchern lässt, oder die homoerotische Parodie mit Captain Kirk und Mr. Spock.

Wenn Prominente ihr eigenes Parfüm kreieren oder sich an Kunst versuchen, würde beides in aller Regel stinken, schrieb ein Kritiker der "Village Voice". "Aber Franco gelingt der Wandel mit einer Ausstellung, bei der man sich selbst vergisst." Roberta Smith, die Instanz von der "New York Times", verglich Francos erste Gehversuche mit Arbeiten, die ein junger Gordon Matta-Clark mit einem großen Produktionsbudget getätigt hätte. Ihr Fazit: "Ein verwirrender Mix aus Unwissenheit und halbwegs Vielversprechendem." Er hätte besser abgeschnitten als erhofft, meint Franco über Smiths Kritik. Die berühmten verschlafenen Augen versteckt er unter einer Baseballkappe. Er weiß genau, dass sein prominenter Name dazu führt, dass seine Arbeiten in der "New York Times" besprochen werden. Wenn er im Online-"Museum of Non-Visible Art" unsichtbare Kunst verkauft, sorgt sein Name dafür, dass das Projekt in den Medien landet und dass tatsächlich jemand 10000 Dollar für frische Luft von Franco bezahlt. Und wenn er an den Tod seines Freundes, des Schauspielers Brad Renfro, erinnern will, der 2008 an einer Überdosis Heroin starb, macht er eine Kunstaktion daraus - und lässt sich Renfros Namen in seinen Arm ritzen. Wie viele Schauspieler hätte er sich nach Jahren im Filmgeschäft kreativ gefangen gefühlt. Also beschloss Franco, der malte, bevor er Schauspieler wurde, auszubrechen. "Meistens wird mir nicht gestattet, ernsthaft über Kunst zu sprechen. Für einen hohlen Schauspieler ist es nicht der richtige Platz", sagt er. "Aber ich spiele gern den Trottel. Das habe ich von Paul McCarthy gelernt."

Der Meister der Schockkunst und dessen Sohn Damon sowie Douglas Gordon, Aaron Young, Filmemacher Harmony Korine und Ed Ruscha sind bei Francos Projekt "Rebel" dabei, das sich an den James- Dean-Klassiker "Rebel Without a Cause" anlehnt. Für Franco trifft die Kollaboration den Nerv von Hollywood. "Es geht um Legenden, die geschaffen wurden. Um die Vater-Sohn-Beziehung zwischen James Dean und dem Regisseur", sagt Franco, der Dean zu Beginn seiner Karriere spielte. Ursprünglich sollte die Installation bei der Biennale in Venedig gezeigt werden. Doch dann stellte sich heraus, dass niemand die Transportkosten tragen wollte. "Dafür gab es zehn Sponsoren, die sich anboten, die Eröffnungsparty zu finanzieren", erzählt Franco, der daran arbeitet, dass "Rebel" in L. A. im MOCA ausgestellt wird. Der größte Feind des Künstlers Franco ist der Star Franco. Auch wenn er den Künstler erst möglich machte und ihm die große Weltbühne zur Verfügung stellt. Es wird sich zeigen, ob die beiden jemals eigenständig existieren werden oder völlig miteinander verschmelzen.

Das Porträt erschien in der Oktoberausgabe 2011 "City Special – Los Angeles"

James Franco – Gay Town

bis 9. März,
Peres Projects,
Berlin
http://www.peresprojects.com/index.php