Radar

Angelika Nollert

Angelika Nollert über Manuel Graf
Manuel Graf: "Woher kommt die Kunst? oder: Die Blüte des Menschen", 2006, Video, ca. 7 min, diverse Objekte; Installationsansicht Kornelimünster, Aachen (Foto: Van Horn / Daniela Steinfeld, Düsseldorf)

ANGELIKA NOLLERT ÜBER MANUEL GRAF

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Angelika Nollert, Direktorin des Neuen Museums Nürnberg.
// ANGELIKA NOLLERT, NÜRNBERG

Die Arbeiten des Düsseldorfer Künstlers Manuel Graf (*1978) sind filmische Installationen von faszinierender Dichte. Die Installationen erwachen durch Licht, Musik und Filmprojektionen zum Leben. Es scheint, als ob der Betrachter einer Aufführung beiwohne, in der wie bei einer Spieldose unbelebte Gegenstände durch eine Mechanik in einem spezifischen Ablauf gesteuert werden.

Schon nach kurzer Zeit ist das Spiel vorbei, die Installation scheint wieder ohne eigenes Leben, bis sie erneut – und zur Erleichterung der Betrachter – ihren Lauf wieder aufnimmt. Mit seinen Arbeiten erreicht Graf nicht allein eine notwendige Verschränkung von Objekt, Film und Musik, er verknüpft in seinen Werken auch Aspekte von Kunst, Architektur und Design.

Eine mit Blumen gefüllte Vase auf einem Sockel wird von farbigem Licht angestrahlt und wirft einen stark vergrößerten Schlagschatten auf die Wand. Ein Lied beginnt zu spielen, dessen wohlbekannte Melodie an einen alten Schlager erinnern. Die Fünfziger-Jahre-Ästhetik des Blumengestecks, das schummrige farbige Licht und das Lied scheinen einer vergangenen Zeit entsprungen. Die situative Schönheit dieser Arbeit (Zentrum Paul Klee, Bern, 2007) evoziert zunächst Nostalgie, die allerdings gebrochen wird durch die reale Situation. Denn die Projektion findet auf einer Art Bühne statt, so dass eine deutliche Trennung von Kunst- und Wirklichkeitsraum erreicht wird. Das traditionelle Genre des Blumenstilllebens hat hier eine neue Form in der Inszenierung erfahren.

Fröhliche Ironie und technische Perfektion

Wie ein Theaterstück in mehreren Aufzügen erscheint seine Arbeit "Qu’est que c’est la maturité (Was ist das, die Reife)" (Galerie Johann König, Berlin, 2008), in der zwei handgetöpferte Teeservices miteinander korrespondieren. Das eckige Service in Form von Fachwerkhäusern und das gerundete Service mit Griffen in Form von Orangen thematisiert zunächst das Gegensatzpaar von Architektur und Natur in Gebrauchsgegenständen. Erneut werden diese Objekte mit Licht angestrahlt. Aber was dabei zunächst wie abstrahierte Schatten erscheint, sind projizierte 3D-Animationen. Im Film beginnen dann auch die Orangen ein Eigenleben zu führen und werden zum Bestandteil einer kugelförmigen Architekturvision, die wiederum an Entwürfe von Archigram erinnert. Trotz der ironischen Behandlung des Themas und der Leichtigkeit der Musik findet innerhalb der Installation durchaus ernsthaft eine Diskussion über Handwerk und Tradition sowie über Technik und Zukunft statt.

Gleichermaßen grundsätzliche Fragestellungen spiegeln sich ebenfalls in den Titeln seiner Arbeiten "Woher kommt die Kunst, oder: die Blüte des Menschen" und "Über die aus der Zukunft fließende Zeit" (Museum X, Museum Abteiberg, Mönchengladbach, 2006), in denen Manuel Graf theoretische Modelle zu Mensch, Architektur und Kunst bildnerisch entwickelt. Das Spielerische und die Leichtigkeit der Inszenierung sowie die fröhliche Ironie einerseits, die Ernsthaftigkeit des Themas und die technische Perfektion andererseits charakterisieren sein souveränes künstlerisches Werk.

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