Hans-Peter Feldmann - Hamburg

Mutti ist an allem schuld!

Für Hans-Peter Feldmann kommt alles Kunstwollen vom ungelösten Mutter-Sohn-Konflikt. Seit 40 Jahren betreibt der Düsseldorfer Künstler mit Flohmarktfundstücken und Bilderbüchern kreative Eigentherapie und beglückt damit Kunstintellektuelle und Kitschliebhaber gleichermaßen. Die Deichtorhallen widmen dem Düsseldorfer Künstler eine Ausstellung und bringen seine "David"-Skulptur wieder nach Hamburg.

Der Verleger Walther König erinnert sich noch gut an den Schrecken, den ihm ein Brief an jenem Novembermorgen des Jahres 1975 einjagte, als er in seiner Kölner Buchhandlung die Eingangspost sichtete. Absender des unscheinbaren, hellgelben Kuverts war Hans-Peter Feldmann, Hilden.

Nachdem er es geöffnet hatte, hielt König ein Schreiben samt zwölf Fotografien mit eindeutigem Inhalt in der Hand. Die Bilder trafen ihn weniger wegen der professionell anmutenden Pornografie ins Mark, mit der er sich so unvermittelt konfrontiert sah. Es war der Protagonist, der ihn schockte. Der Freier, der sich da mit zwei Damen in mäßig an heimelndem Interieur vergnügte und den man auf den Fotos, seiner Frisur wegen, mit Berti Vogts verwechseln könnte, war König gut bekannt: Es war Feldmann selbst, junger Teilnehmer der von Harald Szeemann geleiteten fünften Documenta von 1972, der den Adressaten mit den Aufnahmen regelrecht "aus der Bahn warf".

Bei aller damaligen Furore von Aufklärung und sexueller Befreiung, denkt König an die ungewöhnliche Künstlerpost zurück, "waren solche Bilder Underground, so was kam aus Dänemark – alles war schließlich unvorstellbar viel prüder als heute". Dazu aber auch noch einem guten Bekannten beim Sex zuzusehen – da sei ihm die Kinnlade gefallen. In beiliegendem Anschreiben gab sich Feldmann indessen als Überzeugungstäter, ja als Moralist zu erkennen. Er schäme sich, seine sexuellen Praktiken derart in der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen, ließ er den Briefleser wissen. Demgegenüber aber würden, so Feldmanns Argumentationslinie, "in aller Öffentlichkeit Dinge anderer Art betrieben, deren sich die Mehrheit nicht schämt" und die "wirklich zum Kotzen seien und echten Ekel" erregen sollten – Feldmann meinte vor allem die grassierende Verdrängung der Vergangenheit in der Bundesrepublik Deutschland, ohne diese freilich im Einzelnen zu erwähnen.

Rund 20 ihm persönlich bekannten Adressaten aus der Kunstszene sandte Feldmann 1975 seine hochprovokative Bild-Text-Arbeit, mit der er das Paradox eines verschwiegenen Skandals provozierte. Er schuf damit einen halb privaten, halb öffentlichen Raum und stellte dessen Ausweitung ganz ins Belieben der Empfänger. Diese reagierten mit Verwunderung, Kopfschütteln, Empörung, seltener aber auch mit euphorischer Zustimmung – ein Sammlerpaar aus Wuppertal wollte die Aktion im Nachhinein sogar sponsern. Alle Angeschriebenen aber bewahrten nach außen strikte Diskretion, hielten das Ungeheuerliche der Bilder in den eigenen vier Wänden, wenn nicht gar, wie Feldmann heute zu berichten weiß, im Safe unter Verschluss. Oder sie vergaßen sie im Lauf der Zeit, bis Feldmann das bis heute kaum bekannte Frühwerk vor knapp zehn Jahren erstmals publizierte, um es jetzt in seinen jüngsten dickleibigen Katalog ("Another Book") einfließen zu lassen.

Der 1941 in Hilden geborene Feldmann gilt eigentlich als Biedermann der zeitgenössischen Kunst. Ein Atelier braucht er nicht, in seiner Wohnung in der Düsseldorfer Hüttenstraße könnten sich auch Steuerberater und Oberstudienräte zu Hause fühlen. Nur fünf Minuten des Tages, hat Feldmann sein Credo umrissen, seien interessant. "Ich will den Rest zeigen, das normale Leben." Wo er selbst zur Kamera greift, knipst er einen Alltag, wie er alltäglicher nicht aussehen könnte – die Bushaltestelle, den Blick aus dem Hotelzimmerfenster, das Autoradio, wenn darin gerade "schöne Musik läuft". Der US-amerikanische Künstler Robert Morris hat jüngst in einem Vortrag zwischen Künstlern unterschieden, welche die Kunst aufblasen, und jenen anderen, die die Luft rauslassen. Feldmann hat in den 40 Jahren seines Arbeitens tatkräftig heiße Luft aus der Kunst entweichen lassen. Kaum jemand bedient sich so souverän aus dem unendlichen Fundus der Bilder des öffentlichen Lebens, hat den Bilderklau mit einer charmanten Appropriation so kultiviert wie er und sich dem Betrieb, wo er es nötig fand, auch mal gänzlich entzogen.

Ohnehin legt er auf seine Berufsbezeichnung Künstler keinen Wert; er hat sich als Händler bezeichnet, der er tatsächlich gewesen ist. 1980 war Feldmann aus einer Kunstszene ausgestiegen, die er als desinteressiert und inhaltsleer erlebt hatte, und machte in Düsseldorf einen Souvenirladen auf. Dort brachte er Nippes unters Volk und touristischen Trödel – seine Frau führt noch heute einen solchen Laden in der Altstadt, mit dem Schwager erwarb Feldmann ein (nicht sonderlich gewinnträchtiges) Patent für Blechspielzeug aus den zwanziger Jahren. Erst nach einer Charme-Offensive durch Kasper König wurde der Mann hinterm Ladentresen Ende der achtziger Jahre schwach: Seinen Studenten, erzählte ihm der damalige Rektor der Frankfurter Städelschule, sei Feldmann ein Vorbild, sie hielten ihn für einen aus ihrer Generation. Dieses Argument zog. Feldmann kehrte in den Betrieb zurück.

"Genie ohne Talent" hat sich der Fluxus- Künstler Robert Filliou, ein Mann mit zwei linken Händen, einmal genannt. Feldmann gibt seine nach eigenem Bekunden einzige Begabung in einem Wort preis: "Gucken". Früh morgens auf dem Trödelmarkt herumstöbern, dabei "alles abscannen" und sofort gewärtigen, was von Wert ist – diese Fähigkeit entscheide für den Flohmarktprofi über bares Geld. "Alles reinkommen lassen und dann merken, was hängenbleibt", beschreibt Feldmann seine private Phänomenologie der Wahrnehmung. Ihr verdanken sich unzählige textfreie Künstlerbücher, die in Bildern die Welt widerspiegeln. Feldmanns Bilderalben sind Panoptiken, jeder, der sie in die Hand nimmt, wird darin fündig. Seine Alben sind ihm ebenso wichtig wie seine Ausstellungen, die er mitunter mit Trouvaillen vom Trödel bestückt oder mit seriell aufgereihten Einwegwaren vom Rasierer bis zum Feuerzeug.

Auf die Frage nach seinen Schlüsselwerken nennt Feldmann nicht etwa seine vielleicht bekannteste, tiefernste und umstrittene Fotoserie "Die Toten" mit recherchierten Aufnahmen eines Großteils jener über 100 Personen, die von 1967 bis 1993 im Zusammenhang mit der APO und dem RAF-Terror ums Leben gekommen sind – umstritten deshalb, weil die Werkreihe den Verlust von Menschen anzeigt, ohne einen Unterschied zwischen Täter und Opfer zu machen. Feldmann nennt auf die Frage nach seinen Ausnahmearbeiten auch nicht sein venedigerprobtes, populäres "Schattenspiel", das er nach eigener Auskunft "jede Woche irgendwo auf der Welt ausleihen könnte" und das dieser Tage in seiner Ausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf zu bestaunen ist.

Ohne Zögern nennt Feldmann als Schlüsselwerke vielmehr "alle Arbeiten mit Frauen". Derer gibt es in der Tat unendlich viele. Fotoserien mit Frauenbeinen, Frauenkleidern, mit einer Frau beim Fensterputzen und einer Frau in der Telefonzelle, Collagen, ganze Alben. Eines seiner eindringlichsten Bücher überhaupt handelt von Frauen, erschienen 2005 mit dem lakonischen Titel "Frauen im Gefängnis". Über ein Jahr lang hatte Feldmann Strafgefangene in der Justizvollzugsanstalt in Köln-Ossendorf aufgesucht, sich intensiv mit ihnen unterhalten, sie fotografiert und sie Texte für das Buch verfassen lassen, das ihn selbst, wie er sagt, "grundlegend verändert hat". Die meisten Inhaftierten, die er in Köln kennengelernt hat, seien ihrerseits Opfer der Gesellschaft.

Ist Feldmann aber, so nett er auftritt, so unscheinbar er wirkt, wegen seiner vielen Frau enbilder eigentlich niemals als Schwerenöter ins Visier geraten oder gar des Sexismus bezichtigt worden? Doch, schon früh sogar. 1972 ließ die Zeitschrift "Avalanche" ein Interview mit eben diesem Vorwurf zurückgehen, bei dem Feldmann auf die Fragen mit Bildern von Frauen antwortete (erstmals abgedruckt wurde es 1989 in Feldmanns Buch "Das Museum im Kopf"). Und bekennt er sich schuldig? Frönt er sexistischen Gelüsten? Aber nicht doch. "Niemand verehrt Frauen mehr als ich."

Feldmann bietet im Gespräch eine sehr steile These darüber an, was früher einmal "Kunstwollen" genannt wurde. Sie ist von verblüffender Deutlichkeit und verrät vieles – vor allem über ihn selbst: "Die Mutter", sagt Feldmann, "ist die größte Zündkraft für die Kunst." 90 Prozent der Künstler hätten eine "Macke mit der Mutter". Wie bitte? Konkreter will er auf Nachfrage nicht werden, nennt allerdings zahlreiche Beweggründe anderer Künstlerinnen und Künstler, die mit ihrem Schaffen der Mutter hätten gefallen oder sie gezielt provozieren wollen. Ob die Zahl von 90 Prozent muttergeschädigten Künstlern einer empirischen Erhebung standhielte, muss an dieser Stelle offenbleiben. Immerhin bekennt sich Feldmann freimütig zu seiner eigenen "Macke" als Antriebskraft – so finden sich auch in seinem Œuvre mehrere Perückenköpfe, die er seiner Mutter gewidmet und mit Rasierklingen, Schreibfedern und Scheren bestückt hat. Kein Zweifel, seinem Werk komme eine heilende Funktion zu: "Kunst ist Eigentherapie", so Feldmann, sie ist "Wiederholung, um etwas bewusst zu machen". Und wenn jemand im Museum "seine eigene Macke in meinen Dingen an der Wand wiedererkennt, dann passiert Kunst".

Erst seit wenigen Jahren sei er in der Lage, über bestimmte autobiografische Ursprünge seines Schaffens offen zu sprechen, sagt Feldmann. In einer frühen Kindheitserinnerung ist er sich selbst bis heute rätselhaft geblieben. Er war sechs, sieben Jahre alt, als er sämtliche Familienalben bei den Eltern und Großeltern, bei Tanten und Onkeln nach Fotos mit seiner eigenen Person durchforstet habe. Diese habe er heimlich aus den Alben herausgenommen, sei mit dem Stapel eines Tages in den Hof gegangen und habe sie verbrannt. Warum hat er das getan? Feldmann kann es nicht erklären, weiß aber, wie ihm ein Psychologe einmal zu verstehen gegeben hat, dass das Verbrennen von Fotos mit dem eigenen Antlitz als durchaus schwerwiegender Vorgang anzusehen sei. Seine allerfrühesten Anfänge wiederum weisen weit in sein späteres Werk voraus. Im Alter von fünf Jahren hatte Feldmann bereits Alben aller Art angelegt, dafür "Bilder aus den schönsten Büchern meiner Eltern ausgeschnitten", was natürlich Ärger gab. Diese Passion packt ihn bis heute.

Er "legitimiert Andy Warhol für die kleinen Leute", würdigt Kasper König den Ansatz Feldmanns, schon früh habe dieser Künstler konsequent "die Idee des Originals unterlaufen, ohne das theoretisch zu exemplifizieren. Nur liegen seine Quellen nicht in Hollywood, sondern bei Karstadt, Quelle und Kaufhof". Gregor Jansen, künstlerischer Leiter der Kunsthalle Düsseldorf, nennt Feldmann "ein Schätzchen", ja einen "Vater" der Praxis, der "kindlich-naiv, ohne Pathos und strukturelle Logik die schwierigsten Themen anzusprechen" wagt.

Tatsächlich hat Hans-Peter Feldmann einen sechsten Sinn für das Einfache des Lebens, für den Reiz und den Charme des Gewöhnlichen. Vielleicht liegen Essenz und Geheimnis seines Werks darin, dass er den alltäglichen Kitsch in vollen Zügen zu genießen weiß, ohne darüber zum Spießer zu werden.

Der Text entstammt der Augustausgabe 2010 und wird anlässlich der Feldmann-Ausstellung in den Deichtorhallen erneut veröffentlicht.

Hans Peter Feldmann – Kunstausstellung

bis 2. Juni,
Halle für aktuelle Kunst in den Deichtorhallen,
Hamburg,
Der Katalog zur Ausstellung ist im Verlag Walther König erschienen und kostet 29,80 Euro
http://www.deichtorhallen.de/index.php?id=336