Gutai - New York

Lebende Materie

Gutai-Künstler wie Shiraga und Murakami gebrauchten ihren ganzen Körper und nutzten diverse Gegenstände, um Kunst zu produzieren. Das Guggenheim Museum in New York präsentiert mit "Gutai – Splendid Playground" eine Überblicksschau der Vorläufer der Aktionskunst.

"Gutai-Kunst verleiht der Materie Leben", verkündet das 1956 herausgegebene Gutai-Manifest. "Wenn die Materie als Materie ihre Eigenschaften enthüllt hat, beginnt sie zu sprechen, sogar zu rufen."

Die Anhänger der vom Maler und Speiseölfabrikanten Jiro Yoshihara gegründeten japanischen Künstlerbewegung (1954 bis 1972) wollen den unter oberflächlichem Dekor erstickten und damit "komplett ermordeten" Dingen ihre Stimme zurückerstatten: ihrer Materialität Ausdruck geben, sie aus jeder rational bestimmten Komposition herauslösen, auf ganz körperliche Weise und mit zum Teil befreiend zerstörerischen Mitteln. Kazuo Shiraga malt von der Decke abgeseilt mit den Füßen. Saburo Murakami springt durch Stellwände aus Patronenpapier und wirft mit Farbe bestrichene Gummibälle auf seine Bildträger. Andere stellen ihre Bilder unter Einsatz einer Farbkanone, eines Luftgewehrs, einer Rauchmaschine, eines Vibrators oder schäumenden Feuerlöschfahrzeugs her. Neben Action Painting und Körperkunst produzieren die programmatisch nach immer neuen Kunstformen suchenden Gutai-Mitglieder auch Konzeptkunst, Klangkunst, Lichtkunst, Experimentalfilme, Mailart und Ausstellungen mit Kindern.

Der umtriebige französische Kurator und Tachismus-Theoretiker Michel Tapié machte sie in Europa bekannt; der US-amerikanische Happening-Pionier Allan Kaprow würdigte Gutai als wichtigen Vorläufer der Aktionskunst; Yves Klein soll sämtliche von Gutai herausgegebenen Magazine besessen haben. Doch obwohl selbst das New Yorker Guggenheim Museum Gutai mittlerweile zu den wichtigsten internationalen Avantgardebewegungen der Nachkriegskunst zählt, wurden die Japaner aus dem Horizont der westlichen Kunstmoderne jahrzehntelang fast vollständig verdrängt. Eine große Zero-Ausstellung 2006 in Düsseldorf, die zu einem Viertel Gutai-Künstler präsentierte, und ein exklusiver Auftritt bei der Biennale in Venedig 2009 spielten ihre Bedeutung ins globalisierte kunsthistorische Bewusstsein zurück. Die Guggenheim-Retrospektive soll nun mit 120 Objekten von 25 Künstlern Gutai "in einer erweiterten, transnationalen Geschichte und im kritischen Diskurs der Modernen Kunst weiter etablieren".

Gutai – Splendid Playground

Termin: bis 8. Mai, Guggenheim Museum, New York,
Der Katalog kostet im Museum 65 US-Dollar, im deutschen Buchhandel ca. 52 Euro
http://web.guggenheim.org/exhibitions/gutai/

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