Sammlung Bayer - Berlin

Wunschkabinett fürs Büro

Von Beckmann bis Warhol – die Unternehmenssammlung Bayer wird im Martin-Gropius-Bau in Berlin vorgestellt

Kulturprogramme und Kunstsammlungen gehören mittlerweile zur Nelke im Knopfloch jedes einigermaßen prestigebewussten, größeren Unternehmens.

Dass allerdings eine Firma über eine hauseigene Artothek verfügt, dürfte zumindest europaweit ziemlich einmalig sein. Die Bayer AG hat seit den fünfziger Jahren systematisch eine hauseigene Sammlung aufgebaut, aus der sich die Mitarbeiter bedienen können. Nun feiert das Unternehmen, das seinen Hauptsitz in Leverkusen hat, seinen 150. Geburtstag. Etliche seiner sonst nur Mitarbeitern zugänglichen Kunstwerke werden nun im Berliner Martin-Gropius-Bau unter dem etwas lautstarken Titel "Von Beckmann bis Warhol" ausgestellt. Kunstfreunde bei Bayer werden deshalb erst mal auf den inspirierenden Büroschmuck verzichten müssen

"Unsere Mitarbeiter sind oft so sehr mit den Kunstwerken verbunden, dass sie diese als ihre betrachten und darum kämpfen, sie auch bald wiederzubekommen", sagt die im Unternehmen angestellte Kunstreferentin Andrea Peters. Sie ist unter anderem mit der Ausleihe und Beratung befasst, einem Service, der im Monat von mindestens 15 Mitarbeitern in Anspruch genommen wird. Von den insgesamt 5000 Arbeiten in der Bayerschen Sammlung befindlichen Arbeiten werden etwa 2000 als museumswürdig eingestuft, über 240 sind jetzt in Berlin zu begutachten. Kultur- und Bildungsarbeit, diese ganz ursprünglich von Werkbund-Gedanken stimulierte Philosophie bei Bayer, fand ihren sprechendsten Ausdruck in den 1979/80 von dem Kunsthistoriker Max Imdahl abgehaltenen Seminaren "Arbeiter diskutieren moderne Kunst". Industriebaron Carl Duisberg, obschon ein eher konservativer Kunstliebhabender, hat sicher als erster Generaldirektor der Firma bei Bayer das entscheidende Fundament der Sammlungstätigkeit Anfang des 20. Jahrhunderts gelegt. Im Dunstkreis des mit der "kulturellen Hebung des industriellen Westens" befassten Mäzens Carl Heinz Osthaus versuchte man seinerzeit im Ruhrgebiet, unternehmerisch gestählt und vom Lebensreformgedanken beseelt, gegen die "geistige Verwahrlosung" anzutreten.

Die mehrheitlich auf Papierarbeiten beruhende sogenannte Corporate Collection des Chemiekonzerns ist im Martin-Gropius chronologisch aufgefächert. "Unsere Sammlung war nie auf Wertzuwachs angelegt, sondern immer nach innen ausgerichtet", betont Andrea Peters. Dafür bewies man meist erstaunliches Connaisseurtum. Ein Kompendium von Handzeichnungen Ernst Ludwig Kirchners aus den Jahren 1903 bis 1929, das bereits 1959 angekauft worden ist, stellt heute auf dem Kunstmarkt eine absolute Rarität dar. Überhaupt liegt ein Akzent auf expressionistischer Kunst. Viele der großformatigen Eyecatcher wie ein abstraktes Ölgemälde von Gerhard Richter (1984), ein Imi Knoebel von 1986 oder Martin Kippenbergers köstliche Persiflage "4. Preis" sind natürlich selbst bei Bayer für repräsentativere Räume reserviert. Doch ein wundervoll ausbalancierte, neokonstruktivistische Aquarell-Serie von Günther Förg ist normalerweise über mehrere Büroräume verteilt und nie so geschlossen in ihren 32 Blättern zu sehen. Auch die zeitgenössische Fotografie mit Sequenzen von Lee Friedlander und Zoe Leonard würde jede zeitgenössische Kollektion bereichern.

Wie an den Jahresringen eines Baumes lassen sich im Gropius-Bau die Phasen des Sammelns bei Bayer, also Stilrichtungen wie Informel oder Zero und zugleich Moden der Kunstförderung, ablesen. So zeigt der letzte Raum, dass man als Förderprogramm seit 2009 Klassen deutscher Kunsthochschulen ausstellt und daraus Erwerbungen tätigt. Hier, bei der jungen Kunst versagt allerdings das sonst selbst bei namentlich nicht großartig bekannten Malern und Bildhauern durchschlagende Qualitätsniveau. Mit dem Ankauf der Studentenarbeiten hat Bayer jedenfalls kein glückliches Händchen bewiesen. Hysterisch inszenierte Fotoporträts und hilflos neoexpressiv vermalte Gemälde dürften nicht unbedingt der Weg nach vorne in eine auch zukünftig goutierbare Sammeltätigkeit öffnen. Vergessen wir also schnell das deprimierend geratene Finale der ansonsten bemerkenswerten Schau. Kunst im Unternehmen hat bei Bayer eine vorbildhafte demokratische und die Empathie herausfordernde Note. Oder wie ein Mitarbeiter der Bayer AG in den Katalog schrieb: "Die Kunst in meinem Büro lädt mich regelmäßig zu kleinen Bildspaziergängen ein – sie ist für mich eine aktive geistige Bewegungshilfe im Sinne von Johann Gottfried Seume 'Ich bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge' ..." (Rainer Ernst Ohle).

Von Beckmann bis Warhol. Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts

Martin Gropius Bau, Berlin
bis 9. Juni 2013
Der Katalog erscheint im Wienand Verlag und kostet an der Museumskasse 25.- €
http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/gropiusbau/programm_mgb/mgb13_sammlung_bayer/ausstellung_sammlung_bayer/veranstaltungsdetail_53590.php

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