Imran Qureshi - Berlin

Wenn Rosetten aus Blutfarbe aufblühen

In der neu eröffneten Kunsthalle der Deutschen Bank wird mit dem Pakistaner Imran Qureshi der "Künstler des Jahres" präsentiert.

Wie gerade erst mutwillig vergossen scheinen sich Blutspritzer, Blutflecken, Blutlachen auf den Goldgründen der großen ovalen Bilder auszubreiten.

Dann wiederum glaubt man in dem Meer an transparent-roter Farbe veritable Rosetten und anderen Blütenformen aufblühen zu sehen. Die vermeintlichen Spuren brachialer Gewalt verwandeln sich mit einem Mal zu ornamentalen und expressionistischen Gespinsten von floral aufschäumender Opulenz. Imran Qureshi, in seiner Jugend in Pakistan ursprünglich als Miniaturmaler ausgebildet, versteht sich auch handwerklich auf die Suggestion ziemlich ambivalenter Eindrücke. Die böse Erinnerung an ein Blutbad erhält durch das eingesetzte Blattgold im Hintergrund eine doppelbödige Veredelung hin zum Pseudosakralen.

In der heute Abend neu eröffneten Kunsthalle der Deutschen Bank wird der zum "Künstler des Jahres" gekürte Imran Qureshi mit einer Einzelausstellung geehrt. Für seine erst im Januar in einem Kreuzberger Studio eigens für die Schau erfolgte Bildproduktion stöberte man lange in den lokalen Fachgeschäften nach den Beständen an scharlachroter Farbe, bis diese Quellen versiegt waren und der Internethandel bemüht werden musste. Nur mit der Acrylfarbe Perylene Maroon lässt sich für Qureshi der lasierende Ton in der vermeintlichen Konsistenz frischen Bluts erzielen. Friedhelm Hütte, Global Head of Art der Deutschen Bank, berichtet: Im Eldorado der Künstler und Kreativen ein Atelier auf Zeit für unseren 'Artist of the Year' zu finden, war kein Problem. Aber bei der erforderlichen Menge von 100 Tuben dieser Acrylfarbe versagten selbst die Ressourcen der Hauptstadt."

Imran Quereshi, 1972 geboren, bezieht sich trotz Rückbindungen an die traditionelle Malerei der Mogul-Herrschaft erklärtermaßen in seinem Werk auf die Gewaltereignisse der Gegenwart: "Nach einem Terroranschlag auf einen belebten Marktplatz in Pakistan erhielt es eine persönliche Ausrichtung. Damals entstand das großformatige Werk 'You Who Are My Love and My Life’s Enemy Too' als Reaktion auf ein Selbstmordattentat auf dem RA Bazar meiner Heimatstadt Lahore im Jahr 2010. Das war auch der Ausgangspunkt meiner Vision einer blutbespritzten Oberfläche. Eine so mutwillige Zerstörung von Menschenleben zu erleben, hat mich psychisch extrem belastet." Und weiter: "Ich hatte in meinem Atelier ein bestimmtes Scharlachrot, das an Blut erinnerte. Das fiel mir jedoch erst auf, nachdem ich Fernsehbilder des Anschlags gesehen hatte. Diese Farbe nahm die Symbolik des Gemäldes vorweg. Der Innenhof, den ich für die Biennale in Sharjah (2011) gestaltet habe, geht auf diese für mich zentrale Arbeit zurück."

Nicht nur die großen ovalen Gemälde Qureshis changieren permanent zwischen ihrem abstrakt schönen Gepräge und den aufgerufenen Schreckensphantasmen: Im zentralen Saal der Kunsthalle türmt sich nun ein durch und durch fragiles Mahnmal gegen menschliche Gewalt auf, welches man zwangsläufig durchqueren muss. Der Berg besteht aus zusammengeknäulten, gleichsam blutgetränkten Papieren. Sobald man aber die bedruckten Blätter entfaltet, geben sie ihre florales Muster im Stil von Qureshis Malerei zu erkennen. Er spiele bewusst mit psychologischen Wechselwirkungen, gibt Qureshi zu bekennen: "Meine Arbeiten sind auf der einen Seite attraktiv, andererseits beginnt man dagegen zu rebellieren, weil sie sehr blutig und unbequem wirken und schon im nächsten Moment wird man durch die erkennbaren Blumenmuster wieder in das Schlachtfeld hineingezogen."

Der dritte Part von Imran Qureshis subtiler Überwältigungsstrategie ist vergleichsweise verschwiegen. Mittels Einzug einer zweiten Decke schuf er im hinteren Ausstellungsteil über zwei Geschosse niedrige, kleine Räume, die in dunklem Blaugrün gestrichen sind. Diese Farbe habe er sich von Nachtlandschaften der venezianischen Malerei entliehen, sagt er. Qureshi macht über den drastischen Raumeingriff die gesellschaftliche Aufspaltung in den Palästen und kolonialen Architekturen deutlich: "Während Könige, Minister, besondere Leute riesige Säle zur Verfügung hatten, mussten sich die Bediensteten und andere mit gefängnisartigen Räumen bescheiden." In seinen nunmehr bedrängenden Kompartimenten in der Kunsthalle sind juwelengleich vereinzelte Miniaturmalereien zu sehen.

Qureshi lehrt heute nicht nur in Lahore Miniaturmalerei, er hat das Genre formal wie inhaltlich in die Gegenwart gebracht: "Wenn man meine Serie "Moderate Enlightenement" von 2009 betrachtet, so sieht man darauf extrem religiöse Menschen islamischen Glaubens. Die Miniaturmalereien wirken sehr einfach mit ihren schönen Landschaften und darin platzierten vereinzelten Figuren. Gleichzeitig ist es ein politischer Kommentar über die Situation nach dem 11. September, wie stark wir mittlerweile die stark religiösen Menschen von der normalen Bevölkerung ausgegrenzt haben."

Qureshi ist nach der Mammutaufgabe für die Kunsthalle schon wieder auf dem Sprung zu neuen Großtaten: Während er Mitte Mai den Dachgarten des Metropolitan Museums in New York mit einer bestimmt auch nicht zimperlichen Bodenarbeit versehen wird, ist er danach von Biennale-Direktor Massimiliano Gioni nach Venedig eingeladen. Was das erneuerte Engagement der Deutschen Bank für zeitgenössische Kunst betrifft, so ist man nach der Auflösung der Allianz mit dem Guggenheim Museum erleichtert, dass es in den Räumlichkeiten Unter den Linden weitergeht. Allein schon deshalb, weil man nach den überzeugenden Präsentationen von Yto Barrada, Roman Ondák und nun Imran Qureshi nicht auf den "Künstler des Jahres" verzichten will.

Imran Qureshi: "Artist of the Year"

18. April bis 4. August

Ein Oeuvrekatalog erscheint im Hatje Cantz Verlag, 35 Euro

http://www.deutsche-bank-kunsthalle.de/kunsthalle/aktuelle_ausstellung.html