Gloria Friedmann - Fondation Maeght

Mensch und Natur im Spiegel der Kunst

Statt missionarischem Ernst, Humor und surrealistischer Strenge: Die Fondation Maeght präsentiert in Südfrankreich die Werke der deutsch-französischen Künstlerin Gloria Friedmann, die das Künstliche und Vulgäre der heutigen Menschheit und ihre manipulierten Träume aufgreift.

Ein Mann sitzt auf hoch oben auf einer Weltkugel aus Erde, Gips und Kunststoff – er schaut nachdenklich auf den Rest des Universums hinab. Unter ihm Pinienwälder, das Mittelmeer und die Terrasse der Fondation Maeght, eines der schönsten Privatmuseen der Welt.

Braque, Chagall, Giacometti, Léger, Miró: Ihre Meisterwerke erinnern an die Goldenen Jahre der Côte d’Azur, als Henri Matisse im nahen Vence als Spätwerk eine Kapelle ausmalte und Pablo Picasso im berühmten Restaurant Colombe d’Or, gleich unterhalb der Fondation, Hof hielt.

Der Mann, kurz und knapp "Der Passagier" genannt, würdigt die unzähligen Villen, sprich die Zivilisation, die sich von der Küste immer weiter ins Hinterland frisst, keines Blickes. Er ist auf der Reise, kommt allerdings mitsamt seiner Erdkugel nicht einmal im Schritttempo weiter, denn der Globus und er werden von einer Schildkröte getragen. Der Mensch mag die Erde nicht nur bewohnen, sondern beherrschen, doch geht es nicht wirklich vorwärts mit beiden – klarer und deutlicher als Gloria Friedmann, geboren in Bayern, seit über 30 Jahren in Frankreich lebend, hat kaum ein anderer Künstler Zivilisationskritik in Kunst gefasst.

Da ist der mächtige ausgestopfte Hirsch von 1995, "Der Gesandte", der auf einem Sockel aus Tageszeitungen steht, oder ein Äffchen, das sich als "Du und Ich" vor seinem Spiegelbild an den Kopf fasst; aber auch das offizielle Foto von Helmut Kohl und François Mitterrand, Seite an Seite, beim Gipfeltreffen vor dem Loire-Schloss Chambord, in einem Aquarium mit lebenden Fischen, eine Arbeit von 1997. "Wenn ich die Herren Kohl und Mitterrand bei einem Treffen in ein Aquarium stecke, dann weil ich überall höre : 'Wir verstehen die Sprache der Politiker nicht mehr.' Um sie herum Fische, die auch keiner versteht. Einen Goldfisch hat noch nie jemand verstanden."

Die Fondation Maeght zeigt noch bis Juni eine weitläufige Ausstellung mit Werken von Gloria Friedmann, die keine Retrospektive sein will und dennoch ein Vierteljahrhundert künstlerischer Auseinandersetzung mit unserem Planeten und dem, was wir ihm und uns antun, dokumentiert. Sei es mit technologischem Fortschrittsdenken, einsamer Politik oder Manipulation durch Massenmedien: Friedmann erzählt von den Veränderungen unseres physischen und geistigen Lebensraums, der Transformation von Natur, die es so, wie die Romantiker sie einst malten, heute längst nicht mehr gibt. Wir Menschen haben das früher Sublime und Unerreichbare in sein Gegenteil verwandelt, es ist künstlich und vulgär geworden.

Gloria Friedman beschreibt, was sie sieht, mal mit Pathos, mal karikierend, aber immer mit einem ästhetischen Spiegel in der Hand, den sie ihrer Zeit und uns vorhält. Ihre Arbeit ist gegenständlich im besten Sinne, eigenwillig und dennoch verständlich, emotional aufgeladen, aber fast immer formal durchdacht, wenn sie quer durch alle Medien, von der Skulptur über Installation und Video bis zu Malerei und Aquarell das Verhältnis von Mensch, Tier und Technik abklopft.

Auf skelettierten Tierschädeln montierte sie 1994 Fernsehmonitore mit Antennen, die "En direct" Bildstörungen zeigen. Aus Computerkabeln formte sie 2007 das ungleiche Gespensterpaar "Oryx + Crake", das sich im Park der Fondation, inmitten der Skulpturen von Giacometti und Miró, hilflos die Hände reicht. Und wenn sie aus Erde eine überlebensgroße Frau bildhauert, die wie eine Schwangere den Globus vor ihrem Bauch trägt, nennt sie diese in Anspielung an Psychoanalyse und Science-Fiction "Matrix".

"Meiner Ansicht nach steht der Künstler von heute inmitten eines Kreisverkehrs. Um ihn herum fließt der Verkehr des Lebens, und er schnappt Ideen auf, registriert, was gerade so passiert. Und je nach Temperament und Talent erzählt er davon, was er gesehen hat und was gerade so passiert." Friedmann kommentiert die Beziehung des Menschen zum Planeten, von der Verwandlung der Natur in Zivilisation, und sie tut dies spielerisch und ohne missionarischen Ernst, in einer Mischung aus Humor, theatralischer Inszenierung und surrealistischer Strenge. Nicht wenige Arbeiten spielen direkt mit der Kunstgeschichte, wenn sie etwa Anfang der neunziger Jahre in der Serie der "Paria" abstrakten Expressionismus mit hinter Glas geklebten Schinken- oder Tomatenscheiben karikiert, oder in neuen Arbeiten in grober Federzeichnung einen Menschen malt, auf dessen ausgestreckter Hand ein Affe tanzt.

Ein ganzer Raum der Ausstellung ist ihren Tableaux vivants gewidmet, Videos vom skurrilen Aufeinandertreffen zweier Schachspieler beim Blitz vor einem Atommeiler oder dem Ballett kostümierter junger Mädchen einer lokalen Tanztruppe vor Kaninchen im Käfig, das Ganze gedreht auf dem Parkplatz einer Autobahn im Ferienverkehr. Ein Club von Hundezüchtern paradiert vor dem Frankfurter Verwaltungsgebäude der Deutschen Bank, ein Prachtstück von Rindviech muss im Museum anschauen, wie ein Fleischermeister einen Artgenossen zerlegt. Lakonisch und kommentarlos, zugleich raffiniert und naiv, bringen die Tableaux vivants die Absurdität unserer Welt auf den visuellen Punkt.

Ein ästhetischer Höhepunkt der Schau sind die Hinterglasmalereien der "Karaoke"-Serie, deren Farbgebung das prachtvolle Muster des Gefieders ausgestopfter tropischer Vögel nachahmt. Jeder Saal der weitläufigen Ausstellung der ehrwürdigen Fondation Maeght birgt eine neue Netzhaut- und Hirnstimulation, und der Besucher kann die stolze Ankündigung des über 80-jährigen Hausherrn Adrien Maeght nur bestätigen: "Mit dieser Ausstellung wollten wir uns radikal verjüngen." Das ist der Fondation Maeght gründlich gelungen. Die alten Meister des zwanzigsten Jahrhunderts hätten ihre Freude daran.

Play-Back d’Eden - Gloria Friedmann

Termin: bis 16. Juni, Fondation Maeght in Saint-Paul de Vence, Frankreich

Die Autoren des Ausstellungskatalogs sind Jean-Christophe Bailly und Olivier Kaeppelin
http://www.saint-pauldevence.com/agenda/play-back-d%E2%80%99eden-gloria-friedmann