Blick von Oben - Interview

Kunst aus der Sicht der Vögel

Kuratorin Angela Lampe hat mit art über die Ausstellung "Der Blick von Oben" zum Leben gesprochen. Auf mehr als 2000 Quadratmetern erwacht im Centre Pompidou-Metz die Schau zum Leben. Im Wechselspiel der rund 500 Werke bestehend aus Gemälden, Fotografienn, Zeichnungen, Filmen, Architekturmodellen, Installationen, Büchern und Zeitschriften – ergibt sich ein neuartiges und spektakuläres Panorama der moderne und zeitgenössischen Kunst.

art: Um 1860 fotografiert der Franzose Nadar die Welt zum ersten Mal von oben, aus einem Fesselballon. Welche Auswirkungen hatte das? Wovon erzählt Ihre Ausstellung?

Angela Lampe: Die ersten Fotografien von Nadar leiten einen Blickwechsel ein, der die Künstler nachhaltig beschäftigen wird.

Mit den Aufnahmen aus dem Ballon hebt der Blick ab. Der Beobachter befindet sich nicht mehr auf der Erde, sein Blick ist nicht mehr justiert und verliert seinen Halt. Die Anfang des 15. Jahrhunderts eingeführte Zentralperspektive mit einem Fluchtpunkt auf der Horizontlinie wird aufgegeben; der Raum weitet sich unendlich aus. Die Erde verwandelt sich in eine ornamentale Fläche. Die Auswirkung dieses Blickwechsels auf die Kunst bis heute ist das Thema unserer Ausstellung. Im Grunde die Geschichte einer neuartigen Wahrnehmung des Raums.

Die ersten bildenden Künstler, die diese neue Draufsicht von oben auf die Wirklichkeit ausprobierten, waren die Impressionisten.

Ja, doch passierte das nicht unmittelbar unter dem Einfluss von Nadars Foto. Sie verstärkten eher eine Entwicklung hin zu ungewöhnlichen Perspektiven, die bereits von Karikaturen und japanischen Drucken eingeleitet wurde. Generell kann man sagen, dass sich der Blickwinkel nach oben verschiebt. Um 1880 werden die Stadtlandschaften bei Caillebotte flacher und geometrischer. Der Horizont verschwindet, was in den Balkonansichten von Pariser Plätzen, die Camille Pissarro gegen Ende des Jahrhunderts malt, zu ersten All-Over Effekten führt.

Kann man sagen, dass dieser Verlust an Erdung die Erfindung der Abstraktion beschleunigt hat ?

Ganz so klar und geradlinig war das nun auch wieder nicht. Zahlreiche Ausstellungen in den letzten Jahren haben gezeigt, dass ein ganzes Bündel von Einflüssen zur Abstraktion führte: etwa musikalische Analogien, spirituelle und okkulte Quellen, Entdeckungen und Erfindungen in den Wissenschaften. Doch die Rolle des Luftblicks wurde bisher noch nicht genauer untersucht, wobei man sehr wohl weiß, dass sie zum Beispiel für Kasimir Malewitch von großer Bedeutung war.

Hat die künstlerische Fotografie, etwa die des Bauhauses, länger gebraucht als die Malerei, um die neuen Formen von Perspektive aufzunehmen?


Die von Ihnen angesprochene sogenannte Fotografie des Neuen Sehens kam in der Tat erst in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre auf, aber es gab schon vorher, noch vor dem Ersten Weltkrieg, vor allem in der amerikanischen Fotografie, etwa bei Alvin Langdon Coburn und Paul Strand, schon Aufnahmen aus der Vogelperspektive: etwa die berühmte Aufnahme The Octopus, die Coburn 1912 von Parkwegen im Winter macht. Bereits einige Jahre früher nutzte in Frankreich der Fotograf Léon Gimpel den neuen Blickwinkel für spektakuläre Presseaufnahmen. Seit Blériots Flug über den Kanal im Sommer 1909 wurden Luftaufnahmen immer populärer. André Schelchers Fotografie des Eiffelturms von oben regte Robert Delaunay zum Beispiel zu zahlreichen Bildern an.

Insgesamt zeigen Sie die Auswirkungen des Blickwechsels durch Erhöhung der Perspektive anhand von 400 Werken, von Picasso über Kandisky bis Pollock, darunter zahlreichen wichtigen Leihgaben aus anderen Museen.

Ungefähr zwei Drittel der ausgestellten Werke kommen aus anderen europäischen und amerikanischen Sammlungen. Die Ausstellung wird seit über drei Jahren vorbereitet.

Wie ist die Ausstellung aufgebaut? Es gibt insgesamt acht Kapitel, die aber nicht nur streng chronologisch funktionieren, und immer geht es quer durch alle Medien, von Malerei und Fotografie hin zu Land Art, Video und Google Earth.

Jedes Kapitel ist stichwortartig thematisch überschrieben, es geht beispielsweise um den "Umschwung", die "Planimetrie", die "Verfremdung", die "Dominanz", die "Topographie", aber auch die "Supervision", die Überwachung, etwa beim heutigen Einsatz von Drohnen. Wir thematisieren also sowohl formale wie inhaltliche Aspekte. Jedes Kapitel ist als ein medienübergreifender Dialog konzipiert, wie es dem Credo des Centre Pompidou entspricht, in Metz wie in Paris. Der Parcours folgt der historischen Chronolgie, die sich aber immer wieder auffächert und durch zeitgenössische Fortschreibungen des Themas aufgebrochen wird. So werden im Kapitel "Ornament der Masse" Werke von Andreas Gursky oder Thomas Bayrle neben Fotografien der zwanziger Jahre und Tanzfilmen von Busby Berkeley hängen. Die Ausstellung wird eine ganz eigene Kartografie entwerfen, wo man von Malewitsch und der russischen Avantgarde schnell bei Moholy-Nagy, Klee und Kandinsky im Bauhaus ist oder in paar Schritten vom Futurismus zu den urbanen Visionen von Corbusier gelangt.


Wie schon beim Aufkommen von Zentralperspektive und Artillerie ist es frappierend, wie oft künstlerische und militärische Erfindung Hand in Hand gehen. Manche Künstler, wie der Maler Sam Francis, waren selbst Bomberpiloten.

Deshalb richten wir in der Ausstellung auch zwei Räume ein, in denen es um die Zäsur durch die Weltkriege geht. Im Ersten Weltkrieg wird Luftfotografie zur Aufklärung sehr wichtig und regelrecht zu einer Bild-Industrie. Im Zweiten Weltkrieg betonen wir das Vorher und Nachher, etwa bei den Auswirkungen des Bombenkriegs, zum Beispiel in den Fotos von Hiroshima, in denen das Ausmaß der Zerstörung nur von oben deutlich wird. Später kommt dann – im militärischen Kontext – die Drohnen-Technologie hinzu.

Der Blick von oben

Centre Pompidou-Metz

7.5 bis 7.10 2013
http://www.centrepompidou-metz.fr/de/der-blick-von-oben