Wagnerjubiläum - Leipzig

Polarisierung der Kunstwelt

Ausstellungen, Konzerte, Symposien zum diesjährigen Wagnerjubiläum grassieren deutschlandweit. Ganz besonders heftig davon betroffen ist Leipzig, wo sich derzeit besonders zwei durchaus bemerkenswerte Schauen aus der Fülle der Huldigungen herauskristallisieren.

Es ist dieser Tage in Leipzig unmöglich, Richard Wagner aus dem Wege zu gehen. Die Geburtstadt ist in Feiertrance.

Sogar die Studenten der Universität mussten Vorlesungssäle für außerordentliche Aufführungen zeitweilig räumen, und Sonderausstellungen zum Thema seines 200. Geburtstages bestimmen die Ausstellungsorte stadtweit. Gerade wurde auch Stefan Balkenhols neues Wagner-Denkmal auf den historischen Sockel mit Grazienrelief von Max Klinger (1857 bis 1920) gehievt.

Auf den Promenaden am Goerdelerring wundert sich nun eine Bronzefigur des jugendlichen Komponisten über ihren eigenen, riesigen Schatten, den er in die Zukunft werfen sollte. Diese Silhouette zeichnet einerseits den nie realisierten Klinger-Entwurf von 1905 nach, symbolisiert aber daneben auch unablässige Projektionen der Nachwelt, die gerade 2013 wieder rasant an Fahrt aufgenommen haben.

Die Arbeit am Wagner-Mythos

Selbst wer, wie auch ich von den Klangwerken des Meisters seltsam unberührt bleibt, muss sich dem Phänomen zwangsläufig stellen. Als Einstieg in die Problematik bietet sich ein Besuch in der lauschigen früheren Villa von Max Klinger auf der Karl-Heine-Straße an. Dort musste der berühmte Symbolist ebenso seine Familiensuite freigeben wie die Studenten im Zentrum ihre Seminarräume. Für die aktuelle Sonderausstellung "Mythos Wagner" haben die Macher des hier beheimateten Klinger Forums gerade nicht auf die zahlreichen Bezüge zwischen Klinger und Wagner gesetzt – dieser Mission hat sich das Museum für Bildende Künste angenommen. Doch dazu später. Im Klingerhaus empfangen den Besucher bereits im Foyer Wagnermelodien aus der Konserve – Eingeweihte erkennen die zaubrischen Zeichen nach wenigen Tönen. Weniger Versierte konzentrierten sich auf die hier versammelten Kunstwerke von fünf Herren zweier aktueller Künstlergenerationen: Markus Lüpertz, Anselm Kiefer, Henning von Gierke, Jonathan Meese und Thorsten Brinkmann. Der Klangteppich indes untermalt erbarmungslos die Arrangements und weist der Deutung die rechte Bahn.

Der Symbolismus der Nachgeborenen

An zentraler Stelle hat der Bühnenkünstler und Wagner-Experte Henning von Gierke eine Art Ausgrabungsstätte eingerichtet, die man auf Holzplanken begeht. Darunter öffnet sich der Boden und gibt den Blick auf theatrale Miniaturen frei, die mit der Ikonografie jener Wagner-Opern operieren, die von Gierke bislang entweder als Bühnen- oder Kostümbildner eingerichtet hat. Das Ganze ist eine verspielte, "Fundstellen Archäologie" betitelte, Angelegenheit, die mit Baustellencharme das Pathos auf ein verdauliches Maß herunterbricht. Als weniger bekömmlich erweist sich von Gierkes schwülstig-realistisches Gemälde "Liebestod" im Eingangsraum, zumal es von dem 2001 entstandenen, exzellenten Meese-Werk "Hagen von Tronje" flankiert wird. Dass sich Jonathan Meese, der Verfechter der totalen Diktatur der Kunst, bereits früh mit Wagner als personifiziertem Gesamtkunstwerk auseinandergesetzt hat, überrascht kaum. In diesem Sinne erfrischt auch ein wildes Wagner-Meese-Doppelporträt namens "Keine Gurus" die Präsentation. Damit stimmt sich Meese zweifellos auf seine für 2016 geplante Bayreuther Regieaufgabe am "Parsifal" ein. Auch wenn seine weiteren, piktogrammatischen Wagnerköpfe eher wie Fließbandware wirken: Hier ist ein Kollege im Geiste zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Leider kann man so etwas kaum von der Präsenz einiger Linolschnitte von Markus Lüpertz behaupten. Der Zyklus "Parsifal" von 1994 kombiniere die Lesart eines klassischen Schmerzensmanns mit der eines keuschen Kämpfers (so in etwa der Katalogtext dazu) und beziehe sich zudem auf die "Verunsicherung von Männlichkeit", wie sie im Gefolge der deutschdeutschen Wiedervereinigung aufgetreten sei. Ratlosigkeit. Rasch also in das nächste Zimmer mit Anselm Kiefers Holzschnitt "Brunhilde Grane" (1993) gewandelt. Das Gerippe des Sagenpferdes Grane über einem Scheiterhaufen nebst verwaschenem Schriftzug erscheint wie ein Menetekel an der Wand.

Auch wer mit der germanischen Mythologie nicht vertraut ist, spürt hier Kiefers Meisterschaft im grafischen Umgang mit dem Werkstoff Holz und seinen so gar nicht plakativen Einsatz von Symbolen. Damit ist existenziellen Zugriffen auf "Mythos Wagner" in der Schau Genüge getan – ab jetzt darf gelacht werden. Denn im vormaligen Salon der Familie Klinger hat der Hamburger Fotokünstler Thorsten Brinkmann das Lichtschwert gezogen. Allein seine inszenierten Selbstporträts in der Maske von Wagner-Figuren sind köstlich: Da ist der missgestaltene Alberich unter einem Blecheimer, da ein femininer "Siggi di Star" (Siegfried, na klar!) im grünen Röckchen und daneben eine beherzte Brunhild in Rot.

Drumherum arrangierte Brinkmann allerlei installatives Gerät, das an die rosa-plüschige Atmosphäre von Wagner Bayreuther Privatgemach erinnern soll. Dem ernsten Wagnerianer werden diese sakrilegischen Anti-Kultbilder eher schaudern. Aber auch Wagners vielkolportierte Passion für rosa Damenunterwäsche und schmeichelnde Seidenstoffe gehört zum heuer zelebrierten Mythos.

Die sächsische Heldentrias im Museum

Mit einem entspannten Schmunzeln auf den Lippen nun also auf ins Museum für Bildende Künste. Auch hier muss man nicht die höheren Weihen des Olymps empfangen haben, um die Idee zu erfassen. Denn Museumschef Hans Werner sich eine Ausstellung nach eigener Konzeption gegönnt, die vermutlich wieder viele Besucher aller Couleur anziehen wird. Er kombiniert mit "Weltenschöpfer" gekonnt drei Heroen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts: Richard Wagner, Max Klinger und ja: Karl May.

"Arbeit am Pathos" habe die Schau ursprünglich heißen sollen, so Schmidt. Dieses Motto trifft den Kern der herkulischen Lebensleistung der drei Maestri von Klang, Bild und Wort. Bis Mitte September wird im Museum einmal mehr Leipzigs Anspruch auf den Titel "Heldenstadt" eingefordert, mit hohem Unterhaltungswert. Herausgekommen ist ein leichtfüßiges Heldenballett, ein Reigen (kein Ring, bitteschön!) in der Hauptregie von Schmidt und rosalie. Die Wagner-erfahrene Raumkünstlerin aus Stuttgart ist sozusagen die Quotenfrau im Mysterienspiel des Jahres 2013. Das liegt in der Natur des Themas, wie wir ja bereits bei Markus Lüpertz "Parsifal"-Serie erfuhren, deren Arbeitstitel vielsagend "Männer ohne Frauen" lautete. Nun aber rosalie mit drei Licht-Klang-Installationen, jeweils gewidmet einem der Heroen. Im "Heldendisplay" dürfen die Besucher in Liegestühlen eine vom "Ring"-Klängen orchestrierte Farborgie genießen, die von rhythmisch aufglühenden Heldentorsi an der Zentralwand ausgeht.

Das ist nicht ganz ironiefrei, besonders wenn man durch den dicken Vorhang in den Nachbarraum schlüpft, wo rosalie dann Karl May huldigt: Die stilisierte, wiederum heftig leuchtende Felsenschlucht hat sie "Dead End" genannt. Diese Phantasielandschaft mag darauf anspielen, dass sich Weltenschöpfer May zur Produktion seiner Wildwestromane und Reiseberichte kaum je aus dem heimatlichen Sachsen wegbewegt hat – und dennoch ein wahres Feuerwerk an exotischen Fiktionen schuf. Wie sein Klangkollege Wagner, so war auch May stets im Dienste des Kampfes zwischen Gut und Böse unterwegs, Katharsis inklusive. Verlässt man diese funkelnden Erlebnishöhlen, so findet man sich unversehens in einer Art Saloon wieder.

In dieser hastig gezimmerte Bar-Kulisse feiern zwei Leipziger Bewunderer den Radebeuler Phantasten: Schriftstellerkollege Clemens Meyer und Künstlergalerist Uwe Karsten Günther erkunden mit Whiskeyflaschen und witzigen Requisiten das nicht ganz jugendfreie Hinterland der May’schen Moraldidaktik. Sie verwenden für ihren Auftritt einen Decknamen, ganz in der Manier ihres Vorbilds: Günther Meyer, auch er ein glamouröser Scharlatan wie Old Shatterhand.

Arbeit am Pathos gelungen

Triviales und Intellektuelles im brüderlichen Schulterschluss: Rollenspiel allerorten. Die Einladung von ganz verschiedenen Künstlern bestimmt die Dramaturgie der Ausstellung. Auch der Fotokünstler Falk Haberkorn mit einer begehbaren Klinger-Analyse gehört dazu, wie auch der Leipziger Schauspieldirektor David Timm mit seiner Bildbühne "Richard Wagner – Leiden und Größe".

In dieser gesteuerten Personalmelange liegt der eigentliche Coup von Hauptspielleiter Hans Werner Schmidt. Die sechs thematischen "Wahnzimmer" zu May, Wagner und Klinger werden von einem klassischen Bildparcours des 19. Jahrhunderts zusammengehalten, der wiederum gegliedert ist in Bereiche wie "Der Wald", "Der Rhein", "Die Helden", "Das Hochgebirge" und ähnliches. Hier findet man zahllose Referenzen zum damaligen Zeitgeist, mit Künstlern wie Sascha Schneider, Carl Blechen, Franz von Lenbach und immer wieder Max Klinger.

Man sieht dem 19. Jahrhundert bei seiner Arbeit am Pathos förmlich zu und erlebt die junge deutsche Selbstvergewisserung jener Zeit mit ihrer gesamten schwankenden geistigen und künstlerischen Amplitude. Diese sinnliche, kluge und längst fällige Einordnung des Phänomens Richard Wagner scheint das passende Geburtstagsgeschenk zu dessen 200. Geburtstag. Es ist durchaus vorstellbar, dass die multimedialen Sakralräume den einen oder anderen Besucher als glühenden Wagneranhänger entlassen. Oder dass man zu Hause, bei einem guten Glas Bourbon, verstohlen mit der Lektüre von Karl Mays Autobiografie "Mein Leben und Streben" beginnt. Das wäre immerhin ein Anfang.

Ausstellungen

Mythos Wagner. Markus Lüpertz. Anselm Kiefer. Henning von Gierke. Jonathan Meese und Thorsten Brinkmann in der Klinger Villa Leipzig, bis 7.7.

Weltenschöpfer. Richard Wagner, Max Klinger, Karl May. Mit Räumen von rosalie. Museum der Bildenden Künste Leipzig, bis 15.9.





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