Retrospektive - Wien

Jahrhundertfigur der Kunstgeschichte

Die Albertina widmet dem großen Surrealisten Max Ernst seine erste Retrospektive in Österreich. Mit einer Auswahl von 180 Gemälden, Collagen und Skulpturen sowie repräsentativen Beispielen illustrierter Bücher und Dokumente vereint die Ausstellung alle Werkphasen, Entdeckungen und Techniken des Künstlers und stellt sein Leben und Schaffen im biografischen wie zeitgeschichtlichen Kontext vor.

Als großer Publikumserfolg wird die Retrospektive auf Max Ernst nicht in die Annalen der Albertina eingehen, mit 171. 000 Besuchern war sie allemal guter Durchschnitt. Kulturhistorisch war sie dennoch beachtlich.

Zwielichter Untergrund

Nicht nur, weil es sich bei dem 180 Werke stemmenden Kraftakt um den ersten großen retrospektiven Auftritt des surrealistischen Urkünstlers in Österreich handelte, einem Land, in dem der Surrealismus nie wirklich angekommen ist. (Woran diese Schau wohl nicht wirklich viel ändern konnte.) Sondern auch, weil sie einen Kurator wieder ins Rampenlicht stellte, der das Jahr davor alles versucht hatte, genau nicht dorthin zu kommen. Und schon gar nicht in Zusammenhang mit Max Ernst.

Musste Werner Spies durch seine Verstrickung in den Beltracchi-Fälscherprozess doch erleben, wie schnell die bürgerliche Gesellschaft immer noch bereit ist, die Kunstwelt im Zweifel als zwielichtigen Untergrund zu akzeptieren, durch und durch verdorben, von einer "Kamarilla aus Politikern, Händlern und Kunsthistorikern", wie die "Zeit" das Umfeld beschrieb, in dem der größte Fälscherskandal des Kunstmarktbooms gedeihen konnte. Für einen solchen braucht es Experten. Und der 1937 geborene Spies hatte sich seit Jahrzehnten einen bisher makellosen Ruf aufgebaut, ja, sagen manche, er war die Verkörperung des "Kunstexperten" an sich.



Für Picasso. Und für Max Ernst, mit dem er sich in seiner Jugend und dessen Alter verbündet hat. Zu beider großer Nutzen, wie ihm im Zuge seines rasanten Falls, bedingt durch seinen Profit bei der Vermittlung von sieben von ihm als echt zertifizierten Beltracchi-Fälschungen, die "Süddeutsche Zeitung" vorwarf. Zu Recht wittert man hier schwer opportunistische Machenschaften. Derartige Erfolgs-Gespanne aus Künstlern und Promotern, seien es mächtige Galeristen, Kritiker und Kuratore prägten allerdings seit jeher nicht nur den Markt, sondern auch die Kunstgeschichte. Wer blickt schon durch das Interessens-Dickicht des Kunstbetriebs, durch das Netzwerk an Sammlern, Auktionshausbesitzern, Händlern, Galeristen, Kuratoren, was hin und wieder sogar in Personalunion auf einen trifft? Es ist ein zu schnell gewachsener, weicher Markt für die fanatischsten Enthusiasten und die spekulativsten Glücksritter, das macht ihn so sympathisch wie problematisch.

Max-Ernst-Fälschungen

Prinzipiell aber sollte man misstrauisch werden, wenn heute der Markt eines Künstlers, vor allem posthum, nur durch eine Person bestimmt beziehungsweise gesteuert wird. Bei einem anderen Surrealisten, bei Magritte etwa ist das ein über Ecken zum Zug gekommener Erbe. Bei Max Ernst war und ist es Spies, ohne dessen Expertise kein Verkauf zustande kommt. Hunderte Max-Ernst-Fälschungen, betonte er, habe er im Laufe der Zeit aussortiert. Sieben Mal sei er dabei hereingelegt worden – nur. Und das von einem natürlich "genialen Fälscher", wie er Beltracchi zugestehen musste. Denn es sind immer nur Genies, die das Leben von Spies geprägt haben, wie man auch in seiner 2012 herausgekommenen Autobiografie "Mein Glück" nachlesen kann. Positiv wie bei Picasso oder Ernst. Oder eben negativ wie bei Beltracchi.



Eine Lücke in Spies’ Expertenpanzer – schon war es geschehen. Schon kann Spies keine Ernst-Ausstellung mehr machen, ohne unter Generalverdacht zu stehen. Und tatsächlich, fand etwa die Wiener Stadtzeitung "Falter" heraus, hat Spies die von ihm vermittelte Ernst-Fälschung "Die Horde" gemeinsam mit anderen Werken der Sammlung Würth im Salzburger Museum der Moderne gezeigt, 2010 war das und die Welt rund um Spies noch in Ordnung. Drei Jahre später musste Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder sich schon in Nibelungentreue zu seinem erprobten Partner üben, der ihm 2006 bereits spektakulär das Spätwerk Picassos und 2008 kabinettstückartig Max Ernsts Collageroman "Une semaine de bonté" serviert hatte.

Der größte Maler des Jahrhunderts

Die "Zuschreibungsgeschichte sei hier nicht das Thema", betonte er. Und Spies verbat sich so gut es ging sowieso jegliche Frage nach dem Fälscherskandal. Was ihm wohl auch bei der zweiten Station der Ausstellung ab 26. Mai in der Fondation Beyeler in Basel nicht gelingen wird. Ob es die Gerichte entscheiden werden – in Frankreich strengte ein Sammler einen Prozess gegen Spies an – oder eine spätere Aufarbeitung des Beltracchi-Falls, der Ruf von Spies bleibt ramponiert. Wenig verwunderlich.
Umso verwunderlicher aber ist, dass im Zuge all dieser Zweifel plötzlich auch der Ruf von Max Ernst in Frage gestellt wird, wie es die "Süddeutsche" tat.



Dieser sei heute nur dadurch derart glänzend, weil Spies sein unermüdlicher Lobbyist war, Ausstellungen vom Metropolitan Museum bis zur Albertina organisiert und immer wieder gebetsmühlenartig betont hätte: Max Ernst, das ist neben Picasso der größte Maler des Jahrhunderts. Stimmt gar nicht, schreibt Catrin Lorch, er müsse schleunigst ein paar Treppen vom Olymp herunter rutschen. Wer dafür nachrücken darf? Welche Kriterien überhaupt die göttliche Treppenaufteilung bestimmen? Darüber wird wohl noch viel diskutiert werden müssen. Was zumindest für die Bedeutung von Ernsts Malerei spricht, sind seine technischen Innovationen, vor allem die Einführung der bis heute immer wieder verwendeten Frottage.



Vor allem aber die in seinem amerikanischen Exil erfundene "Oszillation", bei der Farbe durch an Fäden schwingenden, löchrige Dosen recht unkontrolliert auf die Leinwand rinnt und tropft. Was immerhin Jackson Pollock zu seinen Drip Paintings führte. Worauf sich aber wohl alle einigen können, ist, dass die Collagen Max Ernsts unerreicht sind in ihrer Finesse und ihrer Komplexität. Immerhin. Eigentlich müsste man dankbar sein, für diesen so seltenen Fall. Dass der sonst so starr festgeschriebene Kanon der Kunstgeschichte plötzlich wieder verhandelbar scheint. Dass plötzlich zumindest wieder diskutiert werden kann, ob ein Gott nicht vielleicht doch eher ein Halbgott ist.