Palazzo Enciclopedico - Venedig Biennale

Autodidakten, Schamanen und Spinner

Wie ist sie denn nun, die Ausstellung von Biennale-Kurator Massimiliano Gioni? Unsere Autorin Ute Diehl über den "Palazzo Enciclpedico".
Kunst jenseits des Mainstreams:Kritik der Hauptausstellung der Biennale

Besucher vor einem Bild von Maria Lassnig, die auf der 55. Biennale mit dem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde

Die italienische Presse reagierte gereizt, da sich keine Angriffsfläche bot, mit der man Massimiliano Gionis Projekt hätte kritisieren können.

Sogar der notorisch streitsüchtige Vittorio Sgarbi liess die Arme sinken: "Ich wüsste nicht, was ich kritisieren könnte. Mich stört nur, dass 40 Künstler dabei sind, die schon lange tot sind."

Gioni hat gar keine richtige Ausstellung für eine Biennale eingerichtet, sondern ein Museum, randvoll mit zum größten Teil wunderschönen Einzelobjekten. Er hat den Zeitgeist aus der Hauptausstellung der 55. Kunstbiennale verbannt und mit ihm die Tagespolitik und jede gesellschaftspolitische Perspektive.

Gleich beim Eintritt in den Zentralpavillon der Giardini wird klar, dass Gioni uns zeigen will, wie die von Herz und Hirn erzeugten Bilder materielle Form annehmen. Unter der frischrestaurierten Kuppel, unter deren Verputz Fresken des italienischen Liberty-Malers Galileo Chini zum Vorschein kamen, ist in einer Glastheke "Das rote Buch" von C.G. Jung platziert, ein handgeschrieben- und gemaltes Vermächtnis des Schweizer Tiefenpsychologen. Zwischen 1913 und 1928 hatte er sich mit seinen Visionen und Träumen auseinandergesetzt und übertrug diese Erfahrungen in einen großen Folianten, der erst 2009 veröffentlicht wurde und hier zum ersten Mal öffentlich gezeigt wird.

Zum Verständnis der gesamten Ausstellung wäre ein Handzettel mit dieser Passage von Jung hilfreich gewesen: "Das Krankhafte kann nicht einfach wie ein Fremdkörper beseitigt werden, ohne dass man Gefahr läuft, zugleich etwas Wesentliches, das auch leben sollte, zu zerstören. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, es zu vernichten, sondern wir sollten vielmehr das, was wachsen will, hegen und pflegen, bis es schließlich seine Rolle in der Ganzheit der Seele spielen kann."

Gioni interessieren Künstler, die einen kulturell unangepassten Charakter haben. Es gibt keine Newcomer zu entdecken, dafür Autodidakten, Schamanen und Spinner. Man sieht Zeichnungen von erleuchteten Mitgliedern der Shaker-Kirche, ziselierte Ikonen eines Minenarbeiters und die "Genesis"- Comicserie von Robert Crumb. Ein österreichischer Versicherungsbeamter namens Peter Fritz hat zahllose, etwas einfallslose Modelle von Häusern gefertigt. Leider – und das ist fast unverzeihlich – fehlt in der Ausstellung die Kunst der Kinder. Sie hätten Gioni bei seiner Suche nach dem Ursprung der Kreativität helfen können. Auch mit geschlossenen Augen tut sich eine Welt von Bildern auf. Das führt Artur Zmijewski sehr eindrücklich mit einem Video vor, das Blinde beim Malen zeigt.

Kreativität dank Psychose?

Viele der Ausstellungsteilnehmer wurden unfreiwillig zu Künstlern. Sie malten und bastelten, um ihr seelisches Leiden zu kurieren, arbeiteten manisch und starben unbekannt. Ihre Lebensbeschreibung hängt aus und scheint oft mehr zu interessieren, als die dazugehörige Arbeit. Plötzlich erscheint der Kurator wie ein Zoodirektor, dem die Auswahl seltener Tiere obliegt. Es gibt einen Waisenknaben, der sich mit naturalistisch ausgeführten Mädchenfiguren Trost verschaffte und eine Zahntechnikerin, die ihre Depressionen durch dreistündiges Zeichnen täglich bekämpfte. Die Ausstellung tendiert etwas dazu, künstlerische Tätigkeit als etwas Pathologisches vorzustellen, als eine Zwangshandlung.

Am Ende erscheinen die etablierten Künstler als die wahren Outsider. Genie dank Wahnsinn? Kreativität dank Psychose? Auf diese alten Fragen geht Gioni nicht ein. Der Psychiater Prinzhorn, der in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts der Kunsttherapie den Weg ebnete, hätte sich gefreut, dass die Bildnerei der Geisteskranken nun endlich den Werken der professionellen Künstler gleichgestellt ist. Ganz neu ist das allerdings nicht. Schon seit ein paar Jahren suchen Kuratoren nach Künstlern jenseits des Mainstreams. Susanne Pfeffer gab 2007 ihr Debüt als Kuratorin der Kunst-Werke in Berlin mit einer Ausstellung des New Yorker Undergroundkünstlers Joe Coleman und 2009 publizierte Klaus Biesenbach einen Bildband über Henry Darger.

"Ich möchte den Markt einmal draußen lassen", hatte Gioni angekündigt. So ganz ist ihm das nicht gelungen. Er zeigt im Arsenale einen neuen Film von Ryan Trecartin, während gleichzeitig im Pinault-Museum auf der Punta Dogana eine ältere Version der fröhlichen Horrorfilme des Texaners lief. Eine lange Reihe prominenter Künstlernamen tauchte in seiner Ausstellung auf mit Leihgebern von Saatchi bis Marian Goodman.

Einige Exponate in Gionis Schau sind etwas altmodisch und esoterisch angehaucht, aber die meisten wirken frisch und zeitgenössisch. Kuratorisch ist die Ausstellung durch ihren geglückten Rhythmus und die Mischung verschiedener Medien meisterhaft. Der gemeinsame Nenner ist das zweckfreie Spiel. Vergessenes und Abgedrängtes im Menschen wird ans Tageslicht geholt und in Kunst integriert. Der Surrealismus ist die Basis, auf der heutige künstlerische Strategien entstehen konnten. Es wäre perfekt gewesen, wenn Gioni dieser Verbindungen etwas nachgegangen wäre.

Alle Berichte, Geschichten und Interviews zur Biennale finden Sie hier in unserem Online-Dossier.

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55. Venedig-Biennale

Termin: 1. Juni bis 24. November 2013 in Venedig
http://www.labiennale.org