Dayanita Singh - Biennale 2013

Zufall oder Intuition?

Dayanita Singh gilt als die bedeutendste Protagonistin der indischen Gegenwartsfotografie. art traf die Künstlerin und sprach mit ihr über ihre digitale Diaprojektion für den deutschen Beitrag in Venedig.

art: Die zentrale Arbeit in Ihrer Ausstellung im deutschen Pavillon ist ein kurzer Video-Loop, der einen älteren Mann oder eine Frau zeigt. Er oder sie lehnt sich auf dem Sofa zurück und hört indische Musik. Wovon handelt diese Arbeit und warum haben Sie sie ausgewählt?

Dayanita Singh: Das ist Mona Ahmed, einer meiner engsten Freunde. Sie ist ein Eunuch. Ich fotografiere sie schon sehr lange. Vor zwei Jahren habe ich eine Zeittafel in einer Excel-Datei angelegt über die verschiedenen Momente in meinem Leben: Da ist Zakir Hussain, sind die Stühle, die Fabriken. Und über das ganze Blatt zog sich Mona Ahmed. Von allen Geschichten, die in meinem Leben passieren, ist Mona die längste. Obwohl ich 2001 ein Buch über sie gemacht habe, war das Projekt noch nicht abgeschlossen. Als ich Susanne Gaensheimer traf, hatte ich eine gigantische Diaschau mit allen Mona-Arbeiten aus 24 Jahren vorbereitet. Das wären fast 300 Bilder gewesen. Man konnte sehen, wie sie älter wurde, man sah wie sie männlicher wurde, dann weiblicher und zerbrechlicher, und jetzt sieht sie aus wie eine schöne alte Frau. Ich habe mit der Arbeit gerungen. Es gibt Gründe, warum man nicht eine Reihe von Porträtfotos nimmt und daraus einen Film macht. Ich sagte Susanne, dass ich mir etwas anderes ausdenken müsste. Ich bin ein Workaholic, mein Archiv ist voll mit unveröffentlichtem Material. Das ist so vielfältig, dass es kein Problem wäre, heute mit dem Fotografieren aufzuhören.

Also machten Sie statt der Diaschau einen Film von Mona?

Also das Filmen passierte durch einen Zufall. An meinem Geburtstag im März war Mona zu Besuch, dazu meine Mutter und Aveek Sen, ein Freund und Mitstreiter aus Kalkutta. Das ist für mich meine engste Familie, der Kern meines Lebens. Mona war fasziniert von Youtube, also spielte ich ihr Lieblingslied, und ich benutzte eine neue Nikon Digitalkamera. Sonst benutze ich nur analogen Film – ich mag die Kontaktbögen, damit denke ich. Digitale Fotografie mit den endlosen Möglichkeiten interessiert mich nicht. Aber durch Zufall drückte ich den "Record"-Knopf der neuen Kamera. Ich wollte eigentlich ein Foto machen, ich würde es nie wagen, einen Film zu machen. Dennoch gelang mir diese Aufnahme. Beim Betrachten fiel mir auf, es ist kein Film, es ist ein bewegtes Standbild. Und das war es, wonach ich suchte. An einer Stelle ist es unscharf, es ist verwackelt. Fast als ob die Hand des Künstlers nicht beteiligt gewesen wäre.

Was ist der Unterschied zwischen einem Film und ihrem bewegten Standbild?

Als ich Porträts machte, hatte ich immer das Gefühl, dass etwas fehlen würde. Wenn es mir nur gelänge, dass das Porträt atmen würde, einfach nur das Geräusch des Ausatmens. Und nun habe ich durch Zufall den Weg entdeckt. Jetzt können wir streiten, ob es Zufall oder Intuition war.

Sie zeigen nur digitale Bilder im Pavillon?

Diese Entscheidung traf ich recht früh. Es gibt digital einfach so viele Möglichkeiten für ein Bild. Bis vor drei Jahren machte ich Silberprints in der Dunkelkammer. Aber das wurde unmöglich, die Chemie veränderte sich. Ich fing mit digitalen Abzügen an. Ich benutze immer noch Film, aber scanne die Negative und mache dann die Abzüge. Was ist das Original in der Fotografie? Wenn ich sage, das Werk gibt es nur als Buch, dann ist das Buch das Original. Mein Traum wäre es, eine Ausstellung mit 30 Projektionen zu haben, aber nur mit einem Bild. Projektionen sind so ephemer und bezaubernd. Kein Rahmen, kein Glas, keine Unterlage. Das ist näher am Zwischenzustand zwischen Schlaf und Wachen. Gerade wenn man aufwacht, das ist der Zeitpunkt der Kreativität, darüber spricht Proust.
Wenn man sich jetzt meine Arbeit "File Room" anschaut, hat man Ai Weiweis Nest aus Stühlen im Rücken, auf einer Seite singt Mona und auf der anderen Seite eine weitere Projektion. All das ist Teil der Erfahrung. Man kann keines der Bilder festhalten. Man behält nur ein Gefühl.

Sie sind eine Fotografin, die nicht ständig neue Bilder aufnimmt.

Ich arbeite wie ein Archiv-Fotograf. Wenn ich reise, habe ich meistens eine Schachtel mit zwölf Fächern, in denen ich kleine Stapel von ausgeschnitten Kontaktbögen mit mir trage. Wenn ich also die Idee habe, etwas über Bäume oder Wolken zu machen, kann ich die Prints rausnehmen und sie neu sortieren. Ich habe Moleskin-Bücher mit Akkordeon-Faltung, in die ich die Bilder einklebe. Ich könnte den Rest meines Lebens diese Bücher füllen, ohne ein weiteres Foto zu machen. Ich habe früh in meiner Karriere guten Rat bekommen von Walter Keller vom Scalo-Verlag. Er sagte, du hast ein sehr gutes Auge. Mach keine Bücher oder Ausstellungen, das würde nur deine Energie ablenken. Du bist jung, mach einfach all die Bilder, die du willst und denk erst später über das Ausstellen nach. Meine erste Ausstellung war 1997 in seiner Buchhandlung in Mailand. Und seitdem war ich sehr vorsichtig mit nur ein oder zwei Ausstellungen pro Jahr.

Was dachten Sie, als Susanne Gaensheimer Sie in den deutschen Pavillon einlud?

Sie hat viele Stunden damit verbracht, meine Bilder anzusehen. Ich dachte, sie wollte eine Ausstellung im MMK machen. Als sie mir vom Thema der Nationalität erzählte und sagte, sie wollte mich im Pavillon zeigen, fand ich das fantastisch. Es ist Zeit, dass das aufhört – warum soll es nationale Kunst geben? Ich hasse die Idee von diesen Ausstellungen indischer Kunst, aber ich konnte sie nicht immer vermeiden.

Was ist Ihre Beziehung zu Deutschland?

Ich will Deutschland nicht loben, aber ich erfahre dort unglaubliche Unterstützung. Wenn Sie mich fragen, wo meine wahre Heimat ist, würde ich sagen die Düstere Straße in Göttingen. Dort sitzt Steidl, der Verleger meiner Bücher.



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