Graben für Germanien - Bremen

Germanien hat es nie gegeben

Eine brilliant konzipierte Schau räumt nun mit dem Mythos auf. Das Bremer Landesmuseum fuür Kunst und Kulturgeschichte, zeigt unter dem Titel "Graben für Germanien. Archäologie unterm Hakenkreuz", eine große Sonderausstellung, die erstmals das spannungsvolle Verhältnis von Politik und Archäologie im Nationalsozialismus beleuchtet.

Der Glaube an ein Stammvolk der Deutschen ist Resultat einer jahrhundertelangen Stillen Post. Das ist die Ansage einer klar formulierten Wissenschaftsschau im Bremer Focke-Museum zur Archäologie der Nazis.

"Graben für Germanien" zeigt, wie wir bis heute mit nationalistischen Gespinsten umgehen, als wären sie echte Geschichte. Schon der Ursprung des germanischen Reichs beruhte auf Hörensagen. Der römische Historiker Tacitus, der die Germanenstämme erfunden hat, war nie in dem Gebiet, wo angeblich blonde und blauäugige Barbaren herrschten. Er und die römischen Feldherren hatten Bedarf an einer klaren Feindbezeichnung für die fremden Völker hinter der rechten Rheinseite. Die Bezeichnung "Germane" benutzten die Römer wie Kolonialherren, die von "Negern" sprachen.

Warum diese Klatschsammlung für die deutschen Nationen zu einer ethnischen Gewissheit wurde, lag an einer ausdauernden Verwechslung von Mythos und Wissenschaft im Interesse politischer Ideen. In den Befreiungskriegen gegen Napoleon wurde das deutsche Urreich identitätsstiftend als Band aller Deutschen konstruiert. Die Vorfahren wurden mit bunten Attributen geschmückt, wie dem gehörnten Helm, zu dem noch nie ein Original aus dem Boden geholt wurde. Und die Nationalfantasten vom tausendjährigen Reich gingen getreu der Maxime ideologischer Wissenschaft vor, die erst definiert, was dann zu finden sei. Obwohl die Archäologen im Dritten Reich keine Beweise für eine germanische Hochkultur entdeckten, rekonstruierten sie aus bekratzten Tonscherben und vermoderten Holzpfosten die Überlegenheit des deutschen Mannes.

Die didaktisch brillant konzentrierte Lese-Ausstellung, die mit wenigen beispielhaften Artefakten auskommt, stellt mit wissenschaftlichem Ernst die Lächerlichkeit der NS-Forschungen dar. Dass Himmler, der seine wissenschaftliche Autorität aus den Kindersagenbüchern bezog, Moorleichen für Homosexuelle hielt, war mindestens so abstrus wie die Herleitungen der griechischen Tempel aus nordischen Hünengräbern oder die Abstammungslinie der Inder von irgendwelchen Elb-Germanen. In ihrem nationalistischen Eifer fand die Spatenforschung der Nazis die germanische Kulturwurzel sogar beim Neandertaler. Dass es mit den dabei produzierten Bildern nach 1945 keineswegs vorbei war, lag nicht nur daran, dass die NS-Archäologen ihre Unikarrieren bruchlos fortsetzten. Der Bildschatz des fiktiven Germanentums ist dank der visionierenden Bodendenkmalpflege der SS auch heute noch von Wickie-Zeichentrickfilmen über "Spiegel"-Titelbilder bis Neonazi-Rock fest im kollektiven Bewusstsein verankert.

Graben für Germanien

Die Austellung Graben für Germanien. Archäologie unterm Hakenkeuz ist bis zum 8. September 2013 im Focke Museum Bremen zu sehen.



Der Katalog im Theiss Verlag kostet 24,90 Euro, im Buchhandel 29,95 Euro





http://www.focke-museum.de/