Edvard Munch - Oslo

So eine Ausstellung wird es nicht nochmal geben

Edvard Munch wäre in einem halben Jahr 150 geworden. Schon jetzt ist in Oslo die größte Munch-Ausstellung aller Zeiten zu sehen. Verteilt auf das Munch-Museum und die Norwegische Nationalgalerie sind fast 300 Arbeiten des norwegischen Künstlers zu sehen, darunter natürlich auch sein berühmter Schrei. Doch Munchs Echo geht über diese Arbeit weit hinaus. Im Interview erklärt Nils Ohlsen, aus Deutschland stammender Direktor der norwegischen Nationalgalerie, wieso.

art: Herr Ohlsen, die Arbeiten von Edvard Munch sind weltberühmt. Durch Diebstähle und 120 Millionen Dollar Versteigerung des "Schrei" ist der Norweger nicht nur in die Kunstgeschichte eingegangen.

Doch was macht Munch 150 Jahre nach seiner Geburt modern?

Nils Ohlsen. Wenn ich an die Gegenwartskunst denke, dann ist klar, warum Munch gerade jetzt so aktuell ist. So hat er sich zum Beispiel sehr mit der Rolle des Künstlers beschäftigt, auch heute bauen Künstler Rollen auf. Munch hat daran mitgearbeitet, eigene Mythen zu schaffen. Es wird immer wieder von der ganz engen Verbindung zwischen Leben und Kunst gesprochen. Schauen sie sich Louise Bourgeois an, da ist es ähnlich, auch bei ihr spielen Geschichten aus der Kindheit, Traumata, immer wieder eine große Rolle. Auch Nan Goldin ist da ähnlich, ebenso Tracy Emin. Munch hat eine ganze Schlafzimmerserie gemalt, da könnte man Emin’s Bett ohne weiteres daneben stellen. In den siebziger Jahren mit der Minimal und Conceptual Art, da war das eigene Leben nicht so wichtig, aber jetzt ist es wieder so wie bei Munch.

Entspricht der Mythos Munch denn der Realität?

Er hat sich als einsamer Kämpfer stilisiert und das hat er sicher gerne getan. Aber wenn wir alte Zeitungen lesen, dann wird klar, ganz so war es nicht. 30 Prozent der Kritiker fanden ihn spannend und standen Munch positiv gegenüber.

Ob in der Frankfurter Schirn, in der Foundation Beyeler oder im MoMa in New York – es gab in den vergangenen Jahren so viele Munch-Ausstellungen. Was kann die Jubiläums-Schau in Oslo da noch Neues bringen?

Die Idee zur Ausstellung gab es schon, bevor ich nach Oslo gekommen bin, aber die richtige Arbeit ging im Grunde genommen erst vor dreieinhalb Jahren los, und da war mir klar: Wir müssen etwas schaffen, das nur hier möglich ist. In seiner Heimat Norwegen gibt es die meisten Werke von Munch. Wir haben es geschafft, die wichtigsten 220 Meisterwerke zusammenzubringen, dazu 50 Arbeiten auf Papier. Zwei Drittel der Werke stammen aus Norwegen, der Rest aus zehn weiteren Ländern. Wir haben 97 Prozent der Werke bekommen, die wir wollten. Viele Ausstellungen haben einen bestimmten Aspekt ins Zentrum gesetzt wie zum Beispiel das bewegte Bild. Wir aber wollten das Gegenteil – eine umfassende Schau. So eine Munch-Ausstellung, die wird es nicht noch einmal geben. Allenfalls zum 200-jährigen Jubiläum.

Kürzlich interviewte ich Wolfgang Joop zu einer Ausstellung mit nordischer Malerei in München und seiner Leihgabe. Er sagte, Munch habe doch nur mit dem "Schrei" etwas Großes kreiert, er sei Pop Art, aber überschätzt. Ist dem so?

Unsere Ausstellung kann das Gegenteil beweisen. In den neunziger Jahren, seiner wichtigsten Phase, stand er an der Speerspitze der radikalen Erneuerung, nach 1905 gab es eine Explosion von Farben, eine völlig andere Bildsprache, er hat mit verschiedenen Farbstrukturen experimentiert. Munch, das ist mehr als das Dunkle, Melancholische.

Soeben hat in Berlin die Retrospektive von Hilma af Klint eröffnet. Die schwedische Malerin war Zeitgenossin Munchs, hat abstrakt gemalt, war sie Munch voraus?

Munch wollte gar nicht abstrakt werden. Von den 1754 Arbeiten in seinem Werkverzeichnis sind nur zehn abstrakt. Er hätte es gekonnt, wollte aber nicht. Sein Ziel war, das Motiv durch die Form zu unterstreichen, nicht wie Kandinsky, das Motiv zu benutzen, um Experimente zu machen. Munch hatte nicht den Anspruch, nicht den Willen, formal avantgardistisch zu sein. Es gibt ja auch kein Ready Made von ihm. Munch ist im selben Jahr wie Kandinsky geboren, hat aber ganz andere Arbeiten erstellt.

Ihr Ausstellungsaufbau ist chronologisch, eine klassische Idee, und dann scheint der Übergang von einem Museum ins andere auch noch recht willkürlich gewählt. Wie kommt das?

Chronologisch sind wir vorgegangen, da es hier um sein Lebenswerk geht, gleichzeitig gibt es in jedem der 25 Räume eine eigene Fragestellung, es geht etwa um Motiv, Technik, Ort und Tageszeit. So baut man sich in 25 Kapiteln ein eigenes Bild zusammen. Man fragt sich, was nimmt er auf? Pointillismus? Toulouse Lautrec? Gleichzeitig gibt es in jedem zweiten Raum ein wichtiges Selbstporträt zu sehen, ein wichtiges Thema für ihn, das so in Entwicklung gesehen werden kann. Die Werke von vor 1903/04 sind in einem Haus, die nach diesem Datum im anderen. Da haben wir bewusst einfach angefangen das andere Haus zu bestücken als das erste voll war und nicht gesagt, wir wollen 1908 brechen, weil er dort seinen Nervenzusammenbruch hatte. Wir wollten den Focus darauf nicht wiederholen.

Der Fries des Lebens ist besonders bekannt, was haben sie damit gemacht?

Das ist vielleicht der sensationellste Raum. Wir haben den Fries von 1902 wieder zusammengehängt. Wir hatten zwei Fotos aus Munchs Zeiten vom Fries und haben uns daran orientiert. Die Bilder hängen wie eine Leinwand zusammen. Mittendrin der "Schrei", der als Einzelbild im Fries untergeht. Ich bin von einer Kritikerin gefragt worden, warum wir den "Schrei" nicht zeigen. Sie hatte wohl gedacht, dass dieser unbedingt in einem dicken Goldrahmen hängen müsste und ihn deshalb übersehen.

Sie haben die Ausstellung jahrelang vorbereitet und nun schon etliche Gruppen durchgeführt. Haben Sie einen persönlichen Lieblingsraum?

Mein absoluter Lieblingsraum ist "Die Sommernacht am Fjord". Die Wand ist dunkelblau gehalten und es sind nur Mondlichtbilder ausgestellt, "Der Sturm" oder "Mondnacht" aus dem Besitz von Alma Mahler. Die Arbeit war 70 Jahre nicht öffentlich zu sehen. Sie kennen Munchs Motive von Oskarsstrand, da sind am Ufer Steine zu sehen. In denselben Farben wie diese haben wir die Hocker gemalt, die in dem Raum stehen. In diesen Raum müsste ich eigentlich mal mit dem Schlafsack gehen und dann zwischen all den Bildern schlafen und Debussy hören.

Munch 150

Bis 23. Oktober

Werke von 1882 bis 1903 in der Nationalgalerie,
Werke von 1904 bis 1944 im Munch-Museum
http://www.munch.museum.no/Dokument/Munch-150---the-anniversary-exhibition