Hans Thoma - Frankfurt am Main

Wirklich nur Heimatidylle?

Als "Lieblingsmaler des deutschen Volkes" wurde dem Maler Hans Thoma von den Nationalsozialisten eine Verehrung zuteil, die seinen Ruf nachhaltig schädigte. Mit der museumseigenen Thoma-Sammlung versucht sich das Städel nun an einer kritischen Neubewertung von Schwarzwaldidyllen, Putten und Heimatpoesien.

Eine Frau liegt mit Kind in der Hängematte, eine andere pflückt Blumen auf einer Wiese. Speckige Engelchen drängen sich auf einer Wolke. Eine Hühnerschar wird gefüttert. Die Motive von Hans Thoma (1839 bis 1924) sind harmlos. Nett, aber unspektakulär. Oder?

Dass dies nur eine mögliche, dem Zeitgeschmack geschuldete Interpretation darstellt, dass man sein Werk genauso gut völlig anders wahrnehmen kann, zeigt die Rezeptionsgeschichte des deutschen Malers, der als spießbürgerlich verspottet, als "Lieblingsmaler des deutschen Volkes" während der Nazizeit geradezu kultisch verehrt und anschließend mit der gleichen Vehemenz wieder vergessen wurde. Jetzt hat sich das Städel-Museum, das mit fast 90 Gemälden und mehreren 100 Arbeiten auf Papier eine der umfangreichsten Thoma-Sammlungen besitzt, entschlossen, die eigenen Bestände einer Neubewertung zu unterziehen. Die Schau soll demonstrieren, dass Thomas Oevre weit mehr zu bieten hat als possierliche Schwarzwaldidyllen.

Seine ersten Werke schuf Thoma, der in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, aus der Not heraus. Seine Porträts und Landschaftsdarstellungen verkaufte die mittellose Mutter an Nachbarn. Auch als Thoma später Kunst in Karlsruhe studierte, fand er seine Motive in der Natur seiner Heimat. Doch die schlichte Darstellung unspektakulärer Themen irritierte Kritiker und Publikum.

1871 lernte Thoma Arnold Böcklin kennen. Fortan entstanden mythologische Szenen mit "Meerweibern", Putti und Rittern. Den Erfolg, der um die Jahrhundertwende schließlich mit ungeahnter Vehemenz einsetzte, bescherte ihm jedoch sein Frühwerk, das plötzlich den Nerv der Zeit traf und als wahrhaftig galt.
Die idealistische Überhöhung, die Thomas Werk schließlich durch die Nationalsozialisten erfuhr, erlebte der Künstler nicht mehr. Sie beschädigte seinen Ruf auf Jahrzehnte.

Lieblingsmaler des deutschen Volkes

Frankfurt, Städel Museum
3.7. bis 29.9

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