Jan Vermeer - London

Begleiter der Freude, Medizin des Kummers

Betrachtet man Vermeers Gesamtwerk, ist die Rolle der Musik darin unverkennbar. Die National Gallery in London greift das Thema in der Ausstellung "Vermeer and Music: The Art of Love and Leisure" auf und verdeutlicht die Bedeutung der Musik in der Kunst des 17. Jahrhunderts.

Statistiker haben errechnet, dass zwölf Prozent der im 17. Jahrhundert in den Niederlanden entstandenen Gemälde musikalische Motive darstellen, von festlichen Versammlungen bis zu fast rowdyhaften Szenen, von zarten Liebesbekundungen bis zu einsamen Träumereien.

Die Schau in der National Gallery widmet sich dieser "Kunst der Liebe und des Müßiggangs", so ihr Untertitel. Im Mittelpunkt stehen Gemälde von Jan Vermeer (1632 bis 1675), von dessen 36 überlieferten Werken zwölf dem Musikmachen gewidmet sind. Die Bilder "Junge Frau, am Virginal stehend" und "Junge Frau, am Virginal sitzend", obwohl nicht unbedingt als Paar konzipiert, entstanden zur selben Zeit (um 1670/72).

Während die stehende Musikerin von links in helles Tageslicht getaucht ist, sitzt die andere Musikerin im abendlichen Halbdunkel. Beide blicken direkt aus der Bildfläche heraus, als erwarteten sie einen Besucher. Neben der Sitzenden lehnt eine Viola da Gamba, die der Ankömmling wohl gleich spielen wird. An die Wand im Hintergrund hängt Vermeer eine Bordellszene mit einer Laute spielenden Prostituierten von Dirck Baburen, als Kontrast zu der ganz privaten, intimen Szene im Vordergund.
Den beiden berühmten Darstellungen gesellt sich noch eine weitere hinzu: "Die Gitarrenspielerin" (um 1672). Die Musikerin ist an den linken Bildrand gerückt und blickt in dieselbe Richtung, damit andeutend, dass sie nicht für den Betrachter spielt, sondern für einen unsichtbaren Besucher. Das lateinische Motto auf dem Deckel des Virginals, an dem die junge Frau der "Musikstunde" (um 1662/63) steht, spielt auf die angeblich heilende Wirkung von Musik an: "Musik ist der Begleiter der Freude, die Medizin des Kummers."

"Vermeer und die Musik" gehört zu der Art von Ausstellung, die das Institut so gut beherrscht und für deren Verwirklichung 
sie auch nicht ungebührlich tief in die Tasche greifen muss: ein neuer, frischer Blick auf ein Segment der eigenen Sammlung. Lediglich vier der insgesamt 25 Gemälde, auch von Gerard ter Borch, Gabriel Metsu, Jan Steen, Pieter de Hooch und Godfried Schalken, sind Leihgaben anderer Institute, 21 stammen aus den eigenen Beständen. Neben den Gemälden sind auch zeitgenössische Musikinstrumente und Liederbücher zu sehen, die dem Besucher zeigen, wie genau die Genremaler des Goldenen Zeitalters 
zu beobachten verstanden.

Vermeer and Music: The Art of Love and Leisure

Termin: bis 8. September, The National Gallery, London

Der Katalog zur Ausstellung kostet 9,99 Pfund
http://www.nationalgallery.org.uk/whats-on/exhibitions/vermeer-and-music