Walls of Freedom - Ägypten

Künstlerische Freiheit

Ägyptens Mauern und Wände werden zunehmend bunter. Die Revolutionäre nutzen sie als Medium zur Verbreitung von Gedanken, zur Diskussion, als Mahnmal. Nun fasst das Buchprojekt "Walls of Freedom" die Bilder und Schriftzüge zusammen und bringt die Kunstwerke in den Kontext der Revolution.

Sie schauen, statt zu lesen, malen, statt zu diskutieren. Viele Flächen in den Straßen sind schon bunt, doch Platz ist an der kleinsten Wand. Baut das Militär Straßensperren, kommen die Revolutionäre und verzieren sie mit Smileys oder einem friedlichen Abbild der echten Straße.

Ägyptens Aufständische haben mit der Wandkunst ein Medium gefunden, das ihnen hilft, die Revolution zu beschreiben und voranzutreiben. Einige ihrer Kunstwerke hat der deutsche Künstler Don Karl jetzt zu dem Buch "Walls of Freedom" zusammengefasst. Im Internet bittet er mit einem Video um Spenden, sogenanntes Crowdfunding, um die Veröffentlichung des Buches zu finanzieren.

Natürlich lesen sie noch, Ägyptens Kämpfer für die Freiheit. Und sie diskutieren auch noch. Lautstark, hitzig und unermüdlich. Aber die Wände der Häuser in Ägyptens Städten bieten ihnen eine zusätzliche Plattform mit ungeahnten Möglichkeiten. Wandkunst, also Graffiti, Bilder und Parolen an Holz- oder Steinwänden, gab es auch schon vor der ägyptischen Revolution des 25. Januar. "Doch jetzt, mit Beginn des Arabischen Frühlings und dem aktuellen Umsturz in der Regierung, ist sie zu einem bedeutenden Kommunikationsmedium geworden", erklärt der Graffiti-Künstler, Aktivist und Autor Don Karl. Zusammen mit der ägyptischen Künstlerin und Professorin Basma Hamdy arbeitet der Berliner an einem Buch, das Ägyptens "Street Art" greifbar machen will. Geschrieben wird es auf Englisch.

"Walls of Freedom" ist ein Fotoalbum von Häuserfronten, Mauern und Straßensperren. Das berühmte Doppelporträt von Morsi und Mubarak ist drin, Schriftzüge, Parolen und Panzer. Wandbilder, die zu Ikonen des Widerstands geworden sind, wie die Abbilder junger Märtyrer, gestorben für die Revolution. Darunter auch Khalid Said, der von ägyptischen Sicherheitskräften getötet wurde. Der Bildband thematisiert nicht nur die großen Städte: Die "Wandzeitung", wie Don Karl das Phänomen nennt, erreicht auch die kleineren Orte und ihre Bewohner. Wer sich mitteilen will, sprüht und malt was er denkt, fordert und wünscht. Andere antworten, und es entstehen ganze Diskussionen. Die meisten Bilder erschaffen die Revolutionäre. Morsis Anhänger und die Islamisten nutzen eher Parolen, mit denen sie die Bilder der Oppositionellen überschreiben.

"Die Kunstwerke erzählen die Geschichte der Revolution", erklärt Don Karl. Seine Informationen erhält er durch eigene Besuche im Land, aber auch über Facebook und Skype. Außerdem steht er in andauerndem Kontakt mit seiner Kuratorin in Kairo, Basma Hamdy. Die gebürtige Ägypterin erforscht die Popkultur ihres Landes und weiß um die Wichtigkeit der Wandbilder. Symbole wie ein BH, ein grinsender Smiley, Granaten und Panzer, aus dessen Rohr weiße Friedenstauben schießen, verstehen sowohl Akademiker als auch Analphabeten. Sie erreichen jede Schicht der Gesellschaft, jeden Fußgänger, Auto- oder Radfahrer. Und auch die, die sich nicht in der Revolution befinden. Weil aber die Schriftzüge im Buch und auch einige komplexere Bilder nicht auf Anhieb verständlich sind, werden sie dem Leser erklärt. Ausführliche Bildunterschriften nennen Künstler und Fotografen und finden eine Bezeichnung für das Kunstwerk.

In zahlreichen Essays, Erlebnisberichten und Interviews wird die ägyptische Street Art in den revolutionären Kontext gebracht. Hier kommen Künstler und Aktivisten zu Wort, aber auch Journalisten, Kunsthistoriker und Ägyptologen. Gemeinsam schaffen sie es, den Geist des Widerstandes ins Buch zu bringen. Der Mut der Menschen, ebenso wie ihre Furcht und ihre grenzenlose Wut, sprechen daraus. Auf einmal ist ihre Auflehnung näher, greifbarer, ihr Anliegen wichtiger. Eine Timeline zeigt grob den Verlauf der Unruhen im Land und weil "Walls of Freedom" erst im Dezember abgeschlossen werden soll, findet auch die aktuelle Entwicklung einen Platz. "Ich denke, da kommt noch ein ganzes Kapitel hinzu", sagt Don Karl, "gerade wird wieder so viel gemalt und geschrieben".

Wie denkt der Herausgeber über die aktuelle Entwicklung in Ägypten? "Ich glaube, dazu kann im Moment noch niemand etwas Konkretes sagen. Was jetzt passiert, ist leider von viel Hass und Terror geprägt. Es gibt keine Kompromissbereitschaft", sagt er. Doch Don Karl ist wie so viele überzeugt davon, dass es so, wie es unter Morsi war, nicht weitergehen konnte. Anfangs als kleineres Übel gegenüber dem Mubarak-Regime gedacht, entwickelte sich das nordafrikanische Land immer rückständiger, alte Traditionen wurden missachtet, Fanatismus propagiert. Gerade die jungen Menschen konnten damit nichts anfangen. Ihr Zusammenhalt war Morsis Untergang. Nun kämpfen sie weiter, mit der Wandkunst als Sprachrohr, hin zur Freiheit. Ihr Interesse an einem Buch, das ihre Werke thematisiert, ist "riesengroß", wie Don Karl am Erfolg der erst kürzlich eingeführten Facebook-Seite merkt. Hier wirbt der Künstler für sein Buch und verweist auf die Crowdfunding-Aktion, ohne die "Walls of Freedom" aufgrund hoher Ausgaben gar nicht möglich wäred. Und weil nun schon mehr Geld als erwartet zusammengekommen ist, soll eine günstigere Auflage für die Ägypter entstehen. So findet die Kunst ihren Weg zurück ins Land der Revolution.

Walls of Freedom

Street Art der ägyptischen Revolution

Herausgegeben von Don Karl und Basma Hamdy.

In Zusammenarbeit mit 50 Fotografen, 30 Künstlern und 20 Autoren, Ägyptologen, Historikern und Aktivisten.
http://wallsoffreedom.com/
info@wallsoffreedom.com

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