Outsider Art - London

Gebilde von Träumern

Ob die Heilmaschine eines Farmers oder die Verkleidungskünste einer Obdachlosen – in Armut, Außenseitertum und alltäglicher Monotonie entstanden streitbare Werke, die in der Ausstellung "Alternative Guide to the Universe" in der Hayward Gallery in London jetzt ihre Bühne finden.

Von der Decke hängen dünne Drähte, an denen Gegenstände befestigt sind: farbige Bänder, bemalte Dosendeckel, Radspeichen, Schmetterlinge, winzige Flaschen. Die geisterhaften Lüster sind von oben angeleuchtet und werfen sich in Zeitlupe bewegende Schatten auf Wände und Fußboden.

Der wie ein Eremit lebende amerikanische Landwirt Emery Blagdon schuf diese filigranen Gebilde in einer Scheune seines Bauernhofs in Nebraska. Doch ihm ging es nicht darum, wie Alexander Calder Mobiles zu bauen, sondern mit seinem Werk elektromagnetische Energie freizusetzen und damit Krankheiten wie Arthritis zu heilen.

Die Zwanghaftigkeit, mit der Blagdon die letzten 30 Jahre seines Lebens dem Bau seiner "Heilungsmaschine" widmete, ist allen in dieser wunderbar verqueren Schau versammelten 22 alternativen Architekten, Designern, Wissenschaftlern, Erfindern, Fotografen gemeinsam. Ihre Welt ist nicht unsere Welt, sie träumen von einem anderen Universum, in dem nicht unsere Gesetze, sondern die ihren gelten, obsessiv erfinden sie die Welt buchstäblich neu.

Da sind etwa die utopischen "Architekten". Der Kongolese Bodys Isek Kingelez baut aus Abfall fantastische Modelle von Hotels oder Stadien, grell farbig und mit verrückten Formen. Ein Hochhaus stellt mit seiner Schräge den schiefen Turm von Pisa weit in den Schatten. Die asymmetrischen Holzhütten des Kanadiers Richard Greaves sehen aus, als würden sie im nächsten Augenblick einstürzen – Architektur nicht der Vernunft, sondern des Instinkts. William Scott plant und zeichnet ein neues San Francisco, das mit dem bestehenden wenig gemein hat. Und der taube Analphabet und Straßenkehrer Marcel Storr stellt sich ein neues Paris vor, nach einem vernichtenden Atomschlag, mit sich wie gotische Kathedralen aufbäumenden Gebäuden. Seine farbigen Tintezeichnungen leuchten wie Hinterglasmalerei.

Auch die Berechnungen der alternativen Wissenschaftler der Schau entzücken das Auge. Für den Laien erscheinen die "Circlon" genannten kreisförmigen Partikel, aus denen sich unser Universum angeblich zusammensetzt, beinahe plausibel. Doch dann liest man, dass sie auf der Überzeugung ihres Erfinders James Carter beruhen, dass die Schwerkraft nicht existiert, und die Größe der Erde sich alle 19 Minuten verdoppelt.

Bei dem 1988 in einer Heilanstalt in der ehemaligen DDR gestorbenen Karl Hans Janke steht die Plausibilität auf noch wackligeren Beinen. Der wahnhafte Erfinder des "Janke-Atoms", einer Quelle erneuerbarer Energie, zeichnete Pläne von Raumschiffen, die er "Trajekte" nannte, aber auch von alltäglichen Geräten wie Kühlschränken und Fernsehern. Seine Blaupausen versah er mit dem Vermerk "Beeidige: eigene technische Idee".

Eine Abteilung der Schau heißt "Erfundenes Selbst" und besteht hauptsächlich aus Fotos. Der Amerikaner Morton Bartlett, ein Waisenkind, schuf Gipsfiguren, Kinder von genau halber Lebensgröße, für die er Kleider strickte und nähte, und die er in den verschiedensten Posen fotografierte. Sein Landsmann Eugene Von Bruenchenhein fotografierte seine Frau Marie, auch verkleidet und in Posen, als Verführerin und Ingenue, als Pin-Up und Filmstar. Die Sexualisierung der Modelle, sowohl bei Bartlett als auch bei Von Bruenchenhein, hat etwas Beunruhigendes.

Star der Schau ist Lee Godie, die als Obdachlose auf den Straßen von Chicago lebte. Auch sie verkleidete sich, als Diva oder Vamp, gelegentlich auch als Clown, und fotografierte sich in einem Fotoautomaten. Ihr wettergegerbtes Gesicht blickt aus den Verkleidungen heraus – signalisiert es Kreativität, Unglück, Wahnsinn? Cindy Shermans Transformationen sind nahe und doch weit entfernt.

Die Frage entsteht: Was hat das alles, mit wenigen Ausnahmen, in einem Kunstmuseum zu suchen? Sind diese Träumereien wirklich Kunst? Von Bruce Nauman gibt es eine Neonarbeit, auf der zu lesen ist: "Der echte Künstler hilft der Welt, indem er mystische Wahrheiten aufdeckt". Für Nauman ist dieser Satz richtig und falsch zugleich. Gibt er vielleicht die Antwort?

Outsider Art ist auch die Titelgeschichte unserer kommenden Ausgabe. Das Heft erscheint am Freitag, 26. Juli und ist dann ist dann ebenfalls im Online-Shop erhältlich.

Alternative Guide to the Universe

Termin: bis 26. August, Hayward Gallery, Southbank Centre, London

Der Katalog zur Ausstellung kostet 30 Pfund.
http://www.southbankcentre.co.uk/whatson/alternative-guide-to-the-universe-exhibition-73950

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