Gabriel Orozco - Bregenz

Der Meister und sein Schachbrett

Gabriel Orozco zählt zu den wichtigsten Künstlern der Gegenwart. Im Kunsthaus Bregenz zeigt der 1962 geborene Mexikaner neben seinen berühmten Eyecatchern auch neue, subtilere Arbeiten und beweist, dass er Sinn fürs Morbide, Ursprüngliche und Göttliche hat.

Der schwarze Riese kann einem leidtun. Nicht nur, dass er wie eine Marionette aus prähistorischen Zeiten an dünnen Fäden knapp über dem Boden schwebt.

Im kalten Betoneinerlei des Bregenzer Kunsthauses muss der Wal obendrein ganz allein im leeren Erdgeschoss den Blicken seiner evolutionär weit entfernten Verwandten standhalten – nackt bis auf die weiß gemusterten Knochen. Wären da nicht die Haken aus Eisen, die aus dem Kunstharz ragen und hinter dem gigantischen Gerüst eine Rekonstruktion verraten, sähe man sich glatt genötigt, eine Umbettungspetition in ein Naturkundemuseum zu unterschreiben. Dort hätte es zwar auch nicht an Gaffern gefehlt, aber immerhin wäre das spektakulär vorgeführte Tier in Gesellschaft von Leidensgenossen.

Gabriel Orozco hat sein maritimes Memento mori mit viel Aufwand in Szene gesetzt. Für seinen berühmten Totenkopf "Black Kites" (1997) reichte ihm noch ein schlichtes Schachbrettmuster, um lange vor Damien Hirst für eine nihilistische Irritation zu sorgen. Als Mexikaner kennt er natürlich den ungewöhnlichen Umgang seiner Landsleute mit dem Tod. Sie betrachten ihn als etwas, vor dem man sich nicht fürchten muss. Sie begegnen ihm sogar mit Humor. Der schwingt auch bei dem kunstvoll verzierten Skelettungetüm mit, das in die Schau "Natural Motion" lockt. Keine Premiere zwar, der Wal war seit seiner ersten Präsentation vor sieben Jahren in London viel auf Reisen, aber in dem Kunsttempel aus der Hand von Peter Zumthor kommt er besonders effektvoll zur Geltung.

Als Inspiration diente Orozco das Schicksal eines Grauwals, der vor der Südwestküste Spaniens gestrandet war. Die grafischen Zeichen sollen die Schwimmbewegung des fast 15 Meter langen Körpers verdeutlichen und wohl auch deren Versagen. Schönheit und Tod liegen hier so nah beieinander, dass man den Vorwurf der posthumen Tierquälerei schnell ad acta legt. Dafür horcht man sogleich in sich hinein nach dem Fisch in uns, studiert den frappierend ähnlichen Aufbau unserer inneren Architektur, die bekanntlich ihren Siegeszug aus dem Ozean nahm. Dass "Dark Wave" trotz der Kalkuliertheit des Großformats seine Wirkung als Vanitas-Symbol nicht verfehlt, liegt auch daran, dass der Wal das unausweichliche Ende jedes Lebens exemplarisch vor Augen führt. Endlager Museum. Davon können die meisten Sterblichen nur träumen.

Kaum ist man der morbiden Eleganz des Prologs erlegen, schlüpft Orozco in die Rolle des Konzeptkünstlers und lenkt im ersten Stock den Blick mit neuen Arbeiten in eine andere Richtung. 45 unterschiedlich geformte Kieselsteine aus den Flüssen Mexikos liegen im weitläufigen Raum ausgebreitet. Auf Industriemüll, wie vor einem Jahr in Berlin im Deutschen Guggenheim, hat der passionierte Sammler diesmal verzichtet. An den Wänden sorgen atelierfrische Temperabilder mit ihren bunt-abstrakten Kreis- und Ellipsenvariationen auf vergoldetem Grund für den Anflug einer archaischen Sonnenanbetung. Plötzlich ist man selbst der Riese, der auf eine ausgedörrte Ur-Landschaft hinabschaut. Die ovalen Objekte sind deutlich in der Überzahl, aber auch plattgedrückte Sonderlinge finden sich in der Installation. Orozcos Faszination für das Runde bleibt nicht unerwidert. Spontan drängt es manch einen Besucher zu Boden, um sich der sinnlichen Qualitäten dieser imaginären Kugeln, Scheiben, Räder und Planeten haptisch zu vergewissern. Wieder laden die tief mit dem Meißel eingeritzten Erosionsmuster, die dem "armen" Material den Anschein einer göttlichen Bestimmung verleihen, zur Spekulation ein. Handelt es sich um Fetische oder doch nur um prähispanische Skulpturen? Mitunter gerät ihre Stoßrichtung allzu poetisch, wird aber zum Glück durch Anleihen bei Klassikern wie Hans Arp oder Barbara Hepworth wieder ausgebremst.

Eine Etage höher kombiniert das Multitalent eine Auswahl seiner fortlaufenden Sammlung von Terrakotta-Arbeiten mit Fotografien von zufällig vorgefundenen Situationen. Dazu gehört etwa ein schlafender Hund, der sich zärtlich an ein Bergmassiv anschmiegt. Hier trifft man auch auf "My Hands Are My Heart" von 1991. Das Fotodokument beobachtet den Künstler bei der Arbeit, genauer seine Hände, wie sie aus Lehm ein abstrahiertes Herz formen. Ein neues ikonenwürdiges Werk fehlt in der trotz der rund 180 gezeigten Arbeiten überschaubaren Ausstellung. Die Wartezeit überbrückt der Meister aber immerhin mit einem Selbstzitat.

Ein anderer geformter Körper ist der legendäre Citroën DS, der ihm 1993 als Wiederaufnahme des guten alten Readymade zum Durchbruch in die Oberliga verhalf. Ausgeweidet und zum Einsitzer halbiert, bleibt die neue Version der göttlichen "La Déesse" immer noch funktionsuntüchtig, erregt aber als brachial gezähmtes Imponierobjekt des Wirtschaftswunders à la française fast schon so etwas wie prophetisches Mitleid. Man denke nur an die Rezession, die Frankreich zurzeit zu schaffen macht. Sollte man etwa die Autokannibalisierung des eigenen Œuvres als erstes Symptom von Ideenschwund deuten? Mitnichten. Orozco hält Zwiesprache mit sich selbst und pflegt seine Tricks: den Wechsel der Techniken, die Reinterpretation der Klassischen Moderne, die Abfolge von Kontrasten, die unterhaltsame Note, die er mit einer möglichst philosophisch angehauchten Erzählung paart. Dies alles schiebt er in Bregenz, wie bei einem seiner geliebten Schachspiele, auf der Suche nach noch nie gesehenen Konstellationen hin und her. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis seine barocke Überwältigungsmaschine wieder anspringt.

Gabriel Orozco – Natural Motion

Termin: bis 6. Oktober, Kunsthaus Bregenz

Der Katalog zur Ausstellung kostet 48 Euro.
http://www.kunsthaus-bregenz.at/html/welcome00.htm

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