Skulpturenprojekt - Stade

Elefant versus Elch

Kunstwerke sind subjektiven Empfindungen ausgesetzt, jeder nimmt sie anders wahr, empfindet anders bei ihrem Anblick. Ein Open-Air-Projekt in Stade spielt nun genau mit dieser Objektivität des Betrachters: 21 Skulpturen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, stehen da in den Wallanlagen. Sie fordern den Betrachter zum Überlegen auf, sind auf sein Weiterdenken regelrecht angewiesen.

Stade ist ja recht klein; eine Stadt, die irgendwie auch keine ist. In diesem kleinen Städtchen einen dünnen Nylonfaden zu finden, gestaltet sich trotzdem als äußerst schwierig.

Dabei war im Vorhinein sogar klar, dass sich besagter Faden, gespannt zwischen zwei Bäumen, innerhalb der Wallanlagen der Stadt befinden muss. Dieser Nylonfaden ist Teil eines Skulpturenprojekts, das jetzt in der Kleinstadt gastiert. Als Beitrag zur Internationalen Gartenschau (igs) 2013, die derzeit in Wilhelmsburg ihre teuren Zelte aufgeschlagen hat.

In Stade hingegen ist alles gratis: der Rundgang in den sommerlich grünen Wallanlagen sowieso, und die Informationen zum Projekt am eigens eingerichteten Hüttchen ebenfalls. Hier gibt’s für Kunsthungrige eine Wegkarte, eine weitere mit allen 21 Skulpturen des Projekts sowie einen kurzen Führer. "Ein Katalog soll auch noch kommen", erklärt Kurator Rik Reinking. Der Hamburger Kunstsammler wurde von Projektleiter Andreas Schäfer angesprochen, ob er nicht Lust auf diese Ausstellung im Freien habe. Schäfer ist Fachbereichsleiter Kultur der Hansestadt Stade. Im ersten Anlauf schaffte er es noch nicht, Reinking zu überzeugen: "Ich war erstmal unsicher, wusste, dass viel Arbeit und ein großer Etat nötig sein würden", erklärt der Kurator sein Zögern.

Doch er machte sich augenblicklich auf den Weg zu einem Rundgang durch das kleine Waldgebiet am Fluss. Rik Reinking begann den alten "Schwedenwall" zu verstehen, wollte das zum Nichtort gewordene Areal wieder ins Bewusstsein der Menschen befördern. Kunst passte hier hin, davon war er überzeugt. So stimmte er Andreas Schäfer zu, fragte insgesamt 20 Künstler und Galerien an, bat um Verständnis, wenn etwas beschädigt würde, so ganz allein da draußen. Umsonst und Open-Air eben.

Raum für Interpretation

Linkerhand des Bahnhofs geht es in Richtung Innenstadt, zum Freilicht- und Heimatmuseum. Hält sich der Kunstfreund aber rechts, kann er vor allem eher unfreiwillige Kunstwerke bestaunen. Besonders spannend: die unzähligen Paar Schuhe, die über dem kleinen Areal für Skater baumeln. Sie wurden kaputtgefahren und von den Jugendlichen einfach um die Rohre unter der Brücke geknotet. Hier zeigt sich auch die erste Skulptur des Projekts: Zwischen all den Sneakern hängen zwei Mumien, eingewickelt in glänzende Alufolie. Beklebt mit bunten Streifen baumeln sie im leichten Wind. Die Korpusse stammen von Malte Urbschat. Was der konzeptuelle Bildhauer damit sagen will, bleibt fürs Erste geheim. Vielleicht ist das Absicht und soll den Betrachter zum Nachdenken anregen. Stirbt die Skaterszene? Oder ist das Skaten an sich so gefährlich, dass die Jungs und Mädels da unter der Brücke auf sich achtgeben sollen?

Oft ist bei den Skulpturen, wie zum Beispiel "Fuss" von Felix Kiessling, keine Aussage auf Anhieb erkennbar, manche bleibt auch nach näherem Hinsehen noch im Verborgenen. Klarer wird’s beim schon jetzt berühmten Elefanten. "Den wollen Sie doch sicher sehen", fragt der Wächter über die Skulpturen am Infostand. Rein rhetorisch natürlich. Denn auf den Elefanten, auf den fahren sie alle ab. Kopf und Rüssel zusammen erinnern an die Form einer Pfeife. Doch Baldur Burwitz nannte seinen kleinen Dickhäuter "Je ne suis pas une pipe". Über einen kleinen QR-Code, mit dem Handy zu entziffern, ertönt die Stimme des Künstlers, der auf Deutsch übersetzt: "Ich bin keine Pfeife!" – eine Anspielung auf René Magrittes berühmtes Bild "Ceci n'est pas une pipe"? Die Nicht-Pfeife steht direkt gegenüber dem Stader Elch. Will er das Wahrzeichen verspotten? Frech grinst der Elefant das viel größere Skulpturentier an, nimmt ihm die Alleinstellung, macht aus dem Einzelkind einen großen Bruder. Nicht alle Besucher mögen das, aber der Kurator findet genau dieses "gemischte Publikum" spannend. "Keiner soll hier vor der Tür bleiben, sich ausgeschlossen fühlen", sagt er, "für jeden ist im Park etwas dabei". Darum haben die Skulpturen auch keinen gemeinsamen Nenner: Material, Größe, Standort und Aussage sind niemals gleich.

Spiel- und Aktionsräume

Viel Raum zur Interpretation lassen auch die "Anweisungen" von Matthias Berthold nicht. Sie befehlen Dinge wie: "Essen Sie gestern einen Apfel", oder auch: "Machen Sie zwei Schritte gleichzeitig!" Da kann der Parkdurchwanderer dann höchstens überlegen, wie zur Hölle er das anstellen soll? Und hat er gestern einen Apfel gegessen? Oder sollte er jetzt morgen…? Erst durch die aktive gedankliche Teilnahme, durch die Interpretation des Betrachters, werden die Skulpturen zum vollendeten Kunstwerk. Reinking will "den Dialog mit der Inszenierung". Kulturbeauftragter Schäfer formuliert das auf der Website so: "Die Arbeiten sind auf den Betrachter und seine Beteiligung ausgerichtet und rufen diese hervor." Und wer auf den "Aktionsflächen und Bühnen" wirklich rumtoben und spielen will, der sieht laut Reinking, wo das geht und wo nicht. So steht an Rolf Bergmeiers "Öl auf Holz 44" extra dran, dass dieses irgendwie krüppelig wirkende Objekt lieber nicht angefasst werden sollte – ein Befehl, der bei näherer Betrachtung mehr als logisch klingt.

Ganz offensichtlich, beinahe aufdringlich steht dieses grünliche Gerüst da. Auch Katharine Harveys "Karussell" direkt gegenüber springt den Wanderer förmlich an. Mit seinen orangefarbenen und blauen Fäden sieht es aus wie eine Wäschespinne oder eben ein stilisiertes Kettenkarussell. Andere, meist kleine oder auch durchsichtige Werke, wie Renato Santarossas "Totem", verstecken sich eher und wollen gesucht und entdeckt werden. So auch der Nylonfaden von Konzeptkünstler Robert Barry. Irgendwo hing er, von Ast zu Ast, sanft im Wind schwingend. Sicher hat er darauf gewartet, gefunden zu werden, hat sich schon freudig angespannt. Doch leider blieb er fürs Erste unauffindbar.

Skulpturenprojekt Stade

Die Open-Air-Ausstellung läuft noch bis zum 29. September in den Wallanlagen der Hansestadt

einen Infoflyer gibt es direkt am Bahnhof, zzgl. Wegkarte zur Orientierung
http://www.skulpturenprojekt-stade.de/home/