Erwin Wurm - Salzburg

Hat Genie mit Leberschaden zu tun?

Statt moralisch den Zeigefinger gegenüber Publikum und Kollegen zu erheben, hält Erwin Wurm den Anwesenden der Uraufführung seiner "Wortskulptur" eher lustige Beobachtungen der Kunstszene vor. Das übernimmt er aber nicht selbst, sondern lässt Schauspieler für sich arbeiten.

Kameras, Blitzlicht, Medienrummel – die Uraufführung von Erwin Wurms "Wortskulptur" "Das Kleine im Großen, das Große im Großen, das Große im Kleinen und das Kleine im Kleinen" in der Salzburger Halle von Galerist Thaddaeus Ropac war ein ambivalenter Erfolg. Kollegen wie Arnulf Rainer, Daniel Richter, Robert Longo, Sammler wie Karlheinz und Agnes Essl oder Museumsdirektoren wie Agnes Husslein oder Oligarchen-Berater Eckehard Schneider hatten sich versammelt. Die Spannung war groß, schließlich wurden im Vorfeld bereits durch Veröffentlichungen im "Spiegel" die Erwartungen an einen Rundumschlag, an eine Abrechnung von einem der erfolgreichsten österreichischen Künstler mit der Szene angeheizt.

Was tatsächlich folgte war eine über eineinhalbstündige Theaterplastik, wie man es nach Beuys sozialer Plastik vielleicht am besten nennen könnte. Ein von einem Burgtheaterteam (den Schauspielern Nicholas Ofczarek, Oliver Masucci, Anna Hofmann, Burgdirektor Matthias Hartmann als Dramaturg) in Szene gesetzter, tiradenhafter innerer Monolog Wurms, der neben einigen wenigen schärferen Beobachtungen der Szene (inklusive sich selbst) vor allem Fragen von Form und Künstlertum behandelte. Die Angst vor dem Mittelmaß etwa, vor "lauwarmen Arbeiten", die einen hinunter in die Normalität ziehen könnten, die Künstler ja um jeden Preis zu vermeiden suchten. Woher diese Besserfühlerei der Künstler? Woher diese Hypertrophie vor allem der Anfänger? Fragt Wurm. Hat Genie mit Leberschaden zu tun? Oder mit der Verdauung? Klingt lustig, hat aber eine lange Tradition in der (Wiener) Kunstgeschichte, denkt man an die ernsthaften Überlegungen, gerade vom verstorbenen Wiener Aktionisten Rudolf Schwarzkogler, zu innerer Reinigung mittels Diäten.

Aber genau von diesem Kunst-Pathos wollte Wurm immer weg, immer wieder testet er die Grenzen des Skulpturbegriffs. Mit seinen "One Minute Sculptures" vor allem, für die Menschen sich bewusst in Situationen der Lächerlichkeit begeben, mit einem Kübel auf dem Kopf und Essiggurken in der Nase etwa. Bei seiner "Wortskulptur" übernehmen erstmals Profi-Schauspieler diesen Part, womit es praktisch eine "100-Minute-Sculpture" wird. Die jedoch bald in eine theatrale Künstlichkeit kippt, die man in der Performance-Kunst immer peinlichst zu vermeiden suchte. Ein spannender formaler Versuch, das pathetische Künstlerblut durch Theaterblut zu ersetzen. Darüber wird man noch lange nachdenken können. Während andere sich auf inhaltliche Zynismus-Brocken samt Name-Dropping stürzen, etwa auf die von der aktuellen Biennale Venedig (Englischer Pavillon) sattsam bekannte Schelte des Oligarchen-Großmanngehabe. Am Beispiel der übermäßig langen Jacht von Roman Abramovitsch.

Wobei Wurm sich nicht dazu hinreißen lässt, tatsächlich ganz vulgär den moralischen Zeigefinger zu erheben. Es sind eher belustigte Beobachtungen einer Szene, in der er selbst eine nicht völlig unwichtige Rolle spielt. In seiner "Wortskulptur" lässt er all diese Widersprüche vorführen – und das Publikum, das ihm einer der größten Player am internationalen Markt (Galerist Ropac) zugeführt hat, die wie die Sammler nach Stars gierenden Kritiker und die vom Genie gepeinigten Künstlerkollegen gleich mit. Zynismus pur also. Schwer zu verdauen.