Alexander Rodtschenko - Hamburg

Sommertipp: Kühle Moderne gegen Hitzeschock

Am Wochenende soll es wieder Rekord-Temperaturen geben. art empfiehlt einen Besuch im Museum: dort ist es nahezu leer und gut klimatisiert, und es gibt wunderbare Ausstellungen – zum Beispiel eine Rodtschenko-Schau im Hamburger Bucerius-Kunst-Forum

Es gibt so viele Dinge, die man jetzt tun muss: schwimmen gehen. Sich mit einem Eis in der Hand über den Rathausmarkt schleppen.

Die Sonne "ausnutzen", und sich gleichzeitig gegen sie schützen. All das muss man tun, es ist ja schönes Wetter. Aber muss man wirklich?

Kenner wissen: Es gibt im superheißen Hochsommer keinen schöneren Ort als das Museum. Man hat dort seine Ruhe vor gleich zwei besonders lästigen Menschengruppen: den lärmenden Eisessern und Sonnenausnutzern – und den Besserwissern, die vor den Bildern laut dozieren. Stattdessen absolute Stille. Kein Mensch geht im Hochsommer hierher. Warum eigentlich nicht?

Bei der Wahl des idealen Sommer-Museums sollte man eine Frage vorher klären: Gibt es eine gute Klimaanlage? Das Bucerius-Kunst-Forum am Hamburger Rathausmarkt hat eine. Ein Shoppingcenter in Dubai könnte nicht angenehmer temperiert sein. Draußen die bleierne Hitze um das historistische Hamburger Rathaus, drinnen Air Condition und die – jawohl – kühle Moderne!

Das Bucerius-Kunst-Forum zeigt eine kleine Retrospektive des russischen Künstlers Alexander Rodtschenko (1891 bis 1956). Es ist eine Zeitreise in eine bewegte Epoche; die meisten Arbeiten stammen aus den zehner und zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die russische Revolution war noch verbunden mit der künstlerischen Avantgarde: politischer und ästhetischer Fortschritt schienen im Konstruktivismus identisch zu sein.

Unglaublich, wie fremd uns diese Moderne geworden ist. Und wie nahe und vertraut zugleich. Kaum noch nachzufühlen ist der politische Überschwang, die blinde Begeisterung für ein Menschenbild, das den Einzelnen als Teil eines rationalen gesellschaftlichen Apparats sah. Hatte die Kunst in den Jahrhunderten zuvor den Menschen aus der Statik der christlichen Weltordnung herausgelöst, wird er nach einer kurzen Phase des Individualismus nun wieder eingepasst: die klassenlose Gesellschaft in eine perfekte Maschine, der Mensch im Bild nicht mehr als ein grafisches Zeichen.

Und Kunst verschmilzt mit Propaganda. Was unterscheidet eigentlich die Bilder, in denen Rodtschenko die durchtrainierten Körper von Stabhochspringern feiert, von der Olympia-Propaganda Leni Riefenstahls? Zeichnen sich in der angeblich abstrakten "Komposition Nr. 66" nicht Hammer und Sichel ab? Haben die Abzeichen für die Fluggesellschaft Dobrolet nicht genau jenen Ordens- und Abzeichenkitsch inspiriert, mit dem DDR-Bürger bis zum letzten Tag gequält wurden?

Es war eben eine Kunst mit Inhalt, auch wenn heute meist nur noch die minimalistisch eleganten, man könnte auch sagen: coolen Oberflächen goutiert werden. Der 1922 entworfene "Arbeitsanzug" Rodtschenkos würde jeden Berliner Hipster zieren, die Zigarettenschachtel für "Esmeralda" wirkt auf Retro-Art modern, und das berühmte Plakat, indem eine junge Russin "Bücher" ruft, wurde so oft zitiert und parodiert, dass das Original vollkommen gegenwärtig wirkt. In der Malerei reicht Rodtschenkos Einfluss bis zu Barnett Newman, Gerhard Richter und Andy Warhol.

Dem Bucerius-Form gelingt es, auf kleinem Raum eine Ausstellung mit weitem Horizont zu zeigen. Malerei, Skulptur, Fotografie, Design – Rodtschenkos Arbeit sollte alles umfassen, und sie erlaubt uns jetzt einen konzentrierten Blick auf die scheinbar so klaren und rationalen, in Wirklichkeit aber wilden Träume einer Epoche.

Wem das in der Einsamkeit eines Hamburger Hitze-Sonntags zu unheimlich ist, kann auch am Samstag kommen: Das feiert das Forum einen Tag der offenen Tür mit etlichen Führungen und Veranstaltungen.

Rodtschenko. Eine neue Zeit

Bucerius-Kunst-Forum. bis 15. September
http://www.buceriuskunstforum.de/ausstellung/rodtschenko-eine-neue-zeit/