Starker Auftritt - Leipzig

Schuhting Stars

Ein Frauentraum wird Wirklichkeit: Das Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig präsentiert sich bis unter die Decke angefüllt mit den verrücktesten und schönsten Schuhen aus 27 Ländern. Darunter sind Designklassiker, streitbare Treter mit Hufen oder aus Brotlaiben und Fetisch-Schuhe für Verliebte
Auf lauten Sohlen:Schau in Leipzig zeigt ausgefallene Treter

Nicht jeder Schuh der Ausstellung "Starker Auftritt" im Leipziger Grassi Museum ist auch tragbar. Jared Steffensen: "Landscape Shoe", USA, 2013

Es ist der Wunsch so vieler Frauen und Mädchen: einen Schuhschrank zu besitzen, wie ihn wohl Paris Hilton ihr Eigen nennt.

Schuhe sind wichtig. Unerlässlich gar, wenn man nicht vor hat, in Scherben, einen Hundehaufen oder spitzgeränderte Kronkorken zu treten. Sie sind triviales Modeprodukt oder Statement-Accessoire, das auffallen und etwas erzählen soll.

Die Schau "Starker Auftritt!" im Leipziger Grassi-Museum für Angewandte Kunst schert sich nicht um Tragbarkeit oder nicht. Hier stehen Pistolen-High-Heels, Beton-Turnschuhe, Backenzahn-Budapester, Wurzelbürsten-Plateauschuhe, Comic-Stiefel und mehr nebeneinander. Die Materialien reichen von Silberbesteck über Stroh und Wachs bis hin zu kleinen Matratzen. Neue Technologien wie der 3-D-Druck und visionäre Materialien überraschen den Besucher.

Querschnitt durch die Designerszene

"Eine Halle voller Schuhe war schon ein Stück weit ein persönlicher Traum", sagt Kuratorin Sabine Epple, "und den konnte ich jetzt durch die Ausstellung mit dem Beruflichen verbinden." Besonders die Damenwelt kann ja bei witzigen und ausgefallenen Tretern auf eine große Auswahl zurückgreifen. Da wären zum Beispiel die Sneakers von Jeremy Scott für das Street- und Sportlabel Adidas, die einem mit großen Flügeln an der Ferse, kuscheligen Teddy- oder Pudelköpfen an der Zunge ins Auge springen. Seine pinkfarbenen Turnschuhe mit dem weichen Pudelköpfchen sind ein durch und durch flauschiges Accessoire und Teil der Ausstellung im Grassi.

Die beginnt mit dem Bereich "Der Schuh von Morgen?". Die Aussage wurde allerdings mit einem Fragezeichen versehen, was wiederum auf die Tragbarkeit der Ausstellungsstücke abzielt. Dass in diese Kategorie nicht alle Schuhe fallen, ist Sabine Epple aber recht: "Wir wollen einen Querschnitt der Schuhdesigner-Szene abbilden", erklärt sie, "dazu gehören nun mal sowohl tragbare als auch experimentelle Modelle". Als Auswahlkriterium für die Stücke galt aber nicht nur der Designaspekt, sondern auch die Umsetzung von Technik und Ergonomie, wie ausgefallen das Paar ist oder wie viel Kunst in ihm steckt. "Bewusst gemieden haben wir die klassischen Designerschuhe, wie Louboutins oder ein Paar von Gucci oder Prada." Die seien zu kommerziell, zu wenig künstlerisch. Eine Ausnahme gibt es dennoch: Bart Persoons "Thoeshoe Prada", der ein handgemaltes Abbild der Zehen der Trägerin zeigt.

Kritische Töne

Viele von Künstlern entworfene Paare bringen eine Aussage mit, meist gesellschafts- oder konsumkritisch. Darunter auch das Paar von Erwina Ziomkowska. Die Installationskünstlerin verwendete für ihre "Pinned Shoes" sogar Nadeln, die sie von außen in ganz normale Damenschuhe steckte. Nun versinnbildlichen ihre Pumps den Schmerz, dem sich manche Frauen aussetzen, um dem allgemeinen Schönheitsideal zu entsprechen.

Kritische Töne schlagen auch die "Apex Predator Shoes" von Mariana Fantich und Dominic Young an, deren Sohlen über und über mit menschlichen Zähnen bestückt sind. Das Duo weist damit ironisch aber deutlich auf die gesellschaftliche Tradition hin, niedere Wesen zu zermalmen. Ganz bewusst wählten sie als Trägermasse typische schwarze Herrenhalbschuhe, wie sie häufig von Männern in Führungspositionen getragen werden. Wenn dieses Paar Schuhe nicht zum Nachdenken anregt...

Überhaupt liefert die Ausstellung einiges an kritischem Material, das sogar die Tierschutzorganisation Peta auf den Plan rief. Die ereiferte sich zu Beginn der Schau über Schuhe aus ausgestopften Maulwürfen und High Heels mit Pferdehufen. "Dabei ist das ein Missverständnis", sagt Epple, "denn auch die Künstler wollten mit dem Design auf Missstände in der Designer- und Konsumentenszene hinweisen". Doch genau darum geht es der Kuratorin: zum Nachdenken anzuregen und die vielfältigen Möglichkeiten aufzuzeigen, einen Schuh zum Transporteur einer Aussage zu machen.

Architektonische Meisterwerke

Andere Sohlen der Ausstellung überraschen nicht durch das Material, sondern vielmehr durch die aufwändige Formgebung und Architektur. So dürfen Eelko Moorers "Stelts" gar nicht bequem sein. Holzstelzen, die mit einer Art Fessel an der Wade befestigt werden, sollen die Trägerin zum Balancieren zwingen und so die eigene Körperlichkeit wieder mehr ins Bewusstsein rufen.
Peter Popps’ stelzenartige Ellipsen "Circle" lassen den Wunsch, einen Balancierversuch zu wagen, in den Zehenspitzen kribbeln.
Und Julian Hakes "Mojitos" wurden 2011 durch das reduzierte aber tragbare Spiralendesign weltberühmt. Hakes erkannte, dass bei einem neun Zentimeter hohen Absatz keinerlei Unterstützung zwischen Ferse und Ballen nötig ist und ließ somit ordentlich Luft im Zwischenraum – ein Meisterwerk.

Birgit Jürgenssens "Matratzenschuhe" von 1973 hingegen versinnbildlichen ihre "erotischen und zynischen Fantasien", denen sie im Schuhdesign nach eigener Aussage freien Lauf lassen kann. "Leider geht dieser Schuh in der Ausstellung etwas unter", sagt Sabine Epple bedauernd, "trotzdem gehört er definitiv zu meinen Lieblingsstücken".

Innerhalb eines Jahres brachte die Kuratorin die Ausstellung im wahrsten Sinne des Wortes "ans Laufen", unterstützt von der Holländerin Liza Snook, Inhaberin eines Online-Schuhmuseums. Gemeinsam wurden 220 Paar Schuhe aus 27 Ländern zusammengetragen – das Interesse seitens der Designer war laut Epple groß.
Der Schuh als Alltagsgegenstand – ein Thema, zu dem auch die Besucher einen Bezug haben, und "die meisten auch ein ganz persönliches Erlebnis", wie Kuratorin Epple erzählt. "Darum wurde nun auch schon das dritte Gästebuch vollgeschrieben."

Die Ausstellung "Starker Auftritt"

Die Schuh-Schau läuft noch bis zum 29. September im Leipziger GRASSI Museum für Angewandte Kunst
http://www.grassimuseum.de/ausstellungen.0.html

Mehr zum Thema auf art-magazin.de