Bilder einer andauernden Revolution - Hamburg

Bilder des Zorns

Im Museum für Kunst und Gewerbe widmet sich seit letzter Woche eine Ausstellung der enormen Rolle, die besonders digitale Bildmedien in der ägyptischen Revolution seit 2011 spielen. Medienanalyse und Geschichtsschreibung gehen dabei Hand in Hand. Dass die Kunst neben dem authentischen Bildjournalismus fast verblasst und dass die aktuellen Ereignisse nach dem Sturz von Mohammed Morsi die Schau gleichsam überrollen – all das tut ihrer Qualität keinen Abbruch.

Die Aufseher in den Ausstellungsräumen lösen einander nach jeweils genau einer Stunde ab: Die Schau sei zu laut, um es länger hier auszuhalten, erklärt eine Dame. In der Tat tönt aus zahlreichen Videoboxen der chaotische Lärm von Menschenmengen, Hilferufen, Schreien, Weinen, Schüssen.

Einzelne Stimmen in Interviews werden immer lauter. Schließt man die Augen, so könnte das Ganze als akustisches Porträt der ägyptischen Unruhen seit 2011 durchgehen. Aufstände sind alles andere als geräuscharm. Doch das zu zeigen ist nicht das Anliegen von "Kairo. Neue Bilder einer andauernden Revolution": Hier geht es um Bilder und ihre Macht. Eine Kunstausstellung ist das nicht, auch wenn einige Kunstwerke zu sehen sind. Gegen Momentaufnahmen von den Straßen Kairos, Reportagefotografie und verwackelte Handyfilme wirken die als Kunst apostrophierten Beiträge seltsam farblos. Sie spiegeln das Dilemma vieler ägyptischer Künstler, die von Anfang bei dem Volksaufstand mitmischten: Unmittelbares Zeitgeschehen lässt sich nur schwer in Kunst übersetzen. Das haben missglückte Versuche gleich nach dem New Yorker Turmfall von 9/11 schon einmal gezeigt. Mediale Dokumente sind längst die wahren Ikonen. Insofern gehört das Scheitern der Kunst an der Zeitgeschichte ohnehin zur Symptomatik einer Revolution im 21. Jahrhundert – genau das wird hier abgebildet.

Titelseiten, Twitter, Youtube

Ein deutsch-ägyptisches Kuratorenteam um Florian Ebner vom Museum Folkwang Essen konzentrierte sich entsprechend auf die Analyse der digitalen Bildfluten. Dabei entstand eine dichte, visuelle Chronik der Vorfälle in Kairo – aufgenommen von Laien und Profis, organisiert in Facebook- und Twitter-Accounts, auf Youtube-Kanälen, digitalen und Printmedien sowie Online-Datenbanken. Auf einer zentralen Wand rekonstruieren Twitternachrichten und Titelseiten internationaler Tageszeitungen die Ereignisse: eine Revolution auf dem Seziertisch. Schon nach wenigen Minuten in der Ausstellung wird klar, dass diese Bilder nicht nur den Aufruhr für die Nachwelt konserviert, sondern dass sie eine aktive Rolle dabei gespielt haben. An Ort und Stelle wurden sie verbreitet und fachten die Dynamik der Bewegung regelrecht an, als Information und Aufruf gleichermaßen.
Tarek Hefny, ein Fotokünstler und Filmemacher, ist zur Eröffnung der Ausstellung von Kairo nach Hamburg gekommen. Er ist überzeugt: "In zehn Jahren wird man sagen, zu Zeiten der ägyptischen Revolution hat sich das Bildermachen selbst fundamental geändert." Hefny hat bis zum Ausbruch der Unruhen künstlerisch gearbeitet; nicht unbedingt politisch, aber kritisch. In einer schwarzweißen Bildserie mit trostlosen Skeletten von Anzeigentafeln nahm er bereits 2008 die wirtschaftliche Misere des Landes unter Mubarak ins Visier. Auch das ist ein Verdienst der Kairo-Schau: Sie zeigt, dass diese Revolution nicht aus dem Vakuum entstand, sondern sich über Jahre hinweg anbahnte. Arbeiten von Hefny und Heba Farid sowie aus anonymen Fotoarchiven erzählen die Vorgeschichte des ägyptischen Frühlings von 2011.

Kein Ende in Sicht

In den unruhigen Tagen Ende Januar 2011 wurde Tarek Hefny vom Künstler zum politischen Aktivisten; ein konsequenter Rollenwechsel, den er mit vielen in der Ausstellung vertretenen Kollegen wie Lara Baladi, Jasmina Metwaly oder Philip Rizk teilt. Von kreativen, aber unbeteiligten Bildproduzenten verwandelten sie sich zu Bildersammlern und -verteilern: "Wir haben buchstäblich von den Leuten auf der Straße ihre Handyfotos und Videos eingesammelt. Das waren private Zeugnisse voller Hoffnung, Gewalt, Verzweiflung oder Freude. Als das Internet blockiert war, haben wir diese Dokumente Reisenden mitgegeben, die sie dann im Ausland in sozialen Netzwerken veröffentlicht haben", so Hefny. Auf dem Tahrir-Platz schlugen Hefny und seine Freunde von Thawra Media ein kleines Zelt auf, in dem Dateien heruntergeladen, gesichert und archiviert wurden. Mehrere operative Medienkollektive gründeten zusammen "Tahrir Cinema": Mit einem mobilen Projektor warfen sie Bilder und Filme auf Häuserwände der Stadt, sogar auf die Mauern des Polizeipräsidiums – Bilder, die man damals in den offiziellen Mubarak-Medien nicht zu Gesicht bekam und die immer mehr Menschen mobilisierten. Zu den erschütterndsten Zeugnissen der Straßenkämpfe zählt der Filmclip von der "Frau mit dem blauen BH": Eine junge Frau wird von Sicherheitskräften zu Boden geschlagen und weggeschleift, ihr Oberteil hatte sich dabei geöffnet. Die Journalistin Rowan El Shimi sammelte Fotos, Cartoons und Graffitis, die diese Unbekannte zu einer Heldin des Widerstands verklärten. Einem ähnlichen Märtyrer namens Toussi, vor laufenden Kameras getötet und von Uniformierten in eine Müllecke geworfen, widmet Jasmina Metwaly eine Filmcollage. Metwaly ist Künstlerin und halb Ägypterin, halb Polin. Gemeinsam mit dem Filmemacher Philip Rizk und anderen hat sie das mittlerweile legendäre Medienaktiv Mosireen gegründet. Die beiden zeigen in der Ausstellung auch einen ganz neuen Streifen mit dem Titel "Why Riots" – "Warum Aufstände", einen fünfminütigen Parforceritt zu Ursachen und Ablauf der ägyptischen Revolution. Das Material dafür kommt zum Großteil aus den riesigen Bilddatenbanken von Mosireen, wo Bürgerjournalisten, Künstler und professionelle Bildreporter ihre Dokumente eingespeist haben.

"Why Riots" entstand erst im März 2013 und will auch erklären, warum die nationale Revolte mit dem Wahlsieg von Ex-Präsident Morsi und seinen Moslembrüdern nicht zu Ende sein konnte. An dieser Stelle holte die Gegenwart letzte Woche die Ausstellungsmacher ein. Wieder produzieren die Kämpfe auf Kairos Straßen neue Bilder: Die Revolution lässt sich nicht abschließend musealisieren. Der Sturz von Präsident Morsi, die erneute Machtübernahme der Militärs und die andauernden blutigen Straßenkämpfe haben die Frontverläufe in Ägypten völlig verändert. Während im Hauptteil der Ausstellung das aufständische Volk überwiegend als homogener Sympathieträger verbildlicht ist, so sind in den neuen Dokumenten der letzten Wochen die Täter von einst plötzlich Helden, Märtyrer plötzlich Reaktionäre oder umgekehrt. Die Flut der digitalen Bilder reißt keineswegs ab, ihre Interpretation und Glaubwürdigkeit jedoch ändert sich rasant. In gewisser Weise haben die Bilder aus Ägypten ihre Unschuld verloren. Auch diesen Zwiespalt bildet die Ausstellung ab.

Kairo. Neue Bilder einer andauernden Revolution

Die Ausstellung läuft noch bis zum 17. November im Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg

Ein Katalog erscheint bei Spector Books, Leipzig
http://www.mkg-hamburg.de/de/

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