Visionen/Disorder - Herford/Kleve

Wunsch und Wirklichkeit

Die Doppelgesichtigkeit politischer, religiöser und künstlerischer Visionen
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Nördlich der Alpen machte sich die Jungfrau Maria lange rar. Erst im Jahre 940 erschien sie einem Hirten in einer Vision, um dem anscheinend recht lockeren Treiben des Herforder Stifts Einhalt zu gebieten. Über 1000 Jahre später platzt das örtliche Museum Marta vor Visionen schier aus
den Nähten – allerdings merkt man schnell, dass die Religion ihr Monopol auf heilsbringende Erscheinungen und höhere Eingebungen schon vor langer Zeit verloren hat.

In der Herforder "Visionen"-Ausstellung reicht die Bandbreite von politischen Utopien bis zum persönlichen Traum, von Hitlers "Drittem Reich", das Christoph Dettmeier mit seinen Sandburg-Ruinen noch einmal spielerisch untergehen lässt, bis zu einem besonders schönen Exemplar der allesamt fluguntauglichen Fluggeräte des belgischen Künstlers Panamarenko. Offensichtlich ist den weltlichen Visionen das Scheitern – oder das Umschlagen in Anti-Utopien – immer schon eingeschrieben, was sie von den religiösen unterscheidet. Aber auch der katholische Wunderglaube kommt in Herford nicht ungeschoren davon: Andreas Slominski zeigt uns, dass ein kopfüber an die Wand gehängtes Dixi-Klo einem Marienschrein verblüffend ähnelt, und Michaël Borremans inszeniert die Jungfrau Maria als Hostien speisende Dame ohne Unterleib. Etwas zu kurz kommen in dieser anregenden Schau lediglich die künstlerischen Visionen selbst; immerhin hat Guillaume Bruère mit geschlossenen Augen – dafür erstaunlich virtuos – die Bilder aufgemalt, die ihn des Nachts verfolgen.

Auch in Kleve liegt etwas Unerklärliches in der Luft, denn das Museum Kurhaus unterzieht in seiner Schau "The Present Order is the Disorder of the Future" (ein Zitat des guillotinierten französischen Revolutionärs Louis Antoine de Saint-Just) politische und künstlerische Utopien so etwas wie einem Praxistest. Museumsdirektor Harald Kunde hat sich auf aktuelle Arbeiten konzentriert und lotet mit Hilfe von elf Künstlern den Abgrund aus, der zwischen Vision und Wirklichkeit entsteht. Die Ausstellung beginnt einigermaßen harmlos mit Michael Kunzes Gemäldegalerie visionärer "böser Buben" der Kulturgeschichte (von Friedrich Nietzsche bis Michel Houellebecq), um dann in eine Höllenvision zu führen: Das niederländische Atelier Van Lieshout hat löchrige, verrenkte oder auch mal über eine Stuhllehne aufgeklappte Hartschaum-leiber nach Kleve geschickt, dazu Tierkadaver und eine mit dem Bedienpersonal verschmolzene Weltkriegskanone aus Fiberglas – allesamt lebensgroß, gespenstisch und wie aus dem kunsthistorischen Versandkatalog geordert.

Bei Olaf Nicolai wird ein manisch um sich selbst wirbelnder Suchscheinwerfer zum Mahnmal des Überwachungsstaats, und Birgit Brenner lässt den gesellschaftli­chen Traum vom bürgerlichen Idyll mit Eigenheim in einer angemessen gerümpeli­gen Installation zerbrechen. Die ironische Dis­tanz der Herforder "Visionen"-Schau fehlt in Kleve völlig. Die Werke sind politischer und aktueller und gehen einem gerade, wenn etwas die Kunst zu fehlen scheint, gehörig an die Nieren.

Visionen – Atmosphären der Veränderung

bis 8. September,
Marta Herford;
The Present Order is the Disorder of the Future,
bis 15. September,
Museum Kurhaus Kleve;
Gegen Vorlage ihrer artcard erhalten unsere Abonnenten in Herford ermäßigten Eintritt. Der Katalog zur "Visionen"-Ausstellung ist im Verlag Hatje Cantz erschienen. Er kostet im Museum 29,80 Euro, im Buchhandel 39,80 Euro. Der Katalog zur Ausstellung in Kleve erscheint am 12. September und wird 18 Euro kosten.
http://marta-herford.de/index.php/visionen/

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