Begehren und Sinnlichkeit - Paris

Überhaupt nicht prüde

"Begehren und Sinnlichkeit im viktorianischen Zeitalter" – die Ausstellung im Pariser Musée Jacquemart-André widmet sich der fleischlichen Lust und nackten Schönheit in der Malerei der Ästhetizisten zu Zeiten Königin Victorias.

Einem Gerücht zufolge sollen am Hof der englischen Queen Victoria sogar die Tischbeine schamhaft verhüllt gewesen sein, damit keine Assoziationen zu menschlichen Extremitäten entstehen konnten. Nette Vorstellung – offziell galt man damals als prüde, tatsächlich aber herrschte im Verborgenen eine latente Freizügigkeit.

Die Queen selbst bevorzugte – im Gegensatz zu ihrem prüden Mann, Prinz Albert –
Darstellungen mit jeder Menge nackten Fleisches (was eine Ausstellung 2010 in der Queen's Gallery im Buckingham Palace überzeugend belegte). Und die Maler in jener Zeit hatten eine einfache Methode gefunden, ohne anzuecken, Nacktheit auf die Leinwand zu bringen: Sie verlegten das Bildgeschehen in die Antike.

Die hatte der deutsche Archäologe Johann Joachim Winckelmann zur Richtschnur für die Kunst des 19. Jahrhunderts erhoben. Er postulierte, die vornehmste Aufgabe der Kunst sei es, Schönheit darzustellen. Den Kult der Schönheit zelebrierten Künstler wie Sir Lawrence Alma-Tadema (1836 bis 1912), Sir Frederic Leighton (1830 bis 1896) oder Edward Burne-Jones (1833 bis 1998). Sie stehen im Mittelpunkt der Ausstellung "Begehren und Sinnlichkeit im viktorianischen Zeitalter", die zunächst im Pariser Musée Jacquemart-André das "Aesthetic Movement" (den Ästhetizismus) feiert: Die Künstler waren Erben der Präraffaeliten, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts an den Idealen des frühen Quattrocento bis hin zu Meis­tern der Renaissance wie Botticelli oder Raffael orientiert hatten.

Die Protagonisten des Ästhetizismus priesen die Schönheit des Frauenkörpers, der in ihren Bildern nicht mehr durch voluminöse Krinolinen und bauschende Ärmel verhüllt wurde, sondern nackt sinnliches Vergnügen und weibliche Begierde ausstrahlte. Mythologische Szenen wie die der Königstochter Andromeda, die, nackt an einen Felsen gefesselt, einem Seeungeheuer geopfert werden sollte, boten reichlich Gelegenheit, durch Mythologie sanktionierte Freizügigkeit zu praktizieren.

Und wenn die Modelle in sinnlich-fließende Stoffe gehüllt waren, so ließen diese mehr durchblicken, als sie verhüllten – in Albert Moores Hommage an die Musik schimmern wohlgeformte Rückenpartien durch transparente Gewänder, die Nacktheit von Frederic Leightons Nymphe wird durch den locker drapierten Schleier noch herausgestellt.

Begehren und Sinnlichkeit im viktorianischen Zeitalter

13. September bis 20. Januar,
Musée Jacquemart-André,
Paris,
Der Katalog zur Ausstellung kostet 39 Euro. Die Ausstellung ist vom 15. Februar bis 5. Juni 2014 im Chios­tro del Bramante in Rom zu sehen, vom 23. Juni bis 5. Oktober im Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid und zum Schluss im Leighton-House Museum in London
http://www.musee-jacquemart-andre.com/en/events/exhibition-desirs-et-volupte-victorian-masterpieces