Gerhard Richter

Domfenster

Flirrendes Pixelspiel im Maßwerk
Endlich enthüllt: das Kirchenfenster von Gerhard Richter im Südquerhaus des Kölner Doms (Foto: Dombauarchiv Köln, Matz und Schenk)

FLIRRENDES PIXELSPIEL IM MAßWERK

Freudig und auch ein wenig erschrocken hatte Gernhard Richter zugesagt, für das Fenster im Südquerhaus des Kölner Doms ein rund 100 Quadratmeter großes Fenster zu entwerfen. Am Wochenende wurde es mit einer Messe eingeweiht
// SANDRA DANICKE, PETRA BOSETTI

Nein, erzählen möchte er jetzt lieber nichts, sagte Gerhard Richter kurz vor der festlichen Weihe des Fensters, das der Künstler für den Kölner Dom entworfen hat. Andere hatten ja auch schon genug erzählt. Allein vier Reden wurden vorab in der Dombauhütte gehalten, während Richter einen kleinen Gegenstand in seiner Hand knetete. Sie hatten ja bereits alles ausführlich erklärt.

So auch die Geschichte des Fensters: König Wilhelm I. von Preußen hatte dem Dom das rund 100 Quadratmeter messende Fenster, das 1863 eingesetzt wurde, gespendet. Es zeigte, standesgemäß, weltliche Herrscher wie Kaiser Karl den Großen, Heinrich II., Sigismus von Burgund, aber auch Kölner Erzbischöfe. Da niemand daran gedacht hatte, sie im Zweiten Weltkrieg vorsorglich zu entfernen und zu sichern, wurden sie in einem Bombenangriff zerstört. Nach dem Krieg entwarf der Kölner Wilhelm Teuwen ein fast monochrom-weißes Fenster. Es ließ – besonders bei tief stehender Sonne an schönen Wintertagen – so grelles Licht in den ansonsten eher dämmrigen Kirchenraum einfallen, dass Gläubige geblendet wurden und der Ruf nach Farbe erschallte.

Eine Rekonstruktion der alten Fenster kam trotz der heutzutage herrschenden Wiederherstellungswut nicht in Frage.. Zunächst waren als Motive eigentlich Bilder von Märtyrern des 20. Jahrhunderts vorgesehen. Es war gleichwohl nicht daran gedacht worden, dass man eine Nonne wie die in Auschwitz ermordete Edith Stein kaum in einen knallroten Mantel hüllen konnte, um die erwünschten Farben im Fenster zu haben.

Richter hatte, so betonten die Redner bei der Einweihungsfeier, freudig und auch ein wenig erschrocken seine Mitarbeit zugesagt und hatte schließlich, nach schnell verworfenen figürlichen Versuchen, einen Entwurf präsentiert, der ausschließlich aus 9,6 Zentimeter großen Quadraten in 72 Farben besteht. Als Basis für den Entwurf diente ihm ein eigenes Gemälde aus dem Jahr 1974: In “4096 Farben” hatte er ebensoviele quadratische Farbfelder nach dem Zufallsprinzip auf einer 254 x 254 cm großen Leinwand verteilt – der Effekt ähnelt dem eines grob zerpixelten Computerbildes.

Richter legte eine Schablone des Maßwerkrahmens vom Domfenster auf eine Fotografie dieser alten Arbeit und war über die optische Wirkung überrascht. Mit Computertechnik ließ er dann die Abfolge der quadratischen Farbelemente – insgesamt entschied er sich für 72 unterschiedliche Töne – festlegen. Allerdings völlig dem Zufall überließ er die Gestaltung nicht. Gelegentlich griff Richter in die Farbverteilung ein, wenn es dem Gesamteindruck nützte und fügte auch ganz bewusst Wiederholungen von besonders markanten Quadrat-Kombinationen ein.

Jeder der Redner beteuerte noch, wie herrlich es sei, dieses Fenster und dass es wirke, als sei es schon immer hier gewesen. Richter lächelte gequält, da er wusste, dass nun auch von ihm ein paar Worte erwartet würden, dass er sich gar bedanke oder Erhellendes zum Besten gebe. Man solle fragen, falls man etwas wissen wolle, murmelte der Geehrte so leise, dass unter den Presseleuten eine Beklommenheit entstand, die intelligente Fragen verhinderte. Wie er sich nun fühle, wollte eine der Damen wissen: Er sei ein wenig erregt. Ob er denn gar nicht stolz sei? „Soviel Anlass habe ich ja auch nicht unbescheiden zu sein“, kam es so umständlich aus des Künstlers Mund, dass man ihn, den bekanntermaßen Pressescheuen, nicht länger quälen mochte.

Nahezu alles lässt sich in bunte Vierecke hinein interpretieren, Technisch-Rationales ebenso wie spirituelle Verzückung. Wenngleich das flirrende Pixelspiel, das so fröhlich in der Maßwerkrosette leuchtet, an jenem Ort kaum anders als religiös interpretiert werden kann. Dem erklärten Atheisten, so schien es beim Einweihungsgottesdienst, beschlich darob ein leichtes Unbehagen. Angespannt rollte er das Programm in seinen Händen, blickte nachdenklich auf seine Schuhe. Dann jedoch – gleichsam um sich noch einmal zu vergewissern – betrachtete er lange sein Werk, ein Lächeln auf den Lippen.

Ausstellung: Das Museum Ludwig in Köln zeigt noch bis zum 13. Januar 2008 die Studioausstellung "Gerhard Richter – Zufall – 4900 Farben" mit Entwurfsvarianten zum Domfenster und einem neuen, großformartigen Farbtafelbild. Das Bild "4096 Farben" ist in der permanenten Sammlung des Hauses im 2. Obergeschoss zu sehen.

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1 Leserkommentar vorhanden

r. j.

14:46

06 / 12 / 11 // 

tatsächlich

diese schnapsidee wurde also umgesetzt? wow. als bildender künstler der glasmalerei mal gelernt hat tun mir diese gläubigen leid. von der anmassung der gotik gegenüber ganz zu schweigen. glasgestaltung lebt durch farbe, gestaltung, komposition e.t.c., der aesthetischen qualität, nicht der intellektuellen spekulation.

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