Dreamings - Hamburg-Wedel

Dreamtime

Bilder, die in ihren bunten Farben und Mustern von Kultur, Leben und Ahnengeistern der Aborigines handeln, und Bilder, in denen die Aborigines ihre Unterjochung durch die Europäer aufarbeiten – die Ausstellung "Dreamings" im Ernst Barlach Museum in Wedel bei Hamburg gibt Aufschluss über die zeitgenössische Kunst der Ureinwohner Australiens.

Das Gefühl, in der Welt von "Avatar" zu sein, beschleicht einen in der Ausstellung "Dreamings – Malerei der australischen Aborigines" mehr als einmal. Die Parallelen zwischen den weißen Eroberern, die sich einst Australien einverleibten, und jenen, die im Film den Planet Pandorra ausbeuten, bestehen nicht zufällig. Und genau wie in der fiktiven Welt des Films waren es in der echten Welt die in Einklang mit der Natur lebenden Ureinwohner, die, als nicht gleichwertig anerkannt, bei den Eroberungsplänen des neuen Landes im Weg standen und somit ein Problem darstellten, das es aus der Welt zu schaffen galt.

Die 1948 geborene Künstlerin Nyree Ngari Reynolds, die Menschen mit psychischen Problemen hilft, diese durch Kunst zu verarbeiten, widmet sich in ihrer Malerei den Kindern der "Gestohlenen Generationen". "Halbrassige" Aborigine-Kinder wurden von Anfang des 20. Jahrhunderts bis Ende der Sechziger von ihren Familien weggeschleppt und in seperaten Erziehungsheimen und Schulen untergebracht und unterrichtet mit dem Ziel der Ausmerzung ihrer Kultur. Es galt, sie durch Assimilierung den Weißen als Arbeitskräfte gefügig zu machen. In Reynolds "No Longer Flora" von 2007, das in gedeckten Naturtönen und natürlichem Ocker – einem Material, der den Aborigines heilig ist – gemalt ist, sieht man die weite Wüstenlandschaft und den Himmel des kargen Outbacks Australiens. In einer endlos erscheinenden Reihe gehen die geraubten Aborigine-Mädchen hintereinander her. Ihre dunklen Gesichter und Körper sind gleichförmig, unsicher und fragend – ihre kulturelle Identität sollte in der Zeit der Trennung von Heimat und Familie ausgelöscht werden. Doch noch immer, das sieht man, gehören sie hierher. Nur ihre weißen, europäischen Kleider und schwarzen Schuhe mit weißen Söckchen passen nicht in das "Buschland" und machen ihre Körper durchscheinend. Mit einem Buschzweig in der Hand, der sie erinnern und auf ein Wiedersehen mit ihren Verwandten hoffen lässt, gehen sie steten Schrittes heimwärts.

Geht man durch die Ausstellung begegnen einem einige solcher Geschichten. Der Kummer der Vertreibung, dem Kinderraub und der Zerstörung des Landes und der heiligen Stätten, der bis zum Paradigmenwechsel der australischen Regierung Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre anhielt, belastet heute noch immer einen Großteil der indigenen Bevölkerung. Viele derjenigen, die einst gewaltsam aus ihren Familien und ihrer traditionellen Lebensweise gerissen wurden, sind depressiv und traumatisiert. Auch mit ihnen arbeitet Reynolds an der Bewältigung ihrer Probleme.

Gordon Syron, der sich das Malen während einer Gefängnisstrafe in den Siebzigern beibrachte und heute als Pionier der urbanen Aborigine-Kunst gilt, erzählt in seinem "Selbstporträt" aus der Serie "Wo einst die wilden Blumen blühten" von 2010 die Geschichte eines von Aborigine-Geistern bewohnten Waldes. Die blauen Bäume des Urwalds, die mit dem tiefwachsenden, rötlichblauen Busch ineinander übergehen, ragen hoch und geben die mystische Bedeutung des Ortes wider. Er selbst steht inmitten dieses spirituellen Ortes, ein Kind, klein, dunkel und schemenhaft. Man spürt den Atem des Waldes. "Es ist das alte Minimbah Land, wo Großmutter früher lebte", erzählt Syron. "Die Minengesellschaften kamen durch dieses Gebiet und entfernten den Mutterboden. … Jetzt wachsen die Wildblumen nicht mehr." Weil dieses Land ihm heilig ist, entschloss er sich, es zu malen.

So wie ihm geht es auch den anderen Künstlern der Ausstellung. Durch ihre bunten Bilder, die sich früher auf zeremoniellen Schildern und als rituelle Bemalung auf den Körpern wiederfanden, stellen sie im Zuge des "Dreamings" Kontakt zu ihren Ahnen, dem Land und dem unendlichen Kosmos her. Die Unendlichkeit spielt ohnehin eine große Rolle in Glaube und Kultur der Aborigines. Die "Dreamtime" ist eine universelle Welt ohne Zeit und Raum – Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft schaffen und schöpfen unaufhaltsam aus- und ineinander.

Betrachtet man Bill Whiskey Tjapaltjarris "Rock Holes And Country Near The Olgas" von 2008 mit westlichem Blick, sieht man abstrakte Kunst – Kunst, die zwar schön und intuitiv, aber ohne große Bedeutung zu sein scheint. Tatsächlich aber schildert sein Bild eine "Dreaming"-Legende um einen Adler, der einem Kakadu zur Hilfe eilt, indem er der angreifenden Krähe vorgaukelt mit ihr kopulieren zu wollen und alsdann ihre Geschlechtsorgane verbrüht. Die Spuren des Kampfes – Krater in der Landschaft – sind in der Malerei ebenso dargestellt wie die Vögel. Die weißen Punkte, die in diesem Fall Felsen und Federn darstellen, sind häufiges Stilmittel in der Kunst der Aborigines.

Die Malerei dient ihnen auch zur Übermittlung uralten Wissens, das von Generation zu Generation weitergetragen wird. So stellt Gloria Tamerre Petyarre in ihrer Bildserie "Bush Medicine" mit schwungvollem, in verschiedenen Farben getränktem Pinselstrich die auf den Boden fallenden Blätter eines heimischen Strauches dar. Durch das Verändern der Blätterfarben innerhalb des Pflanzenlebens erlangt der Strauch verschiedene medizinische Eigenschaften. Petyarre huldigt beim Malen dem Geist der Heilpflanze, damit dieser sich regenerieren und so die Heilkräfte erneuern kann.

Während das Malen früher den Männern der Stämme vorbehalten war, finden sich seit den Siebzigern überwiegend Frauen unter den Künstlern der Aborigines. Auch nehmen sie seither hohe Positionen innerhalb der Stämme und Clans ein, die unterschiedliche Sprachen, Riten und Kunststile entwickelt haben, seit die Aborigines den fünften Kontinent vor etwa 50 000 Jahren besiedelten.

Dreamings - Malerei der australischen Aborigines

verlängert bis 1. Januar 2014,
Ernst Barlach Museum,
Hamburg-Wedel,
Es ist ein Katalog zur Ausstellung erschienen
http://www.ernst-barlach.de

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