Ulay - Berlin

Mein Leben als Wasser

Performance-Künstler Ulay wurde gemeinsam mit Marina Abramovic zur Institution und blieb doch ein ewiger Rebell. Jetzt zeigt der Berliner Kunstsalon Dahlmann eine Mini-Retrospektive. Im Interview erklärt der einstige Bürgerschreck, warum Spitzweg gestohlen werden musste, was ein Gasttransvestit ist und weshalb das fragile Segelboot "Identität" keinen Tanker-Anker braucht.

Ulay, "Du" oder "Sie"?

Du.

Du hast Dich oft nicht als Ulay, sonder als "Wasser" vorgestellt. Warum?

Weil es sofort Aufmerksamkeit schafft. Das gibt es kaum als Nachnamen und überrascht: "Wasser – wie bitte?!" Bitte, Wasser! Darauf habe ich in meiner Zeit als Professor an der HfG in Karlsruhe auch die Aufmerksamkeit meiner Studenten zu lenken versucht: Die Erde besteht an der Oberfläche zu 72 Prozent aus Wasser – und dann gibt es natürlich auch noch unterirdisches Wasser. Unser Körper besteht zu 70 Prozent aus Wasser, im Wesentlichen sind wir also Wasserwesen.

Trotzdem heißt Deine aktuelle Ausstellung im Salon Dahlmann ja nicht "Ich bin Wasser", sondern "Ich bin Ich" – und das, obwohl Du ja schon in den siebziger Jahren per Todesanzeige Deinen Abschied als Einzelperson verkündet hattest. Wo kommt denn auf einmal die Identität wieder her?

Das frage ich Dich! Ich habe dazu ein ganz merkwürdiges Verhältnis. Ich verweigere mich der nationalen Identität und ich verweigere mich vieler Identitäten, die eigentlich für jeden anderen funktionieren. Ich habe mal so etwas wie "Identity through change" formuliert, Identität durch Veränderung. Damit habe ich sozusagen Identität auf dem Wasser treiben lassen. Von 1970 bis 1975 habe ich verschiedene Identitäten auch fotografisch dokumentiert – ich war in der Zeit obdachlos oder habe als Transvestit gelebt.

In diesem Zusammenhang fiel bereits das interessante Wort "Gasttransvestit" – was ist das?

Das ist jemand, der aus psychischen oder sozialen Gründen als Frau erscheinen möchte. Ich habe mich in diesen Kreisen bewegt und das Konzept der Verkleidung akzeptiert. Allerdings waren die meisten in diesem Kontext Transsexuelle, die ihren Körper auf dem Strich verkauft haben. Das habe ich nicht gemacht. Aber ich habe mich angepasst – und ich sah als Frau richtig gut aus. Und so lange keiner weiß, dass man keine Frau ist, wird man auch gesellschaftlich ganz anders wahrgenommen. Das war wunderbar. Ich konnte mich jedoch nach zwei Jahren davon wieder lösen, was Transsexuelle natürlich nicht können, die sind total radikal. Die weigern sich auch, Transvestiten mit ihrem weiblichen Namen anzusprechen.

Um nochmal zur Identität zurückzukommen: Identität ist für mich ein kleines, fragiles, gleitendes Segelboot, an dem man versucht, den Anker eines Tankers zu befestigen. Ich hingegen bin flüssig und fließend. Ich fühle mich jeden Tag irgendwie anders, und ich bin auch kein Signaturkünstler – das ist die einfachste Schiene. Wenn die Sachen in den Markt gehen, bleibt man meistens seiner Signatur treu, das beste Beispiel ist natürlich Baselitz. Ich habe das nie gemacht, denn es hat mich nie interessiert. Damit macht man es sich schwierig, denn mein Œuvre ist sehr bizarr und geht in viele Richtungen. Einer der Gründe, warum die Ulay/Abramovic-Geschichte aufgehört hat, war, dass wir durch unsere Bekanntheit zu einer Institution wurden. Das ist für jemanden mit meinen anarchischen Ambitionen natürlich das Letzte.

Warum musstest Du damals im Rahmen der Aktion "There is a Criminal Touch to Art" Spitzwegs "Armen Poeten", das vermeintliche "Lieblingsbild der Deutschen", aus der Nationalgalerie nach Kreuzberg entführen?

Weil es absolut nicht mein Lieblingsbild war. Und ich wollte es ja auch nicht behalten. Als ich den damals im Untergeschoss der Nationalgalerie sah, brach in mir einfach die Hölle los. Natürlich ein sehr romantisches Bild – und eines der Lieblingsbilder von Hitler. 1976 habe ich mich in Kreuzberg aufgehalten, und es war einfach grauenhaft, ein verrottetes, vergammeltes Ghetto, in dem die Türken leben mussten, weil sie nirgendwo anders gern gesehen waren. Bis auf einige Künstler, die man dahin abgeschoben hatte, wollte kein normaler Bürger da leben. Westberlin generell hatte damals etwas von einem Brutkasten, sehr artifiziell. Dazu kam der kalte Krieg, eine grauenhafte, inakzeptable Situation. Dagegen wollte ich irgendeine Irritation setzen – wie beispielsweise den Spitzweg auszuleihen.

War die Aktion auch eine Art von Katharsis, eine Befreiung von der geistigen Enge Nachkriegsdeutschlands?

Ja – wobei ich Deutschland schon 1968 verlassen hatte. Ich wurde 1943 in einem Luftschutzkeller in Solingen geboren, das aufgrund seiner Stahlindustrie eines der Hauptziele der alliierten Luftangriffe war. Als Kind nach dem Krieg in einer ausgebombten Stadt aufzuwachsen, das ist ungefähr das schlechteste mögliche Klima. Es waren nur noch die Trümmerfrauen übrig. Was man da gefühlsmäßig und mental abbekommt, ist für ein kleines Kind grauenhaft. Und während des Wiederaufbaus hatte man dann nur noch Zeit für die materiellen Dinge. Ich hätte eigentlich Arzt oder Ingenieur werden sollen, aber ich war dann doch ein ganz anderer Typ Mensch. 1968 bin ich dann einfach abgehauen, was auch damit zu tun hatte, dass ich nicht zum Bund wollte. Befreien konnte ich mich dann in Amsterdam, was das absolute Gegenteil von allem war. Das hat mir gutgetan.

In Deiner Biografie spielen die Amsterdamer "Provos" eine wichtige Rolle. Was war denn da los?

Eigentlich wollte ich im Sommer 1968 mit meinem alten Citroën, einer Schreibmaschine und meiner Kamera nach Prag abhauen, um da an der Schauspielschule zu studieren. Doch als ich an der tschechischen Grenze ankam, standen da merkwürdige Menschen. Sie hatten einen roten Stern an der Mütze und sagten: "Njet!", das war schade. Drei Tage habe ich an der Grenze festgehangen, da war aber kein Durchkommen. Irgendwann fand ich dann eine Zeitung, in der etwas über die Provos stand, eine konstruktive anarchistische Organisation – nicht zu verwechseln mit Baader-Meinhof und solchen Geschichten. Das Ziel der Provos war es, Widerstand zu leisten und Städte lebenswerter zu machen, allerdings hatten wir damals täglich Auseinandersetzungen mit der Polizei. Mit den Provos konnte ich mich identifizierten, wobei dies jedoch meine letzte Identifikation mit einer bestimmten Sache war. Danach habe ich alles losgelassen und nur noch mich selbst hinterfragt – wer bin ich? Ich hatte ja auch kaum Hintergrund: Mein Vater starb, als ich 14 war, meine Mutter verschwand, von den Großeltern wusste ich nichts. Darauf wollte ich Antworten, so ist alles entstanden.

Wie bewertest Du die gegenwärtige Wiederentdeckung von Performance durch die junge Künstlergeneration?

Ich gehöre ja zu den Großeltern der Performancekunst, zusammen mit Katharina Sieverding, Valie Export, Ulrike Rosenbach, dazu kommen noch Amerikaner wie Vito Acconci und Chris Burden. Was mir auffällt, dass es ein Revival im Rahmen von Re-Enactments durch jüngere Künstler gibt. Vieles davon finde ich langweilig, weil heute natürlich die Anlässe ganz andere sind als 1970 oder 1975. Das heißt aber nicht, dass man keine gute Performance mehr machen kann. Nur war es damals absolut subversiv: nicht in Whitecube-Galerien, nicht in Museen – kein Geld. Man musste alternative Orte finden, leere, schäbige Garagen, Betriebsräume, Werften. Und Performance hat durch ihren ephemeren Charakter die Kritiker mobilisiert: Man musste an unbequeme Orte gehen, um dort unbehagliche Kunst zu erleben. So hat Performance Leben in den Betrieb gebracht. Dazu formuliert man als Performer während der Performance in diesem Moment den Anspruch, das Kunstwerk zu sein – und es gibt kein anderes Kunstwerk, das ein Bewusstsein hat und sensibel ist. Diese Erfahrung sollte jeder Kunststudent einmal machen. Dazu schafft die Performance im Zeitalter des Bindungsverlustes durch ihren leiblichen Charakter Bindungen, die man nicht ignorieren kann.

Was steht als Nächstes an?

Ich bin noch lange nicht fertig. Ich würde gerne wieder Performances machen, allerdings halte ich mich für zu jung, zu agil und zu vital. Ich will eher in die groteske Butoh-Ecke reinrutschen, wenn ich irgendwann unfähiger bin. Ich habe keinen Bock mehr darauf, super zu sein. Alles macht man richtig – wenn man tanzt, tanzt man, und wenn man gegen die Wand läuft, läuft man gegen die Wand. Was ich wirklich machen möchte, ist so etwas wie die "Performance of inability" – Performance der Unmöglichkeit. Aber nicht als Performance einer spektakulären Unmöglichkeit, sondern um zu zeigen, dass der eigene körperliche und geistige Zustand nicht mehr den eigenen Erwartungen entspricht.

Vielleicht im Sinne von "Fail again, fail better"?

Ja. Ich bin natürlich ein Kind von Samuel Beckett. Das war für mich der wichtigste Vater.

Ich bin Ich: Ulay on Ulay

bis 6. Oktober,
Salon Dahlmann,
Berlin,
kuratiert von Marta Gnyp und Maria Rus Bojan,
Geöffnet: Freitags 12 bis 18 Uhr, Samastags 10 bis 18h und nach Vereinbarung, Donnerstag, 19. September, 12 bis 18 Uhr. Führungen in englischer Sprache Samstags um 16 Uhr. Zusätzliche Führung am Freitag, 20. September um 16 Uhr;
2. Oktober, 17 Uhr, Talk:
Ulay und Henriette Huldisch, Kuratorin der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin
http://www.marburger3.de