Santiago Sierra - Hamburg

Von Ohnmacht und Schock

Weil wir sie nicht sehen wollen, verschließen wir uns vor der Realität. Doch immer gibt es Menschen, die uns mit der Nase hineinstoßen wollen. Sie halten uns vor Augen, was schief läuft und in was für einer Welt wir eigentlich leben. Santiago Sierra ist so ein Mensch. Die Deichtorhallen zeigen seine Arbeiten aus zwei Jahrzehnten.

Die Sammlung Falckenberg in den Deichtorhallen präsentiert aktuell die bislang größte Retrospektive des spanischen Konzeptkünstlers – in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Tübingen. Nicht zuletzt weil Hamburg als eine wichtige Station in Sierras Schaffen gilt, wo er als Gasthörer unterrichtet wurde.

Hier lernte er unter anderem bei Franz Erhard Walther, der dafür bekannt ist, die Nutzungsmöglichkeiten seiner Stoffe vor Ort in der Ausstellung vorzuführen oder mit den Besuchern auszuprobieren. Daran erinnert auch Sierras Aktion "Objekt von 600 x 57 x 52 cm, gebaut, um waagerecht an eine Wand gehalten zu werden": Ein Balken aus Teerpappe, der in der Ausstellung auf den Schultern zweier Männer getragen wird.

Santiago Sierra kennt sie, die wunden Punkte, die Abgründe westlicher Gesellschaften. Er nennt den Kapitalismus einen Sadisten, moralisch-sittliches Empfinden bricht er auf, ignoriert es. Radikal stößt er die Kunstszene vor den Kopf, wenn er nur Besucher mit einem spanischen Pass in den zugemauerten Pavillon auf der Biennale in Venedig lässt. Wenn er, um die Verdrängung der Vergangenheit anzuprangern, Autoabgase in eine ehemalige Synagoge pumpt. Oder aber, indem er in "Die Penetrierten" eine Massenorgie inszeniert – vor laufender Kamera. Auch beim Masturbieren lassen sich seine Protagonisten filmen, er tätowiert sie für wenige Dollar quer über den Rücken, bezahlt sie dafür, dass sie in Pappkartons eingequetscht still dasitzen. Immer will er damit die Realität abbilden, was in krassem Widerspruch zur minimalistischen Abstraktion und Reduktion der Arbeiten steht. Die Welt des Kapitalismus und der Arbeit ist seine Inspiration, die Gesellschaft seine Bühne.

Santiago Sierras Weg zum "Dirty Minimal" und zur Konzeptkunst zeigen die in Hamburg ausgestellten Foto- und Filmarbeiten sowie zahlreiche Skizzen von Aktionen und Konstruktionen. Dabei sind die Fotostrecken fast immer auch Teil seiner Performances, zeigen sie doch deren Entstehung. Die Reihe "Spaziergänge" hingegen dokumentiert Sierras Streifzüge durch Hamburgs Hafenareale – eine wichtige Quelle der Inspiration. Viele dieser bedeutenden fotografischen Werke stammen aus der Sammlung Falckenberg.
Durch weitere Relikte von Performances wird Sierras Arbeit nachvollziehbar, der ihnen innewohnende Gedanke greifbar. Dabei ist es für den Betrachter jedoch nicht immer einfach, des Künstlers Botschaft anzunehmen. Schnell verweigert sich der Mensch den lautlosen Anschuldigungen, die aus Sierras Werken sprechen, Vergangenheit und Fehlverhalten werden verdrängt und negiert.

Und genau das prangert der gebürtige Spanier an, was ihn zu einem der meistdiskutierten Künstler Europas machte. Seinem schonungslosen Werk schlagen Wellen der Empörung entgegen, sein bitterer Zynismus sorgt für Wut auf Seiten der Kritisierten. Dabei geht es ihm nicht nur um den Sinn von Arbeit, um Ausbeutung und Erniedrigung, sondern auch um die Kunst selbst. Mit dem Kapitalismus teile sie "eine Wirklichkeit". Ungefiltert gibt Santiago Sierra diese Wirklichkeit wider, etwa wenn er Schweine die iberische Halbinsel auffressen lässt oder dem Zoll in seiner Ausstellung einen Ort gibt, ihr Arsenal an beschlagnahmten Waffen zu präsentieren. "300 Weapons" beleuchtet die dunkle Seite des Warenverkehrs, die sonst im Verborgenen bleibt.

Sierras Werk schockt. Im Idealfall schafft der Künstler es, den Betrachter wachzurütteln aus seiner Ohnmacht und so ein Bewusstsein für die Missstände der Welt zu schaffen. Erst dann sind seine Arbeiten abgeschlossen, bedürfen sie doch der Reaktion des Beobachters. Gelungen ist sein Werk dann, wenn der Rezipient sich dem Bezug zur Realität nicht mehr verschließt – ungeachtet der oft unangenehm provokanten Sichtweise.

Santiago Sierra – Skulptur, Fotografie, Film

Die Ausstellung ist vom 7. September 2013 bis zum 12. Januar 2014 in der Sammlung Falckenberg der Deichtorhallen Hamburg zu sehen.

Der umfangreiche gleichnamige Katalog ist im Snoeck Verlag erhältlich. Er kostet 39,80 Euro und ist 174 Seiten stark.
Fotografie, Film target="_blank">http://www.deichtorhallen.de/index.php?id=349