Francesco Clemente - Berlin

Verführerischer Schmerz und schmerzhafte Verführung

Als einer der Hauptvertreter der Transavantgarde Italiens in den siebziger Jahren haben seine Objekte auch heute noch eine verborgene politische Strahlkraft. Francesco Clemente zeigt in seiner Einzelausstellung "Tents" in der Galerie Blain|Southern in Berlin drei Zeltobjekte, die teilweise in Indien gefertigt wurden. Welche dramatischen Ereignisse ihn zur Auseinandersetzung mit Indien führten, erzählt Clemente im Interview mit art.

art: Sie haben drei Zelte ausgestellt. Wie kamen Sie zu dieser Form?

Francesco Clemente: Ich habe angefangen, die Dinge wörtlicher zu nehmen. Eine der Möglichkeiten, die ich beschrieben habe, ist das Nomadische – und die Zelte stehen im Zusammenhang mit dieser nomadischen Tätigkeit.

Sie haben Architektur studiert. Ist das Konzept eines Zeltes oder mobiler Behausung etwas, das durch Ihre frühen Überlegungen zu Raum und Gesellschaft geprägt ist? Oder wäre es besser, diese Arbeit als performative Skulptur zu verstehen?

Ich habe das nie im Zusammenhang gesehen. Aber als ich das letzte Mal in Rajasthan war, traf ich einen alten Freund, der mir erzählte, dass ich schon vor Jahren Zelte machen wollte. In meiner Imagination setze ich mich wohl schon lange damit auseinander.

Diese Zelte haben etwas Verwirrendes. Auf der einen Seite stehen sie für nicht-hierarchische Systeme, die mehr mobil, nomadisch und vagabundierend angelegt sind, ohne Gesten von Repräsentation. Auf der anderen Seite sehen sie so üppig aus, verführerisch farbenfroh und einladend.

Das war die Herausforderung für mich. Die Größe der Zelte aufzunehmen, aber kein bisschen Intimität, Weichheit und Verletzlichkeit dabei zu verlieren. Alles was ich mag: im Sinne des Fließens, im Sinne der Veränderung.

Die Zelte sind drei separate Skulpturen. Ich würde sie skulpturale Zeichnungen nennen. Vielleicht liege ich ja damit nicht richtig, aber sonst weiß nicht, wie man sie definieren kann, als Objekt, Installation oder Environment?

Das ist das größte Kompliment, das ich erwarten kann. Wenn jemand sagt, ich weiß nicht, was es ist. Ich halte das für eine Leistung.

Diese drei Skulpturen sind jeweils sehr unterschiedlich ausgeführt, und sie scheinen für variable Stufen oder Schichten zu stehen. Aber dennoch scheinen sie ein zusammenhängendes Triptychon zu bilden.

Ja, es ist ein Triptychon. Jedes Zelt hat ein Thema. Nach den drei verschiedenen Abschnitten, die man haben kann in Bezug auf die Präsenz und Identität.

Das erste Zelt, mit dem Titel "Standing with Truth" (2013), hat Motive von Schmerz und Tod, wie Hände in Ketten oder aufgestapelte Schädel. Das zweite "Museum Tent" (2013) kreist um die Frage von Repräsentation wegen der vielen gezeichneten Selbstporträts in barocken Rahmen und Darstellungen von unterschiedlichen Museen der Welt. Das dritte Zelt, "Taking Refuge" (2013) ist hell und bunt auf der Außenseite, und dunkel, mit tierköpfigen Götterdarstellungen auf der Innenseite. Es scheint eine höhere Ebene zu vertreten.

Ich mag es nicht, in Begriffen wie höher und niedriger zu denken. Es geht um Austausch und Erweiterung. Also, ich glaube, man kann in der Abfolge der Zelte die Geschichte der Identität ablesen.
Die erste ist die aktive Seite der Selbstdarstellung, mit metaphorischen Darstellungen der erlösenden Qualität von Schmerz. Danach, die stärker reflektierende Seite, in der es darum geht, welche Anschauungen man hat und wie man sieht. Und die letzte ist mehr über das Verschwinden. Wo man merkt, man ist nur ein Loch im Raum. Denn die Wahrheit ist nicht das, was man sieht, und auch nicht das, wie man es gesehen hat. Es geht um den Akt des Sehens selbst ohne Objekt oder Subjekt.

Das erste Zelt also steht dem Titel nach im Zusammenhang mit "Truth" als Wahrheit.

Sein Titel ist "Standing with Truth". Und das zweite Zelt mit dem Titel "Museum Tent" ist mehr verspielt. Und mehr im Zusammenhang mit Humor zu verstehen, wobei die Selbstporträts eher konventionelle Stufen des Selbst darstellen. In dieser Stufe oder Schicht ist mehr Vielfalt. Und das letzte Zelt ist das Wahrzeichen der Leere.

Und dort zitieren Sie einen Text auf der äußeren Oberfläche.

Ja, das ist der Text des Vajrayana Gelübdes, der Praxis des esoterischen Buddhismus und des Diamantweges. Nach den Vajrayana Schriften bezieht sich "Vajrayana" auf eines der drei Vehikel oder Wege der Erleuchtung.

Bereits sehr früh, noch während der Zeit von Arte Povera und Transavantgardia begannen Sie, die indische Religion zu erforschen. Konnte Ihnen der Katholizismus in Italien das nicht geben, was Sie in Indien gesucht haben?

Ich bin wirklich nicht derjenige, der eine Religion gegen die andere austauscht. Ich bin nicht an der Religion, als einem autoritären oder geschlossenen System interessiert. Es widerstrebt mir zu sagen, das ist schlecht oder das ist besser. Für mich war es der richtige Weg zu gehen, zu versuchen, ein Gleichgewicht zu finden, um eine Haltung zu bewahren. Im dritten Zelt gibt es auch keine orthodoxe Ikonographie.

Die Bewegungen Arte Povera und Transavantgardia fanden in den siebziger Jahren statt. Einer Zeit, als Italien und die Bundesrepublik Deutschland sich mit aufkommenden massiven, politischen und sozialen Probleme sowie radikalisierten Terrorgruppen auseinandersetzen mussten. Das gesamte demokratische Gefüge war in Gefahr. Im Jahr 1979 marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein. Sie wendeten sich in dieser Zeit Indien zu. Ist das zufällig oder stehen die Ereignisse im Zusammenhang?

In den frühen siebziger Jahren ging ich zu der Theosophischen Gesellschaft in Madras. Ich zögerte wirklich, mich auf den Konflikt meiner Generation einzulassen.

Was war es, das Sie gesucht haben?

Ich dachte, dass die Geschichte bankrott war. Ich konnte sehen, dass die Geschichte die besten Köpfe manipuliert. Alles war ein schwarzes Loch, es war eine Frage des Überlebens.

Es gab eine rechtsradikale Organisation, "Ordine Nuovo" von Carlo Maria Maggi, der anti-kommunistischen Zellen wie der "Nuclei di Defesa dello Stato", die Vereinigung für die Verteidigung des Staates, organisierte.

Das waren die Faschisten…

Ja, ist es möglich, dass diese gewalttätige Situation in Italien Sie in eine andere Richtung geführt hat?

Viele meiner Freunde waren für die linke Politik aktiv, auf einem sehr gefährlichen Weg. Mein bester Freund wurde erschossen. Es war eine sehr harte Realität. Mein Weg war dazu bestimmt weicher zu sein. Ich sehe mehr die erlösende Qualität von Schmerzen. Aber ich versuche immer, sehr schmerzhafte Bilder in einer eher verführerischen und süßen Art, und eben sehr süße und verführerische Bilder in einer leidenschaftlichen und schmerzhaften Art und Weise zu zeigen. Das ist meine Strategie, in dieser Weise vorzugehen. Es gibt keinen Aspekt des Lebens oder des Gedächtnisses, der nicht berücksichtigt werden sollte. Nichts sollte ausgelassen werden.

Es ist also mehr eine Philosophie des Gleichgewichts.

Und auch der Integration. Die moderne Tradition der Dichtung arbeitet einschließend. Die bildliche Tradition geht eher ausgrenzend vor, konzentriert sich auf einen sehr begrenzten Bereich. Ich hatte immer mehr die Idee der Inklusivität.

Wurden Sie von Ai Wei Wei, Jan Fabre oder Tracey Emin, die auch Zelte verwendet haben, inspiriert?

Das ist eine gute Frage, aber die Art, wie ich gedanklich funktioniere ist anders. Ich beginne immer mit persönlichen Sachen. Ich fertige meine Arbeit und erstelle erst viel später den Bezug zur Welt.

Ist das Zelt auch mit einer Vorstellung von Utopie verbunden?

Heute würde ich nicht sagen, dass meine Arbeit irgendeinen Bezug dazu hat. Aber wenn Sie mich in Bezug auf die Siebziger fragen, ist Utopie ein wichtiges Element. Nicht als ein geschlossenes System des Denkens, sondern als eine Strategie um ausdrücken zu können: Das ist nicht die bestmögliche Welt, es gibt andere Welten, die möglich sind.

Beinhaltet das auch die Idee von Heilung? Haben Sie versucht, einen neuen Weg für die Gesellschaft mit dem Medium der Kunst zu finden?

Ja, ich mag den Begriff der Heilung, denn das war immer eine meiner Absichten. Meine Generation konnte nicht so weiter machen. Man muss die Vorstellung von einem Zentrum aufgeben, die Zugehörigkeit zu einem Zentrum, auch die Idee, dass man selber ein Zentrum ist. Ich will meine Absichten verschleiern. Joseph Beuys Absichten zu der Zeit waren beispielsweise explizit, meine verkleidet. Das Zelt ist da, um die Grenzen aufzuweichen. Es geht um die Heilung der Vorstellungskraft, als eine Möglichkeit, sich mit eigenen, grundlegend emotionalen Instrumenten zu verbinden.

Sie suchen nach einer umfassenden Weichheit.

Ja, und man soll wirklich nicht wissen, wo die Arbeit aufhört. Es gibt keine Grenzen. Ich mache keine Objekte, wo man den Anfang und das Ende sehen kann.

Die Zelte sind außen mit einem Camouflage-Muster überzogen, das man von Innen wie bei einem Palimpsest sehen kann. Spielt die Camouflage auf Tarnung und die Idee des Verschwindens und der Unsichtbarkeit an? Oder ist sie als Kriegsstrategie zu verstehen, als Widerstand gegen Dominierung?

Verschwinden, das ist schön. Ich mag das. (lacht) Das ist richtig!

Im zweiten Zelt gibt es verschiedene Symbole, sind das alchemistische Zeichen? Braucht man einen Schlüssel, um ihre Geheimnisse zu öffnen?

Meiner Ansicht nach spiegelt das erste Zelt eine Identität, die gerade agiert. Reflektion findet im zweiten Zelt statt, und im dritten steht man vor dem eigentlichen Dilemma der Zugehörigkeit. Wie gut es eigentlich ist zu wissen. (lacht)

Die Bewegung und die physische Möglichkeit durch die Zelte zu gehen, erinnert mich an "Das Tor des Kusses" von Constantin Brancusi und den anthropologischen Begriff der "rite de passage".

Ja, absolut. Da gibt es diesen Punkt der Orientierung in meinem Kopf, an dem ich mir immer ein Tor vorgestellt habe.

Was denken Sie über Globalisierung?

Ich muss sagen, dass ich erst an Globalisierung glaube, wenn ich sehe, dass ein Student aus Paris ein Taxi in Lahore fährt. Wenn ich einem Bauern aus Rajasthan auf der Bond Street begegne. Erst dann werde ich glauben, dass es Globalisierung gibt. In diesem Moment gibt es keine Globalisierung, das ist eine Lüge. Aber es ist wahr, dass es überall Übergänge gibt, dass nichts alleine steht. Das ist nicht neu: Kunst, Dichtung und Musik sind seit jeher gereist. Auf diese Weise können wir die Zelte verstehen.

Sie haben schon sehr früh unseren westlich geprägten Blick für ihre Auseinandersetzung mit Indien geöffnet. Aber haben Sie im Gegenzug auch etwas nach Indien gebracht?

In der Tat, ich habe ein Publikum in Indien, vor allem Künstler.

Was war denn zuerst da, eine Neugierde auf das Land Indien oder dessen Religion?

Es war eine Notwendigkeit. Als 19-Jähriger zu der Zeit in Italien hatte ich ein komplett gebrochenes Herz. Ich würde auch zum Nordpol gegangen sein, um etwas anderes zu sehen. Um eine Alternative zu dem zu erleben, was ich sah.

Aufgrund der politischen Situation.

Ich wollte nicht kämpfen. Aber dann musst du kämpfen! Der springende Punkt in der Auseinandersetzung mit der Baghavatgita ist, dass man eine Pause macht. Man pausiert, bevor man kämpft! Man stoppt. Und weil man verweilt, muss man nicht mechanisch handeln, wenn man dann kämpft.

Sie machen also gerade eine Pause.

Hoffentlich bis zu meinem nächsten Leben! (lacht laut)

Glauben Sie, dass die indische Gesellschaft auf dem Weg ist sich zu verändern? Nach dem jüngsten weltweit aufsehenerregenden Urteil gegen die Männer, die diese junge Studentin getötet haben?

Ich denke, es gibt gerade einen starken Prozess der Versöhnung zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Dynamiken. Die enorme Herausforderung besteht darin, den Sinn für das Heilige lebendig zu halten und gleichzeitig in die Moderne einzutreten und sie zu entwickeln. Es ist eine Gesellschaft mit einem enorm bösen und einem enorm guten Potenzial.

Entschuldigung … (beginnt zu weinen) … mir kommen Tränen in die Augen. Ich fühle so sehr mit dem Land. Entschuldigung, dass ich das Interview in Tränen beende.

Francesco Clemente – Tents

21. September bis 9. November,
Blain|Southern,
Berlin
http://www.blainsouthern.com/exhibitions/2013/francesco-clemente-tents