Thomas Schütte - Interview

Ich bin König und Arbeiter gleichzeitig

Mit vier großen Ausstellungen in Basel, Berlin, Essen und Luzern ist Thomas Schütte der Star der Museumssaison. Er arbeitet lieber in seiner Düsseldorfer Werkstatt, als in ein Diktiergerät zu sprechen. Für art nahm er sich trotzdem die Zeit. Ein Gespräch mit Deutschlands wichtigstem Bildhauer der Gegenwart, der sich dem Zeitgeist immer konsequent verweigert hat.

Der Empfang in einem lichten Düsseldorfer Altbau fällt ein wenig ruppig aus: Interviews zu geben ist Thomas Schütte lästig.

Lieber säße der Künstler, der als einer der wichtigsten lebenden Bildhauer Deutschlands gilt, an seiner Kunst. Schließlich müssen vier Ausstellungen gleichzeitig vorbereitet werden.

Nach einer knappen Stunde findet Schütte, er habe genug geredet. Wir fahren in seine Werkstatt im Düsseldorfer Hafenviertel. Hier entstehen seine Skulpturen. Die hintereinander gestaffelten Werkshallen, in denen Arbeiter in Schutzkleidung emsig schleifen, Bronze erhitzen oder Gussformen präparieren, teilt Schütte sich mit dem Bildhauer Tony Cragg. Die Atmosphäre ist angenehm. Kein Gehilfe, den der Meister nicht mit Handschlag begrüßt. Hier, wo es nach Schweiß und Werkstoffen riecht, fühlt der Künstler sich augenscheinlich wohler als am Schreibtisch vor laufendem Diktiergerät.

art: Herr Schütte, in Berlin sind demnächst Ihre Grafikserien ausgestellt, in Luzern Architekturmodelle, in Essen opulente, klassisch anmutende Bronzeleiber und in Basel vier „Große Geister“ und andere Großskulpturen – männliche Wesen, die aussehen wie aus einem Science-Fiction-Comic. Wer Ihr Werk nicht kennt, käme nicht darauf, dass hier jedes Mal der gleiche Künstler zugange war. Was verbindet die Arbeiten?

Thomas Schütte: Ich verbinde die Sachen. Ich habe das Markenproblem nicht. Alle haben das Markenproblem, ich nicht. Kürzlich habe ich mit Gerhard Richter gesprochen, und wir waren uns einig: Es gibt überhaupt kein Stilproblem. Es gibt vielleicht ein Sinnproblem oder ein Energieproblem, aber das Problem, im Warenhandel eine Marke daraus zu machen, das gibt’s in der Kunst gar nicht.

Vielen Künstlern ist es wichtig, eine wiedererkennbare Handschrift zu entwickeln, um überhaupt wahrgenommen zu werden.

Sagen wir es ganz simpel: Der Markt möchte natürlich Verkehrszeichen. Der will ja gar keine Kunst, der will gut benutzbare Oberflächen. Wenn Künstler etwas anderes tun, kriegt das häufig kaum einer mit. Dass Lucio Fontana auch figurativer Bildhauer war, ist so gut wie nicht bekannt, er hat sogar Madonnenfiguren gemacht.

Wie schaffen Sie es, gleichzeitig vier große Einzelausstellungen zu bestücken?

Drei der Ausstellungen sind quasi Übernahmen. Die 18 „Frauen“, die in Essen gezeigt werden, waren vorher in Rivoli zu sehen. Die Ausstellung in der Fondation Beyeler ist eigentlich eine Übernahme der Serpentine Gallery, nur viel größer, und die Architekturmodelle waren vorher in der Villa Paloma in Monaco ausgestellt. Aber in jeder der Schauen zeige ich auch etwas Neues, ist ja klar. Das Spezielle daran ist, dass die Kunst fast komplett aus meinem Archiv kommt. Es gibt relativ wenige Leihgaben. Das ist selten, dass man als Künstler so viele Sachen hat, nicht nur Überreste in den Lagern.

Warum? Sie sind doch extrem erfolgreich.

Ein alter Händlerspruch lautet, was du heute verkaufst, kannst du morgen nicht verkaufen.
Seit zirka zehn Jahren habe ich so viele Arbeiten behalten, wie es nur ging. Außerdem schmeiße ich fast nichts weg. Alles kann man irgendwie noch umoperieren. Da kommt eigentlich immer was bei raus. Vor 15 Jahren habe ich zum Beispiel so kleine Keramiken gemacht – die Vorlagen für die großen „Frauen“ – jede Stunde eine. Irgendwann waren da 120 Dinger. Die Figuren, die nicht klappten, wurden gleich mit einem Brettchen plattgehauen und direkt integriert in die ganze Arbeit, die in Regalen ausgestellt wird. Die Fehlversuche waren hinterher die Schönsten. Ich wollte, dass das Projekt Formsuche erhalten bleibt mit allen Höhen und Tiefen. Eine Entgleisung ist ja auch viel einfacher herzustellen als etwas Schönes. An einem schönen Kopf sitze ich fünf Monate, dreimal die Woche, und der wird und wird nicht. Das Schöne ist so unendlich schwer zu machen, man kann es vorher nicht ausrechnen, dann wäre es ja nicht schön.

Wie erklären Sie sich ihren unglaublichen Erfolg?

Ach, so unglaublich ist der gar nicht. Einen Erfolg hatte ich schon immer, nämlich, dass ich von meiner Arbeit leben kann. Das können ja nur drei Prozent der ausgebildeten Künstler. Glücklicherweise habe ich mich getraut, mal so einen Kopf zu modellieren und ein paar Männchen und das Glück gehabt, mich damit durchzusetzen. Mit den „Geistern“ habe ich allerdings wieder aufgehört, weil das zu markenmäßig wurde. Aber der Erfolg besteht ja darin, dass ich bestimme, was ich mache. Der Erfolg für einen Künstler besteht nicht darin, dass er bedient. Ein Künstler ist doch kein Kellner.

Die „Geister“ scheinen mit ihrer Comic-Ästhetik leichter konsumierbar als die „Frauen“, bei denen man das Gefühl hat, die gesamte Kunstgeschichte mitdenken zu müssen.

Das Medienpublikum ist mir völlig egal. Ich stehe ja nicht auf der Bühne und muss Beifall heischen. Ich mache das ja nur für mich. Und für ein paar Kriterien, die immer noch gelten, aber das ist bildende Kunst. Ich bin ja kein Darsteller, der sich ausdenkt, was die anderen denken. Da denke ich überhaupt nicht drüber nach. Der Kunde ist bei mir nicht König. Ich bin König und Arbeiter gleichzeitig. Die Leute, die dann aber persönlich in die Ausstellung kommen, sollen allerdings auch gut bedient werden.

Man hat den Eindruck, dass Sie als Künstler immer genau das tun, was möglichst weit von einem gerade herrschenden Trend ist: Blumenaquarelle, Porträtzeichnungen, Bronzeskulpturen, Keramikreliefs. Steckt dahinter eine Strategie?

In England sagen sie: He is a contrarian, also ein widerborstiges Wesen. Scheint so zu sein. Also: Ich mache Dekoration, alle anderen malen große Bilder. Dann baue ich Modelle für Häuser, alle anderen machen Riesenpimmel.

Sie haben eine solche Abneigung gegen den Zeitgeist, dass Sie immer die Gegenrichtung einschlagen?

Viele Leute machen ja gerne das, was die anderen auch machen. Der Markt funktioniert so, die Börse funktioniert so, alles funktioniert so. Und ich funktioniere eben nicht so. Ich mache liebend gerne das, wo mir keiner reinredet. Wieso malt eigentlich außer mir keiner Blumen? Und wer zeichnet schon klassische Porträts von lebenden Menschen – außer Konrad Klapheck oder David Hockney? Das macht sonst keiner.

Sie haben keinerlei Angst vor Peinlichkeiten?

Och, ich habe schon meine Ängste.

Aber nicht in der Kunst.

Nö, in der Kunst habe ich keine Angst.

Man müsste sich also nicht wundern, wenn Sie demnächst mit Makramee arbeiten oder in Seide malen würden?

Abstrakter Konformismus, das wäre noch interessant. Abstrakte Kunst geht ja flott. Dafür braucht man nichts zu können. Das kann man auch jeden anderen machen lassen.

Aber Sie arbeiten lieber mit Ihren eigenen Händen.

Erst mal muss ich mich ja selber unterhalten. Dann will man natürlich auch einen Beitrag liefern. Es gibt ja auch noch so etwas wie eine Geschichte. Das Töpfern war vor 20 Jahren ziemlich reaktionär. Heute steht eine Riesenschlange vor der Werkstatt. Keramik zu machen ist nicht einfach, und es ist relativ teuer. Bei mir pausiert das im Moment. Man kann ja nicht auf jedem Acker gleichzeitig rumwühlen. Mein Lieblingshobby ist ja im Moment Häuserbauen. Teehäuser oder Gartenhäuser auf Privatgrundstücken. Das ist total interessant.

Für wen machen Sie das?

Meistens für Kunstsammler, denen ich vorher ausrede, eine Großskulptur in den Garten zu stellen. Lass uns doch lieber ein Haus bauen, sage ich dann, manchmal klappt es. Zuletzt habe ich ein Teehaus in Neuss gebaut. Es heißt so, weil es eine leicht japanische Anmutung hat – jedenfalls ist es ein langwährendes Hobby von mir, weil es keiner macht. Jetzt häufen sich natürlich die Aufträge, und ich muss ein bisschen mehr tun, als nur die Schubladen aufmachen. Aber wenn sich einer querstellt, zum Beispiel das Bauamt, habe ich überhaupt kein Problem zu sagen: O.k., dann geht’s eben nicht. Ich kann jederzeit sagen, ich mache das alles nicht mehr. Ich habe mich immer mal wieder ein Jahr lang zurückgehalten. Meistens zwangsweise wegen Breakdown.

Sie haben zu viel gearbeitet?

Ja, heute heißt das Burnout, früher hieß das Psychiatrie, ganz simpel. Kann man überleben, man muss nur immer weitermachen.

Arbeit als Therapie?

Das sind meine besten Tage: Nicht rumsitzen und palavern oder Flaschen leeren, sondern arbeiten – so zwei, drei Stunden. Die körperliche Arbeit hat sich allerdings sehr reduziert.

Und Büroarbeit?

Ich habe keinen Riesenbetrieb. Ich habe eineinhalb Leute, die für mich das machen, was ich nicht anfassen will: Computer, Website, Lager. Die Verwaltung mache ich selbst. Auch die Rechnungen schreibe ich selbst, und zahle auch selber. Das Schönste am Erfolg ist, dass ich mir mittlerweile die Kundschaft aussuchen kann.

Nach welchen Kriterien machen Sie das? Sympathie?

Ich habe nur einen blöden Sammler, der gegen meinen Willen an viele Sachen gekommen ist. Aber ich habe das große Glück, nur mit netten Leuten umgehen zu dürfen.

Ihre Kunst muss man sich leisten können.

Mich haben die hohen Preise nie interessiert, bis vor ein, zwei Jahren. Jetzt habe ich nichts mehr dagegen.

Warum?

Weil ich neuerdings eine Stiftung habe. Wir wollen eine Ausstellungshalle für meine Werke bauen, dafür brauchen wir ziemlich viel Geld, aber darüber kann ich noch nicht sprechen. Das konstituiert sich gerade erst. Und als ich festgestellt habe, dass die Zwischenhändler, die sich Sammler nennen, den immensen Profit machen bei den Auktionen, habe ich beschlossen: Hier wird nichts mehr verkauft ohne Gesichtskontrolle. Nicht per E-Mail, nicht per Handy, nicht per Ektachrome, ich statte auch keine Messen mehr aus. Ich mache das alles nicht mehr, weil zu viele Leute mit einer Liste da ruminvestieren, und das halte ich mir vom Pelz.

Was macht gute Kunst aus?

Dass man sich mal einen halben Tag drüber freut. Oder dass etwas bleibt. Was von dem vielen Gewäsch bleibt denn eigentlich? Gute Kunst ist so knapp.

Die Ausstellungen:

Berlin: "Schöne Grüße Thomas Schütte", noch bis zum 16. März 2014 im me Collectors Room
Essen: "Frauen", noch bis zum 12. Januar im Museum Folkwang
Basel: "Thomas Schütte", vom 6. Oktober 2013 bis zum 2. Februar 2014 in der Fondation Beyeler
Luzern: "Thomas Schütte. Houses", vom 26. Oktober 2013 bis zum 16. Februar 2014 im Kunstmuseum Luzern