Hélio Oiticica - Frankfurt

Farben aus Grenzen erlösen

Die zentrale Idee des Brasilianers war es, Kunst für die Gesellschaft zu öffnen: Die Ausstellung im MMK in Frankfurt zeigt nun zum ersten Mal in Deutschland eine Retrospektive auf Oiticicas Werk.

Dass das Werk von Hélio Oiticica hierzulande kaum bekannt ist, ist ein Versäumnis, und man mag kaum glauben, dass es im deutschsprachigen Raum bisher keine Retrospektive des Brasilianers gab.

Denn der Künstler, der 1980 mit nur 42 Jahren starb, war ein Visionär. Seine Werke aus den sechziger und siebziger Jahren, deren zentrale Idee es war, Strukturen zu sprengen und die Kunst für die Gesellschaft zu öffnen, wirken noch heute unerhört zeitgemäß.

Bereits in den Fünfzigern prägte der Maler als Mitglied der Künstlervereinigung Grupo Frente die brasilianische Neo-Konkretismus-Bewegung. In den frühen sechziger Jahren entwickelte Oiticica schließlich diverse Ideen, um Farben aus ihrer Begrenzung zu lösen und das Erleben des Betrachters zu intensivieren. Der Künstler ließ monochrome Bilder von der Decke hängen, schuf frei im Raum schwebende Reliefs und Behälter voller Pigmente, Kieselsteine, Muscheln oder Erde, in die der Betrachter hineingreifen konnte.

Es folgten die "Parangoles", textile Skulpturen zum Anziehen, die Oiticica ursprünglich für Sambatänzer in den Favelas ersonnen hatte. Der Künstler, der selbst aus einem bürgerlichen Milieu stammte, war von der Welt der Favelas – ihrer Musik, ihren Farben und der Architektur der Slumhütten – zutiefst fasziniert. Er nahm jedes Jahr an den Umzügen der Favela Manguiera teil. Im Nachhinein erscheinen die "Penetráveis" – begehbare, labyrinthartige Rauminstallationen, die im Anschluss entstanden – als logische Weiterentwicklung. Bei Oiticica erfolgte jeder Schritt auf der Basis vorhergehender Überlegungen, weshalb das Museum für Moderne Kunst die Arbeiten in chronologischer Reihenfolge präsentiert.

In den siebziger Jahren ging Oiticica für mehrere Jahre nach New York. Hier entwickelte er Konzepte und Modelle für benutzbare Räume, die jedoch zu seinen Lebzeiten nicht ausgeführt wurden. Als Bestandteil der Ausstellung, die zuvor in Brasilien und Portugal zu sehen war, sind in Frankfurt nun drei postum ausgeführte Bauten in Originalgröße zu sehen: ein Pavillon aus miteinander verzahnten Räumen, ein Metallkäfig sowie ein Gebilde aus segelartigen, weißen Paneelen, die in unterschiedlichen Winkeln ausgerichtet das Licht brechen.

Hélio Oiticica – Das große Labyrinth

Frankfurt am Main, Museum für Moderne Kunst
28.9.–12.1.14

Gegen Vorlage ihrer artcard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt. Der Katalog erscheint im Verlag Hatje Cantz und kostet 34,80 Euro
http://www.mmk-frankfurt.de/de/ausstellung/die-aktuellen-ausstellungen/austellung-details/exhibition_uid/10780/