Liu Xiaodong - London

Menschen sehen, wie sie sind

Der chinesische Maler Liu Xiaodong bringt seinen dokumentarischen Realismus nach London und malt die Pubs rund um die Galerie Lisson.

Drei großformatige Ölgemälde in einem Raum. Zwei davon lebensgroße Porträts von Menschen in ihrer Arbeitswelt, zwei Londoner Kneipen. Das dritte ein leerer Raum mit Tisch und Stühlen, wohl ein Café.

Realistische Porträts, die lockeren, pastosen Pinselstriche erinnern ein wenig an Lucien Freud. Hat sich die Lisson Gallery, bekannt für ihre hervorragende Nase für die Avantgarde, ganz plötzlich der figurativen Malerei, dem Porträt verschrieben?

Nicholas Logsdail, der mit seiner Galerie in den achtziger Jahren eine neue Generation von Plastikern wie Anish Kapoor und Tony Cragg zu Weltruhm führte, ist als Galerist nicht stehen geblieben, sondern hat immer wieder neue Bereiche für sich entdeckt. Etwa Aspekte der gegenwärtigen chinesischen Kunst, Ai Weiwei ist einer seiner Künstler und nun auch Liu Xiaodong (geboren 1963). Und die Galerie, angesiedelt in einer etwas heruntergekommenen Gegend am Rand der Innenstadt, umgeben von Sozialbausiedlungen, geht mit ihren Künstlern auch immer wieder hinaus, um mit in der Umgebung lebenden und arbeitenden Menschen ins Gespräch zu kommen.

Genau das tat Liu Xiaodong. Sechs Wochen lang verbrachte er damit, zunächst die Nachbarschaft der Galerie kennenzulernen, mit Menschen zu sprechen. Schließlich wählte er drei Motive aus, die er zu malen gedachte: zwei traditionelle Pubs und ein ägyptisches Kaffeehaus. "Half Street" nennt er seine erste Londoner Schau, und in der Tat sind die drei dargestellten Lokale nur einen Steinwurf von der Galerie entfernt.

Im Pub Perseverance, "Der grüne Pub", malte er die Angestellten, den Koch und zwei Bartender sowie den auf der Theke schlafenden Hund. Im Pub The Chapel, "Der weiße Pub", stellte er den französischen Koch, dessen polnische Frau und deren kleinen Sohn dar. Eine leicht komisch-surrealistische Note steuert ein als Cowboy verkleideter Mann auf einem Spielzeugpferd im Hintergrund bei. Das ägyptische Kaffeehaus ist dagegen menschenleer, die Wasserpfeife ist ausgegangen, die leeren Stühle warten auf neue Gäste. Das muslimische Fest Eid, das den Fastenmonat Ramadan beendet, war gerade vorüber, als er das Bild malte, und in Ägypten hatte das Militär erneut die Macht übernommen.

Liu, der die traditionelle chinesische Staffeleimalerei erneuert und erfrischt hat, sieht die Ölmalerei als einen Prozess der Wahrnehmung. Er malt immer vor Ort, en plein air, und sein ihm ganz eigener Realismus hat etwas Dokumentarisches. "Mein einziges Ziel ist es, mich mit Menschen zu beschäftigen und sie so zu sehen, wie sie wirklich sind", sagt er. Für eine Schau im Kunsthaus Graz dokumentierte er die steirische Eisenerzförderung und was von ihr übrig ist, vor drei Jahren kehrte er in seine Heimatstadt Jincheng zurück und malte dort über vier Monate seine ehemaligen Freunde in veränderter Umgebung, und im selben Jahr verknüpfte er das Erdbeben von Beichuan, dem 70 000 Menschen zum Opfer fielen, und die Verseuchung des Sees Taihu zu einer bewegenden Folge von Bildern. "Ich habe Vetrauen in die figurative Malerei", sagt er, "es ist der einzige Weg für mich, das festzuhalten, was sich sehe."

Die großformatigen Ölbilder sind jedoch nur ein Teil seines Arbeitsprozesses. Außerdem führt er Tagebuch, er macht Fotos und filmt - er selbst ist im Nebenberuf Filmschauspieler. Einige der Fotos übermalt er, in der Schau hängen zu jedem Ölbild acht übermalte Fotos – "eigenständige Werke, angesiedelt zwischen Skizze und Kunstwerk", sagt er.

Liu Xiaodong "Half Street"

Lisson Gallery, London. Bis 2. November 2013
http://www.lissongallery.com