Gregor Hildebrandt - Berlin

Jadetempel aus Vinyl

Gregor Hildebrandt brilliert mit einer Schau bildgewordener Tonträger in Berlin.

Schon beim Betreten der Galerie wird einem ganz schwarz vor Augen. Eine mit ornamentalen Luftlöchern durchwirkte Vinylwand versperrt das Blickfeld, gelackt und elegant wie ein zeitgemäß reinterpretiertes Interieurstück aus dem Art-Déco.

Vor lauter dicht an dicht gestellten Aufbauten erkennt man den Raum hinter den geschwungenen Säulen kaum. Wobei man im Falle des Urhebers Gregor Hildebrandt eigentlich weniger von Säulen als vielmehr von Plattentürmen sprechen muss. Aus insgesamt 5600 verformten Schallplatten hat der passionierte Kunstverwerter diese phänomenale Rauminstallation zusammengesetzt, je zwei sich spiegelbildlich ergänzende muschelförmige Vinylschalen bilden die Basiselemente. Der auch für Privatsammler adaptierbare Raumteiler setzt sich im weiteren Innenraum der Galerie Wentrup wie ein Koordinatenkreuz fort, dort aber öffnet sich ein raffiniertes Vexierspiel aus Abstraktion und privatmythologischer Anspielung. "In Jade stände eine Stadt" raunte es bereits poetisch von der Einladungskarte.

Gregor Hildebrandt, 1974 in Bad Homburg geboren, ist so minimalistisch wie kompliziert, so abstrakt wie obskur, so cool wie nostalgisch, zur verständlichen Pop-Geste genauso aufgelegt wie zur vertrackten Kopfakrobatik. Für diese Berliner Präsentation bemühte er nicht zuletzt den Dichter Alexander Losse und ließ überdies eines von Losses Gedichten von dem 1981 durch den Song "Eisbär" bekannt gewordenen Stephan Eicher vertonen. Der von Losse herrührende Titel der Ausstellung bezieht sich laut Selbstauskunft des Künstlers auf einen ominösen Jadering, den er seiner Lebensgefährtin in Peking verehren wollte – Hildebrandt bildet bekanntlich mit der erfolgreichen Konzeptbildhauerin Alicja Kwade seit Jahren eines der fotogensten Paare der Berliner Szene. Auf einem digitalen Pigmentdruck sieht man die zu einem Unendlichkeitszeichen gedoppelten Schemen des projizierten Jaderings wie eine planetare Himmelserscheinung vor dunklem Grund gleißen. Ähnlich wie hier in der diffusen Liebesanspielung beruht ein Großteil von Hildebrandts künstlerischem Faszinosum auf reiner Imagination. Schließlich können wir auch die Musik, die Kompositionen nicht hören, die sich in Tausenden von Tonbandmetern als glamouröse Streifen meist längsgerichtet über seine zweidimensionalen Werke ziehen. Bei Wentrup kontrastieren zwei als "Jadische Säulen" betitelte großformatige Bilder in Hell-Dunkel-Opposition, auch sie sind im wahrsten Sinne des Wortes Bildträger der von Hildebrandt bespielten, aber wohl nie mehr vernehmbaren Kassettenbänder.

Bis auf eine vierteilige museumsreife Bildreihe waren alle Arbeiten bereits kurz nach der Eröffnung der Schau verkauft. Darunter auch zwei seiner bei 28 000 Euro veranschlagten Kassettenkästen, auf deren Oberfläche Hildebrandt die Porträts von Schauspielerikonen wie Romy Schneider in einem durchgerasterten Puzzle zusammensetzt. Seit 2000 arbeitet er kontinuierlich an dieser Serie glamourös zerstückelter Filmmythen. Man könnte meinen, dass Hildebrandt aufgrund seiner Begeisterung für überlebte Tonträger seit Jugendjahren in einer Rockband spielen oder zumindest den Punk-Musiker geben müsste. Nein, er sei selbst leider überhaupt nicht musikalisch, bedauert Hildebrandt. Um so manischer ersteigert er weiter bei Ebay die verbliebenen Kontingente an Leerkassetten, Schallplatten, Ton- und auch Videobändern. Schließlich verschlingen seine Bildwerke Unmengen von diesen immer rarer werdenden Objekten und Tapes einer bereits ausgestorbenen Technologie der Musik- und Filmindustrie.

Hildebrandts Stärke liegt nicht nur in dem bis zu Kunstgrößen der Abstraktion wie Ad Reinhardt oder Malewitsch reichenden Anspielungsspektrum, sondern vor allem auch in der detaillierten Geschliffenheit der einzelnen Arbeiten. Dass er dennoch Leerstellen und Fehler im gelackten System wie etwa hier und da die desillusionierenden Enden der Tapes stehen lässt, macht den besonderen Reiz aus. "Schon mein Professor Dieter Hacker meinte immer, dass Perfektion Leichengift sei", sagt er. Andererseits konserviert Hildebrandt tonale und andere Erinnerungen wie für die Ewigkeit in einer nicht mehr zu öffnenden Totenkammer. Und natürlich betreibt er auch die reinste und herrlichste Verschwendung von ohnehin knappen Ressourcen. Komprimiert wie in der auf einer Töpferscheibe hergestellten schwarzen Schale aus dicht ineinander verzwirbelten Videotapes, sieht man die Datenträger schönheitlich zum Kunstobjekt zerstört. Keine Frage, Hildebrandts teils verschwiegener Jadetempel ist das bislang unübertroffene Highlight des Berliner Galerienaufgebots dieses Herbsts.

Gregor Hildebrandt: "In Jade stände eine Stadt"

17. September bis 26. Oktober, Galerie Wentrup, Berlin


http://http://www.wentrupgallery.com